Mannheim setzt neue strategische Schwerpunkte

„Die Stadt der Zukunft ist die Stadt der Kreativen“

Ideen sind der Rohstoff der Zukunft. Wer im Wettbewerb der Städte bestehen will, muss kreative Talente nicht nur ausbilden und anziehen – sondern auch halten. Mannheim hat dies früh erkannt und einen ihrer strategischen Schwerpunkte auf die Kultur- und Kreativwirtschaft gelegt.

„Ohne schöpferische, selbstständig denkende und urteilende Persönlichkeiten ist eine Höherentwicklung der Gesellschaft ebenso wenig denkbar wie die Entwicklung der einzelnen Persönlichkeit ohne den Nährboden der Gemeinschaft.“ Dieser Satz stammt von niemand Geringerem als Albert Einstein, der dabei sicher nicht an Dinge wie „Kultur- und Kreativwirtschaft“ dachte. Und doch hatte der Nobelpreisträger schon damals erkannt, wie wichtig Kreativität für gesellschaftliches Wachstum ist. Nicht ohne Grund hat die Europäische Union 2009 zum Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation erklärt: Denn heute ist es die sogenannte „Kreative Klasse“, die maßgeblich die wirtschaftliche Dynamik bestimmt.

Geprägt wurde der Begriff der „Creative Class“ von dem britischen Stadtforscher Charles Landry und dem US-amerikanischen Ökonom Richard Florida. Laut Florida sind die kreativen Köpfe einer Gesellschaft und die von ihnen ausgehenden Innovationen entscheidend für das ökonomische Wachstum einer Region. Denn Kreative erwirtschaften nicht nur ein überdurchschnittlich hohes Einkommen, sondern sie schaffen auch Arbeitsplätze. Um das Potenzial einer Region zu analysieren, entwickelte der Professor of Business and Creativity an der Universität von Toronto das Modell der drei T´s. Technologie, Talent und Toleranz sind die Merkmale, die eine Stadt für die Kreativen attraktiv machen. Nur wo alle drei Bedingungen zusammenspielen, kann ein innovatives urbanes Umfeld entstehen.

An einem solchen Umfeld arbeitet der Mannheimer Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz. „Die Stadt der Zukunft ist die Stadt der Kreativen. Die Erfinder und Kopfarbeiter, die Strategen und Entwickler, aber auch die Bohemiens und Künstler sind entscheidend, wenn es um wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand geht“, betont das Stadtoberhaupt.

Kultur- und Kreativwirtschaft ist längst mehr als nur eine Frage des Images: Nach einem 2009 veröffentlichten Forschungsbericht der Bundesregierung lag die Kultur und Kreativwirtschaft 2006 mit einem Anteil von 2,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zwar noch hinter der Automobilindustrie (3,1 Prozent), aber bereits vor der Chemieindustrie (2,1 Prozent) – mit steigender Tendenz. 2008 konnte die Branche schätzungsweise einen Beitrag in Höhe von rund 63 Milliarden Euro zur Bruttowertschöpfung leisten, zwei Milliarden mehr als 2006.

Es ist kein ganz einfacher Paradigmenwechsel – erfordert er doch ein grundsätzliches Umdenken: So wurde unter anderem das Potenzial kleiner Unternehmen lange unterschätzt. Dabei ist die Branche außerordentlich innovativ. So dachten viele Experten zuerst an einen Aprilscherz, als Dr. Steffen Noehte und Matthias Gerspach ihre Erfindung präsentieren. Die Physiker, die an der Universität Mannheim forschten, hatten 1998 entdeckt, dass sich gewöhnlicher tesafilm als Datenspeichermedium nutzen lässt. Ein Beispiel dafür, wie enorm wichtig ein ausreichend großer Freiraum für Experimente ist, die (und an diesen Gedanken muss man sich erst gewöhnen) auch mal scheitern dürfen - ist doch das Finden unkonventioneller Lösungen eine entscheidende Ressource der Wissensgesellschaft.

Nun besteht die Kreativbranche aus vielen Individualisten, die sich nicht so einfach „einfangen“ lassen. Nicht nur die Arbeit, auch das Leben zählt – sofern sich bei den Kreativen beides überhaupt noch trennen lässt. Statt „People follow jobs“ gilt hier „Jobs follow people“. Kreative schätzen ein urbanes Umfeld mit einem interessanten Nachtleben und einem vielfältigen kulturellen Angebot. Ebenso wichtig ist ihnen Wohnqualität und ein von Toleranz geprägtes Klima. Und sie lieben ungewöhnliche Orte: Hier bietet Mannheim mit seiner Lage an zwei Flüssen und dem rauen Charme einer Hafenstadt noch eine Menge ungenutzter Möglichkeiten.

In einer durch Wissensarbeit geprägten Gesellschaft komme es zunehmend auf die Lebensqualität an, betont auch Prof. Björn Bloching von Roland Berger Strategy Consultants. Die Unternehmensberatung hatte gemeinsam mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ 2008 ein Städteranking veröffentlicht, in dem Mannheim unter den Top Ten der kreativen Städte Deutschlands gelistet ist. Die Belohnung für ein konsequentes Engagement in diesem Bereich: Bereits 2003 hatte die Stadt in die Kreativwirtschaft investiert. Das Potenzial ist jedoch noch lange nicht ausgeschöpft. „Talente überdurchschnittlich gewinnen, entwickeln und halten“ heißt eines der Strategieziele der Stadtverwaltung, das gerade in schweren Zeiten Sinn macht. Gilt die Kreativwirtschaft doch als besonders krisenfest.

„Mannheim kann sich als Heimat für kreative Menschen, als Stadt mit allen urbanen Vorteilen ohne die Nachteile der Mega-Citys positionieren und wird es auch tun“, betont Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz. „Exemplarisch lässt sich dies an der Entwicklung des Profils von Mannheim als moderne Musikstadt nachvollziehen. Hier hat sich mit dem Mannheimer Modell ein einzigartiges Kompetenzprofil etabliert.“ Die Kombination zwischen Pop-Akademie und Existenzgründerzentrum Musikpark gilt europaweit als Vorzeigemodell. Rund 3.650 Menschen verdienen heute ihren Lebensunterhalt in der Mannheimer Musikwirtschaft, die rund 85 Millionen Euro umsetzt. Mit diesen Zahlen liegt Mannheim im Vergleich mit zwölf Konkurrenzstädten in Deutschland nach Dresden auf dem zweiten Platz.

Auch die Hochschule Mannheim sieht die Stadt als festen Bestandteil des Themenfeldes Kreativbranche – und nicht allein die Fakultät für Gestaltung, sondern auch den technischen Bereich. Doch auch wenn man einen klassischeren und engeren Begriff von Kreativen heranzieht, verfügt Mannheim neben dem Kernkompetenz-Thema Musik und Musikwirtschaft über weitere hervorragend ausgebildete Sparten. Kurz sieht hier besonders das Grafik-Design gut aufgestellt mit einer weit verzweigten Landschaft an Agenturen. So bieten in der Quadratestadt allein über 100 Werbeagenturen ihre Dienste an. Der starken Musikkompetenz ist auch eine breites Veranstaltungs-, Event und Convention-Business geschuldet. Allein im Eventmanagement sind rund 40 Unternehmen tätig.

Auch das Thema Film steht ganz oben auf der Agenda. Mit der Einrichtung eines Projektleiters FilmCommission hat Mannheimgemeinsam mit der Metropolregion Rhein-Neckar einen wichtigen Schritt getan, um sich als Filmstadt stärker zu profilieren. „Insgesamt orientieren wir uns an den Kompetenzen, die unsere Stadt bietet und deren Strukturen gestärkt und vernetzt werden können“, beschreibt Kurz die Strategie der Stadt. Ein Beispiel: die Mode. Hier zeigt Mannheim bereits jetzt Flagge. Das Modelabel „Schumacher“ zum Beispiel findet sich in den angesagtesten Boutiquen der ganzen Welt. Im Abspann des Kino-Knüllers „Der Teufel trägt Prada“ wird Schumacher als Ausstatter der Schauspielerinnen gemeinsam mit Chanel, Prada und Hermès genannt.

Nachwuchsdesignerinnen wie Katrin Leiber haben „ihr Paris“ im Mannheimer Kreativviertel Jungbusch gefunden. Ihre Taschen genießen unter modebewussten Damen Kultstatus. Es wären noch viele zu nennen: Lina Heckmann zum Beispiel, die mit Bademoden startete und jetzt mit einer verspielten witzigen Mode und Anleihen bei der Flower-Power-Bewegung der sechziger Jahre erfolgreich ist oder Regine Maier, die unter anderem für Betty Barclay, Jill Sander oder Otto Kern gearbeitet hat, inzwischen mit O·P·Q – Regine Maier jedoch auch ein eigenes Label gegründet hat. Die Modistin-Meisterin Lili Seiler sorgt mit kreativen Hüten für Furore. Und sogar eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Mode-Designerin kann man in Mannheim absolvieren: Schon seit vielen Jahren bildet Brigitte Kehrer modebegeisterte junge Leute zu qualifizierten Fachkräften aus. Begeistert vom Thema Mode ist auch Martina Metzger, die ihre Kreativität nicht nur für ihr Designbüro Mesch einsetzt, sondern auch gemeinsam mit Freunden ein eigenes Modelabel „Falschparka“ betreibt, bei dem witzige Motive in Handarbeit auf Textilien gedruckt werden. Martina Metzger lebt seit 1993 in Mannheim – und sieht sich wie viele Kreative hier bestens aufgehoben. „Mannheim ist keine abgehobene Metropole, die sich auf Bestehendem ausruht. Hier kann man noch
gestalten, alle Möglichkeiten stehen offen – und es wird mutig ausprobiert.“