Mannheimer Unternehmer mit Migrationshintergrund

Innovativ und motiviert

Unternehmer mit Migrationshintergrund spielen in Mannheims Wirtschaft eine immer wichtigere Rolle. Das Deutsch-Türkische Wirtschaftszentrum hilft, die Hürden zu überwinden.

Dessen Unterstützung hat Mustafa Baklan jedoch nicht mehr nötig. Sein Unternehmen BAK Kardesler ist mit einem Umsatz von mehr als 80 Millionen Euro und weltweit mehr als 2.000 Mitarbeitern der größte türkische Lebensmittelhändler in Deutschland. Und längst beliefert er von seiner Unternehmenszentrale in Mannheim-Neckarau nicht nur türkische Märkte. Zu seinen Kunden gehören auch die großen deutschen Lebensmittelketten von Metro bis Edeka. „Baktat“ ist der Markenname für die Produkte aus dem Hause Baklan, was übersetzt in etwa heißt „Siehe hin und schmecke“. Das Sortiment in seinem Zentrallager reicht von Konserven, Getreide und Hülsenfrüchten über Soßen, Wurst, Käse, Tee und Kaffee bis hin zu Fruchtsäften, Gebäck und Konfitüren. Auch über eine eigene Lebensmittelproduktion verfügt die Familie Baklan, vorwiegend in ihrer anatolischen Heimat.

Zuhause fühlt sich Mustafa Baklan jedoch auch in Deutschland. Die deutsche Staatsangehörigkeit hat er inzwischen angenommen. „Unser Unternehmen will eine Brücke sein zwischen Deutschland und der Türkei“, so Baklan. Dass dies nicht nur Worte sind, zeigt sein großes Engagement für die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen. Mehr als ein Jahrzehnt stand er an der Spitze des Vereins türkischer Unternehmer Rhein-Neckar, ist Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar und arbeitet, wenn die Zeit es zulässt, als Laienrichter am Handelsgericht.

Wie viele Unternehmen es in Mannheim gibt, deren Betreiber einen Migrationshintergrund haben, auf welche Branchen sie sich verteilen, wie groß sie sind und wie viele Mitarbeiter sie beschäftigen – eine amtliche Statistik gibt es dazu nicht, und diese Zahlen ändern sich auch permanent. Für die in Mannheim lebenden Menschen türkischer Herkunft, die mit rund 30 Prozent den weitaus größten Anteil an der ausländischen Bevölkerung stellen, hat das Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim (IFM) im Auftrag des Deutsch-Türkischen Wirtschaftszentrums in einem aufwändigen Verfahren Daten erhoben: In einer „Straßenbegehung“ haben sie 2004/2005 alle Firmen im Stadtgebiet erfasst und sind auf 537 Unternehmen mit einem türkischstämmigen Inhaber gekommen. Allerdings gibt es eine sehr hohe Fluktuation. Der Studie des IFM zufolge sind die Selbstständigen türkischer Herkunft zwar sehr „unternehmenslustig“, suchen ihr Glück „aber vielfach in sehr wettbewerbs- und risikointensiven Branchen“.

Als zentrale Anlaufstelle für die Beratung und Qualifizierung von türkischen
Existenzgründerinnen und -gründern sowie bereits aktiven Unternehmerinnen und Unternehmern wurde deshalb im Jahr 2004 auf Initiative der Wirtschafts- und Strukturförderung und des Ausländerbeauftragten (heute: Integrationsbeauftragten) das Deutsch-Türkische Wirtschaftszentrum (dtw) gegründet. Sprachkurse, Seminare, Vorträge, Informationsabende, Kulturveranstaltungen und Existenzgründungsberatungen – die Angebote sind vielfältig und der Bedarf groß: „Viele Gründer haben keine Berufsausbildung oder gründen in Bereichen, in denen sie noch nicht gearbeitet haben“, wissen die Berater. Kenntnisse der deutschen Gesetze sind da ebenso vonnöten wie das Wissen, welche Institution für welches Anliegen zuständig ist. So bietet das dtw etwa zweisprachige Veranstaltungen zu Buchführung, Steuerrecht oder Marketing an.

Seit 1996 gibt es zudem einen Ausbildungsverbund. Gegründet wurde er im Rahmen der Ausbildungsoffensive der Stadt Mannheim mit dem Interkulturellen Bildungszentrum (ikubiz) und dem Bildungszentrum des Einzelhandelsverbandes, das heute unter BEZ Mannheim gGmbH, Bildungszentrum für Kommunikation-Büro-Handel „firmiert“. Mehr als 120 Firmen haben sich dank dieser Initiative als Ausbildungsunternehmen qualifiziert.

Unternehmern mit Migrationshintergrund bietet das ikubiz fachliche Begleitung und einen Beratungsservice rund um die Ausbildung. Jugendliche mit Migrationshintergrund werden bei der Berufsorientierung und Bewerbung unterstützt. Dabei arbeitet das Bildungszentrum mit Partnern wie der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Handwerkskammer oder Berufsschulen zusammen.

Dass die Zielgruppe sehr heterogen ist und Menschen mit sehr geringen
Deutschkenntnissen ebenso umfasst wie Akademiker, macht die Arbeit des dtw nicht einfacher. Gerade höher qualifizierte Selbstständige wollen auch gar nicht als Türken wahrgenommen werden. Sie sind voll integriert und etabliert und bewegen sich ganz normal im Markt.

Wie zum Beispiel Enver Atabay: Der 35-jährige Diplom-Wirtschaftsjurist (FH) ist in Ludwigshafen aufgewachsen und machte sich nach seinem Studium 2004 mit einem Beratungs- und Buchhaltungsbüro in eigenen Räumen im Deutsch-Türkischen Wirtschaftszentrum selbstständig. Seit 2007 betreibt er zusätzlich mit einem Partner die Kaffeerösterei Helder & Leeuwen – und erregte damit sogar die Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters. „Wussten Sie“, fragte Dr. Peter Kurz bei seiner Neujahrsansprache im Rosengarten, „dass zwei türkische Unternehmer eine Mannheimer Tradition wiederbelebt haben?“

Es gibt viele positive Beispiele von türkischem Unternehmertum in Mannheim:
zum Beispiel die Familie Özcelik, die 1975 das erste Modegeschäft in Mannheim eröffnete und heute die Trendfabrik mit sechs Filialen und knapp 300 Mitarbeitern betreibt. In den Regalen ihrer Boutiquen sind Hosen, Hemden und Handtaschen vom No-Name-Label bis zu Boss und Dolce & Gabbana zu finden.

Oder Mustafa Yildirim vom Ikram-Supermarkt – er lebt seit 32 Jahren in Deutschland, seine fünf Kinder sind hier geboren und seit zwölf Jahren hat er nur noch einen Pass: den deutschen. 17 Angestellte beschäftigt er in seinem Supermarkt im alten Neckarauer Bahnhof, den er im September 2008 übernommen und erweitert hat.

Zwischen 16 verschiedene Sorten Oliven kann man hier wählen, rund 600 Fladenbrote werden jeden Samstag gebacken, 1.000 Kunden im Schnitt kommen für den Wochenendeinkauf in das Geschäft. Manchmal klopfen Reisende an Yildirims Büro, das er im ehemaligen Überwachungshäuschen des Bahnhofs eingerichtet hat, um ein Ticket zu kaufen. Das bekommen sie hier nicht. Dafür so ziemlich alles andere: Lebensmittel, Haushaltswaren, Teppiche und eine ganz besondere Einkaufsatmosphäre, die sich ein bisschen anfühlt wie Urlaub.