Der Rangierbahnhof Mannheim ist die Nummer zwei in Deutschland
Moderne Güter-Drehscheibe
Rund 54 Millionen Euro investieren Bund und Bahn in den Mannheimer Rangierbahnhof. Die Anlage hat nicht nur eine nationale, sondern sogar eine internationale Schlüsselrolle übernommen.
Gemächlich schiebt die rote Diesellokomotive acht Güterwagen einen kleinen Berg hinauf. Die Lok stoppt und wie von Geisterhand rollt der erste Waggon des kleinen Frachtverbandes alleine, ohne Antrieb, die Anhöhe hinunter, fährt über mehrere Weichen und gewinnt an Tempo. Plötzlich quietscht es, ein paar Funken sprühen, der Wagen reduziert seine Fahrt und rollt langsam in einem endlos lang scheinenden Gleis aus, in dem bereits mehrere andere Wagen stehen.
Im Mannheimer Rangierbahnhof funktioniert das „Umsteigen“ der Güterwagen nach einem bewährten Prinzip. Die einlaufenden Waggons werden in der inzwischen auf 200 Hektar angewachsenen Anlage im Osten Mannheims auseinander gekuppelt und von einer Rangierlokomotive auf einen etwa fünf Meter hohen Ablaufberg gedrückt. Durch die Schwerkraft gewinnen sie an Fahrt, laufen selbstständig den Berg hinunter und fahren über mehrere Weichen in vorbestimmte Gleise. Alle Wagen nach Hamburg beispielsweise auf Gleis 1, nach Nürnberg auf Gleis 2 und in die Schweiz auf Gleis 3. Dort werden die Wagen wieder zu neuen Zugeinheiten zusammengekuppelt und fahren dann zu ihrem Ziel weiter.
Reisende, die aus Richtung Karlsruhe mit dem ICE oder aus Richtung Heidelberg mit der S-Bahn nach Mannheim fahren, können diesen Vorgang gut beobachten, denn ihre Strecken führen direkt am Gelände des rund sechs Kilometer langen und etwa 600 Meter breiten Mannheimer Rangierbahnhofs vorbei. Gleich zwei Zugbildungsanlagen sind auf dem Areal untergebracht, das West-Ost-System und das Ost-West-System, jeweils mit rund 40 Verteilgleisen. Endlos weit scheint die Anlage, die sich vom Hauptbahnhof bis zum östlichen Stadtteil Friedrichsfeld erstreckt. Bis zu 80 Gleise liegen hier zwischen SAP-Arena und dem Stadtteil Neckarau nebeneinander, insgesamt sind 240 Kilometer Schienenstrecken und fast 600 Weichen verbaut.
Was aus der Ferne fast wie das Spiel einer Modelleisenbahn aussieht, ist aber ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Deutsche Bahn, die Metropolregion Rhein-Neckar und für die Stadt Mannheim. Täglich werden durchschnittlich etwa 4.000 Güterwagen im Rangierbahnhof verteilt, pro Jahr sind das eine Million Wagen in etwa 40.000 Güterzügen. Mannheim, nach Maschen bei Hamburg der zweitgrößte Rangierbahnhof der Deutschen Bahn, ist DIE Drehscheibe des internationalen Güterverkehrs in Südwestdeutschland und zählt zu den bedeutendsten Zugbildungsanlagen in Deutschland. Ihr kommt nicht nur eine nationale, sondern auch eine internationale Schlüsselrolle zu. Der Rangierbahnhof Mannheim liegt nämlich im Schnittpunkt der europäischen Schienenverkehrsmagistralen Spanien – Frankreich – Osteuropa einerseits und Italien – Schweiz – Nordeuropa andererseits. Frachtzüge fahren von Mannheim unter anderem nach Dresden, Nürnberg, Rostock, Maschen und Gremberg bei Köln. Im internationalen Zugverkehr gibt es Verbindungen nach Barcelona, Zürich, Chiasso, Basel sowie Sibelin, Metz und Woippy in Frankreich.
Nicht nur als Umsteigepunkt für nationale und internationale Güterwagen ist Mannheim wichtig. Auch für die heimische Wirtschaft bietet die Bahn-Gütertochter Railion am Standort zahlreiche Logistik-Angebote im kombinierten Verkehr Schiene-Straße, im Einzelwagenverkehr und mit Ganzzügen. Zu den bedeutendsten Kunden der Niederlassung zählen die BASF in Ludwigshafen, die Dillinger Hütte im Saarland, die Badischen Stahlwerke in Kehl, Porsche in Stuttgart, das Grosskraftwerk Mannheim, Daimler in Sindelfingen, Opelin Kaiserslautern und die Ford-Werke in Saarlouis. Die Güterbahn-Kunden im Rhein-Neckar-Dreieck versenden über die Schiene rund sieben Millionen Tonnen pro Jahr, das sind knapp drei Prozent der Gesamttonnage von Railion in Deutschland.
Damit der Mannheimer Rangierbahnhof leistungsfähig bleibt, investieren Bund und Bahn derzeit rund 54 Millionen Euro in moderne Technik. Während die West-Ost-Anlage schon länger auf dem neuesten technischen Stand ist, wird nun noch das Ost-West-System technisch aufgerüstet. Seit Herbst 2008 wird das gesamte Ablaufsteuersystem mit seinen Leit- und Sicherungstechnik-Anlagen erneuert, 42 Richtungsbremsen automatisiert und drei Förderanlagen inklusive Steuerung neugebaut, denn die Güterbahn setzt auch nach der Wirtschaftskrise auf großes Wachstum. „Im Zuge der Internationalisierung des Schienengüterverkehrs müssen wir die strategisch wichtige Zugbildungsanlage Mannheim Ost-West weiter gezielt ausbauen“, so Oliver Kraft, Vorstand Produktion der DB-Netz AG, die den Rangierbahnhof betreibt. „Denn nur mit einer leistungsfähigen Infrastruktur und zukunftsweisender Technik wird es uns gelingen, weitere Marktanteile zu gewinnen und zu einer Verlagerung des Güterverkehrs auf die umweltfreundliche Schiene beizutragen“, erklärt Kraft zur Modernisierung des Mannheimer Rangierbahnhofs.
So soll sich beispielsweise bis 2015 der Container-Verkehr über die deutschen Seehäfen im Vergleich zu 2007/2008 verdoppeln. Ein großer Teil der Container wird über die Bahn nach Süddeutschland, in die Schweiz und Italien weiter verladen. Für Mannheim – das Güterdrehkreuz in Süddeutschland – und die Rheinebene bedeutet dies eine Zunahme des Frachtverkehrs um über 20 Prozent. „Dafür wollen wir unseren Rangierbahnhof fit machen,“ bringt es Werner Klingberg, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Baden-Württemberg, auf den Punkt. Und Eckard Fricke, Vorstand Produktion Einzelwagenverkehr Railion Deutschland, ergänzt: „Um der weiterhin steigenden Nachfrage an Schienengüterverkehrsleistungen gerecht werden zu können, ist eine Leistungsfähigkeit der Anlage von 160 Wagen pro Stunde unerlässlich. Mit dieser Investition ist der Rangierbahnhof Mannheim aus unserer Sicht bestens gerüstet für die Anforderungen der Zukunft und ermöglicht weitere Transportmengensteigerungen im nationalen und internationalen Wagenladungsverkehr.“ Mitte 2010 soll der Umbau abgeschlossen sein. Mannheim ist dann die modernste Güterdrehscheibe der Deutschen Bahn.


