Kreative Fotografie

„Die Stadt Mannheim hat so viele Farben“

Mannheim hat sich zum Mekka der Fotografie entwickelt. Festivals und Ausstellungen sorgen für Furore.

„Ein Fotograf, der schon lange alle Grenzen überschritten hat.“ – „Ein Ansporn, sich für die Freiheit zu engagieren.“ – „Traurig, schön, ästhetisch zugleich.“ – „Ein Stück Zeitgeschichte.“ Die Menschen, die im Gästebuch ihre Eindrücke von der Ausstellung „Die Berliner Mauer“ im Forum Internationale Photographie (FIP) der Reiss-Engelhorn-Museen notiert haben, sind begeistert. Und zugleich erschüttert. So schrecklich realistisch und gleichzeitig so fantastisch schön sind die Schwarzweiß-Aufnahmen, die Robert Häusser zwischen 1961 und 1963 gemacht hat und die noch bis 25. April 2010 in Mannheim zu sehen sind.

Ein Gleis ins Nichts, ein im Stacheldraht verfangenes Kinderbettchen, eine zersprungene Scheibe: Es sind die kleinen Anzeichen von Brutalität, die Häusser festgehalten hat. Menschen sind auf den Fotos nur wenige zu sehen.

Heute, fast 50 Jahre nachdem diese Bilder entstanden sind, kann man Robert Häusser einen „Klassiker der modernen Fotografie“ nennen. Er fotografiert zwar selbst nicht mehr, ist aber weiterhin sehr aktiv. „Ich fliege morgen nach Ibiza“, erzählt er bei einem Telefonat mit diesem Magazin. „Dort dreht Rudij Bergmann gerade einen Film über mich, anlässlich meines 85. Geburtstags.“ Es ist bereits der vierte Film, der sich mit Robert Häusser und seiner Fotokunst befasst. Und mit seinem Leben, das eng mit Mannheim verbunden ist – seit über 50 Jahren lebt Häusser hier.

„Natürlich bedeutet mir die Stadt etwas, sie inspiriert mich“, sagt der Fotograf, der auch seinen Lieblingsplatz auserkoren hat: den nach ihm benannten Saal im FIP im vierten Stock des Zeughauses. „Aber besonders schön ist natürlich der Wasserturm.“

Man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass Mannheim sich in den vergangenen Jahren zu einer „Stadt der Fotografie“ entwickelt hat, auch dank der ebenfalls zu den Reiss-Engelhorn-Museen gehörenden Galerie Zephyr, die immer wieder ganz fantastische Ausstellungen zeigt. Für 2010 ist eine Schau mit Arbeiten des jüngst verstorbenen berühmten Architekturfotografen Julius Shulman geplant. Dank der Kunsthalle, die Fotografie in sehr unterschiedlichen Ausstellungen präsentiert. Und nicht zu vergessen dank des Fotofestivals Mannheim Ludwigshafen Heidelberg, das unter dem Titel
„Images Recalled – Bilder auf Abruf“ gerade zum dritten Mal für Furore sorgte.

„Für mich ist das Fotofestival eine starke Inspirationsquelle und gleichzeitig eine
Bereicherung der hiesigen Kulturszene“, sagt Daniel Lukac, der gemeinsam mit zwei anderen Fotografen ein Atelier im Quadrat H7 betreibt. „Es wäre für mich allerdings wichtig“, sagt er, „innerhalb dieses Rahmens ein größeres Forum für lokale Künstler und Themen zu bieten, wie es bei der ersten Ausgabe des Festivals teilweise der Fall war.“ Es sei „wirklich außergewöhnlich“, was sich in den vergangenen Jahren in Sachen Fotografie in Mannheim getan habe. Aber: „Gerade im Hinblick auf die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2020 darf sich die Stadt nicht mit dem Status Quo zufrieden geben. Da gibt es noch viel zu tun.“ So solle zum Beispiel im Fachbereich Gestaltung der Hochschule Mannheim die Fotografie ein stärkeres Profil bekommen: „Noch besser wäre ein eigener, künstlerisch ausgerichteter Studiengang. Von diesem kreativen Nachwuchs würden auch die etablierten Institutionen erheblich profitieren.“

Daniel Lukac wurde 1963 in Mannheimgeboren und möchte „unbedingt“ in der Stadt bleiben: „Mannheim bietet so viel Neues und Überraschendes. Wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, finde ich ständig etwas, das ich noch nicht kannte. Jeder Stadtteil hat etwas Besonderes und Liebenswertes.“ Wirkt Mannheim inspirierend? – „Auf jeden Fall!“ Sich selbst bezeichnet Lukac übrigens nicht als Fotografen, sondern als „Fotodesigner“. Einen Namen hat er sich vor allem als Porträt- und Modefotograf gemacht, „Bereiche, in denen ich mich kreativ verwirklichen kann“. Wo da die Grenze zur Kunst ist? „Die ist ganz schwer zu ziehen.“

Das sieht Olivier Pol Michel ähnlich. Er arbeitet seit zehn Jahren als Fotograf in Mannheim und hat seinen ganz eigenen Stil gefunden. Seine Stillleben zum Beispiel haben eine szenisch-dynamische Ästhetik: Er sortiert alle möglichen Gegenstände zu einem Thema und entwickelt dabei eine neue grafische Form. Bei Modefotos arbeitet er – sofern der Kunde einverstanden ist – nicht mit Models, sondern inszeniert das Produkt. Sein Anspruch an seine Arbeit ist hoch: „Puristisch, künstlerisch, anspruchsvoll.“

Mit einem weiteren Fotografen, einer Modedesignerin und einem Lampendesigner bildet Michel ein „verstecktes kleines Kreativzentrum“ mitten im Hafengebiet, unweit der Neckarspitze. Obwohl er auch oft in Köln arbeitet, möchte er aus Mannheim auf keinen Fall weg. „Das Netzwerk aus Grafikern, Werbeagenturen, Kunden, Freunden und Designern will ich nicht aufgeben“, sagt er. „Und ich kann hier noch so viel machen. Mannheim hat so viele Farben.“ Er freue sich darauf, zusammen mit anderen „die Fotografie an die Oberfläche zu holen“. Denn: „Ich fotografiere, weil es Spaß macht und weil ich damit leben will – nicht nur überleben.“