Frauen in der Wirtschaft – „Eine gigantische Ressource“

1. Sind mit ihrem Start-up „Kuchen im Glas“ sehr erfolgreich: (v.l.) Linda Dröge, Stefanie Becker und Alexandra Bald Foto: Wiegelmann
2. Dr. Ursula Redeker ist Sprecherin der Geschäftsführung der Roche Diagnostics GmbH. Foto: Buck
3. Anfang 2016 hat Dagmar Steinert die Funktion des Finanzvorstands bei dem Mannheimer Schmierstoffhersteller Fuchs Petrolub übernommen. Foto: Fuchs
4. Eine der bekanntesten deutschen Modedesignerinnen, Dorothee Schumacher, hat ihren Firmensitz im Mannheimer Hafen. Foto: Schumacher

In Mannheim gibt es längst hoch qualifizierte Geschäftsführerinnen und bemerkenswerte Unternehmerinnen. Netzwerke arbeiten daran, diese sichtbar zu machen – und ihre Zahl zu vermehren.

Dr. Simone Burel trifft sie alle in Mannheim: Frauen in Führungspositionen, Top-Wissenschaftlerinnen, vielversprechende Gründerinnen. Burel, selbst gebürtige Mannheimerin, hat sich in der Quadratestadt 2015 mit LU-Linguistische Unternehmenskommunikation selbstständig gemacht und arbeitet seitdem im Auftrag von Konzernen, kleinen und mittleren Unternehmen sowie Bildungseinrichtungen in der Genderlinguistik und Kommunikations-Trendforschung. Einer ihrer Schwerpunkte: Frauen in der Wirtschaft. In ihrem hellen, modern eingerichteten Büro mit hoher Stuck-Decke im Kompetenzzentrum Female Business gig7 in den G-Quadraten ist die 31-Jährige allerdings gar nicht so oft anzutreffen. Weil die Sprachwissenschaftlerin, die auch an der Heidelberger Universität lehrt und forscht, oft Seminare gibt, Vorträge hält – und eine ausgesprochen umtriebige Netzwerkerin ist. Ihre Erfahrung: „Es gibt eine sehr gute Basis an Frauen in der Mannheimer Wirtschaft, aber nach oben wird die Luft dünn.“

„Unsere Aufgabe ist es, Frauen – und die Bedeutung der ,Wirtschaftsressource Frau‘ – sichtbar zu machen.“

Barbara Limbeck, Leiterin des Kompetenzzentrums Female Business gig7

Ohne Frage gibt es eine ganze Reihe an Akteurinnen, die längst etwas bewegen, darunter einzelne in Spitzenpositionen. Etwa Dagmar Steinert, Finanzvorstand beim Mannheimer Schmierstoffhersteller FUCHS PETROLUB – eine von wenigen Top-Managerinnen bei MDAX-Unternehmen. Oder Dr. Ursula Redeker (siehe Interview im Anschluss), die die Geschäfte des Gesundheitsunternehmens Roche Diagnostics GmbH in Deutschland führt. Es gibt die jungen kreativen Gründerinnen wie Linda Dröge, Alexandra Bald und Stephanie Becker, die mit „Kuchen im Glas“ inzwischen weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind. Oder die seit Jahren erfolgreiche Designerin und Unternehmerin Dorothee Schumacher.

Aber es gibt eben – darauf will Simone Burel hinaus – auch noch sehr viel brachliegendes Potenzial. So sieht es auch Zahra Deilami, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. „Das Qualifikationsniveau der Frauen im Rhein-Neckar-Raum ist aufgrund der zahlreichen Wissenschaftseinrichtungen hoch“, betont sie. Die Beschäftigungsquote von Frauen lag 2015 laut Arbeitsmarktmonitor der Agentur für Arbeit in Mannheim bei 51,2 Prozent. Die Verantwortung, etwas zu ändern, sieht Zahra Deilami aber nicht nur auf einer Seite: „Arbeitgeber müssen zwar veraltete Strukturen aufbrechen und Modelle anbieten, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen. Aber Frauen müssen diese auch aktiv nachfragen und nutzen.“ Es gehe jetzt vor allem darum, sie als Fachkräfte wahrzunehmen. „Sie sind eine gigantische wirtschaftliche Ressource, die wir regelrecht zu Hause parken, während Unternehmen in einzelnen Bereichen längst den Fachkräftemangel beklagen“, kritisiert sie. Bei der Stadtverwaltung sind zwar die Mehrzahl der Beschäftigten Frauen – mit rund 55 Prozent. Die beiden oberen Führungsebenen allerdings sind zu zwei Dritteln mit Männern besetzt. 85 Prozent der Teilzeitkräfte sind weiblich.

Schon seit 1994 gibt es in der Stadt eine von inzwischen zwölf vom Land geförderten Kontaktstellen: die Kontaktstelle Frau und Beruf Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald. Sie ist beim Amt der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt angesiedelt und bietet eine ganzheitliche berufliche Beratung an, vernetzt sich mit anderen Akteuren des Arbeitsmarkts und macht Lobby-Arbeit für Frauen im Beruf.
Leiterin Beate Reichelstein weiß also sehr genau, was Mannheimerinnen bei diesem Thema bewegt: „Sicherlich gibt es inzwischen Verbesserungen, was die ganztägige Kinderbetreuung angeht“, sagt sie. „Aber auch hier – in einer expandierenden Wirtschaftsregion – besteht weiterhin großer Aufholbedarf.“

Diverse Netzwerke in Mannheim und der Region bringen Frauen zusammen: etwa Business and Professional Women Germany – Club Mannheim-Ludwigshafen, EWMD Rhein-Neckar oder das Netzwerk Frau und Beruf Rhein-Neckar. Ein unternehmensinternes Beispiel ist WomenREACH Germany, eine deutschlandweite John-Deere-Initiative. „Während Mitarbeiterinnen die Hauptzielgruppe sind, ist das Netzwerk offen für alle Mitarbeiter“, erklärt Sharon Stopford, die bei John Deere im Bereich Personalentwicklung tätig ist. Aktuell gebe es 480 Mitglieder, 72 Prozent davon sind Frauen. Sie können beispielsweise im Leitungsteam der Organisation außerhalb ihrer offiziellen Tätigkeit Führungsfähigkeiten entwickeln.

Wichtige Anlaufstelle für Mannheimerinnen und Mannheimer ist außerdem das Kompetenzzentrum Female Business gig7, das früher als Gründerinnenzentrum bekannt war. Rund 250 Frauen pro Jahr gehen hier wie Simone Burel in die Vorgründungsberatung, etwa 70 Prozent von ihnen starten tatsächlich ihr eigenes Unternehmen. Barbara Limbeck, Leiterin des Kompetenzzentrums, freut sich besonders über die Nachhaltigkeit dieser Gründungen: „Unsere Erhebungen zeigen, dass 80 Prozent von ihnen nach fünf Jahren noch auf dem Markt sind.” Sie findet, dass Mannheim gerade im Bereich Start-up „schon unglaublich gut” aufgestellt ist. Und: „Es gibt auch in Mannheim selbstverständlich bemerkenswerte Unternehmerinnen.“ Aber sie erinnert ebenfalls daran, dass es noch viel zu tun gibt, was die Rahmenbedingungen für Frauen in der Wirtschaft angeht. „Wir müssen uns von Stereotypen lösen und traditionelle Rollenbilder infrage stellen – und immer wieder über diese Themen sprechen.” Frauen, so die Expertin, müssten aber auch selbstkritisch sein: „Sie müssen wissen, was auf sie zukommt und dass der Weg nicht einfach ist.”