Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald „Ich verstehe mich als Team-Trainer“

Auch im Handwerk werden neben traditionellen Maschinen NE- und CNC-Maschinen eingesetzt. Foto: amh-online.de

Das Handwerk hat Hochkonjunktur: Die Auftragsbücher sind voll, viele Betriebe auf Monate hinaus ausgelastet. Doch es fehlt zunehmend an Personal. Klaus Hofmann, Chef der Schreinerei Faustmann GmbH in Mosbach und Vizepräsident der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald, hält nichts von Klagen. Er fordert dazu auf, selbst aktiv zu werden und neue Wege zu gehen, um Personal zu finden und zu binden.

Ein familiäres Verhältnis zu seinen Mitarbeitern ist Klaus Hofmann, Vize-
präsident der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald, wichtig. Foto: HWK

Herr Hofmann, was sind Vorzüge einer Beschäftigung im Handwerk?

Klaus Hofmann: Im Handwerk geht es deutlich familiärer zu. Da hat man eher den Mitmenschen im Blick, beispielsweise wenn ein Familien-mitglied erkrankt. Wir haben uns zum Beispiel schon einmal darum gekümmert, dass ein Mitarbeiter regelmäßig seine krebskranke Frau in Heidelberg besuchen konnte. Aber auch kleine Anerkennungen gehören dazu. An heißen Tagen wie im Sommer 2018 spendieren wir der Belegschaft gerne Eis. Und Mitarbeiter-Kinder erhalten zum Schulbeginn vom Betrieb eine Schultüte.

Das Betriebsklima ist also wichtig?

Hofmann: Ganz wichtig. Aber man muss auch etwas dafür tun. Wir veranstalten jedes Jahr ein Sommerfest mit Sport und Spiel. 2018 hatten wir die AOK eingeladen, mit Kardio-Test, Informationen und Übungen zu Körperhaltung, Rückenmuskulatur und Ernährung dabei zu sein. Das kam gut an.

Mit Azubis gehen wir Meister zudem zu Anfang des Jahres bowlen. Dabei lernen sich alle etwas besser kennen. Und die Jungen erfahren ganz nebenbei, dass es auch Dinge gibt, die sie besser können als ihr Chef. Der ist beim „Faustmann“ der Macher, aber beim Bowlen können sie’s ihm zeigen.

Aber die Industrie zahlt besser. Viele lockt das Geld …

Hofmann: Bei uns in der Region stehen wir in direkter Konkurrenz zu Industriebetrieben wie Audi in Neckarsulm. Mit den Gehältern, die dort gezahlt werden, können wir nicht mithalten. Dafür sind aber auch die konjunkturellen Schwankungen nicht so hoch. Dem Handwerk geht die Arbeit nicht aus, da braucht sich keiner Sorgen zu machen.

Läuft es gut, kann übrigens auch ein Handwerksbetrieb mehr zahlen und so zeigen, dass er seine Belegschaft schätzt. Das ist sicher im gehobenen Innenausbau, wie wir ihn betreiben und wo die Dienstleistung im Vordergrund steht, eher möglich als beispielsweise in der Bäckerei, wo Kunden sehr preissensibel sind.

Wie finden Sie geeignete Fachkräfte?

Hofmann: In erster Linie, indem wir ausbilden – pro Lehrjahr mindestens einen Azubi. Bislang konnten wir auch fast alle übernehmen. So haben wir uns einen guten Stamm aus „Eigengewächsen“ aufgebaut. Ich will Mitarbeiter langfristig an den Betrieb binden, am besten bis sie in Rente gehen.

Mitunter stellen wir auch Quereinsteiger ein oder Arbeitssuchende, wenn Vorkenntnisse und Fertigkeiten stimmen. Auch ältere Mitarbeiter sind willkommen. An ihnen schätze ich solides Wissen, breite Erfahrung und gute Umgangsformen, die mancher Azubi noch lernen muss.

Gute Azubis sind rar – und wollen oft keine Lehre im Handwerk anfangen. Wie kommen Sie an interessierte junge Leute?

Hofmann: Wir haben eine Kooperation mit der Realschule in Obrigheim. Die Schule bietet technikbegeisterten Schülern in Klasse 7 und 8 eine Technik-AG an, in der sie mit Naturwissenschaft und Technik in Handwerk und Firmen in Berührung kommen. Da geht es dann um ganz praktische Dinge wie etwa den Bau von Schließfachschränken für den Werkraum. Ich gehe in den Kurs, erzähle ein wenig Theorie. Wir planen und konstruieren. Danach kommen die jungen Leute in den Betrieb, lernen hier unsere CNC-Maschinen kennen und bedienen, schneiden Bretter zu und bauen die Schränke auf. Der Effekt: Zwei oder drei von dem guten Dutzend Schüler sind immer hochinteressiert und motiviert, bei uns Schulpraktika zu absolvieren.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Schülerpraktikanten gemacht?

Hofmann: Nur positive. Meistens sind die Schüler überrascht, dass es bei uns auch Hightech gibt und wir ganz selbstverständlich software-gesteuerte Maschinen in unserem Berufsalltag nutzen. Tatsächlich unterscheiden wir uns in dieser Hinsicht kaum von einem modernen Industriebetrieb. Wer aber wie wir mit NE- und CNC-Maschinen arbeitet, kann nur Haupt- und Realschüler mit guten und sehr guten Noten beschäftigen. Wir brauchen die Guten und Wissbegierigen.

Bilden Sie auch Frauen aus?

Hofmann: Wir hatten schon einige weibliche Azubis. Ich habe mit ihnen immer gute Erfahrungen gemacht. Sie waren in der Regel pflichtbewusster, sehr kreativ und taten dem Betriebsklima gut. Im Betrieb ist heute leider keine mehr. Die Gründe reichen von einem Architekturstudium bis zur Familiengründung.

Welche Rolle spielt die Weiterbildung der Beschäftigten?

Hofmann: Jeder Mitarbeiter ist bei uns im Schnitt einmal im Jahr auf Schulung. Gerade im Objektbau ändert sich immer wieder etwas, zum Beispiel im Brand- oder Schallschutz. Wir müssen immer auf dem neuesten Stand sein bei den Produkten, die wir verarbeiten.

Und das Unternehmen muss sich digital ausrichten. Dazu braucht es aber auch Fachkräfte, die bereit sind, sich darauf einzulassen und sich fortzubilden. Entscheidend ist, dass man seine Mitarbeiter mitnimmt. Als Chef habe ich eine Vorbild-Funktion. Wir haben zudem eine „Faustmann-Akademie“ eingeführt. Dazu treffen wir uns einmal im Monat, um Erfahrungen und Wissen auszutauschen. Dann berichte ich beispielsweise aus meiner Gutachtertätigkeit über Situationen, die problematisch werden könnten. Andere steuern Erkenntnisse aus dem Montage-Alltag bei. Damit alle davon lernen und profitieren können.

Mitarbeiterführung ist ein großes Thema für die Personalbindung. Wie wichtig ist es zu delegieren?

Hofmann: Sie können nicht alles selbst erledigen – und sollten nicht alles besser machen wollen. So überfordern Sie sich und lassen Ihren Mitarbeitern keinen Spielraum, sich zu engagieren und in den Betrieb einzubringen. Bei mir hat jeder Mitarbeiter einen ganz eigenen Bereich, für den er verantwortlich ist. So kümmert sich einer um die Betriebsmittel im Lager, ein anderer um den Fuhrpark. Einer sorgt für Ordnung im Holzraum, ein anderer für bestimmte Geräte und ihre Wartung. Die Zuständigkeiten sind per Aushang allen bekannt. Ich verstehe mich als Team-Trainer. Ich weiß, wer auf welcher Position gut ist. Aber Tore schießen müssen die Spieler schon selbst. Und gewinnen natürlich.

Können Flüchtlinge helfen, das Fachkräfteproblem zu beheben?

Hofmann: Wir hatten zwei junge Flüchtlinge zur Einstiegsqualifizierung bei uns, mit dem Ziel, danach eine Lehre zu beginnen. Geblieben ist ein junger Kameruner. Er ist sehr fleißig und lernwillig. Je besser er Deutsch kann, desto besser geht es voran. Fehlende Sprachkenntnisse waren anfangs schon eine große Barriere. Mit Flüchtlingen den Fachkräftemangel zu beheben, erfordert Zeit, Geduld und Integrationsbemühungen von allen Seiten.

Die Fragen stellte Dr. Gabriele Koch-Weithofer.