MMT-Campus Innovative Rezepte für Medtech-Start-ups

Unternehmen der Medizintechnologie finden in Mannheim beste Bedingungen vor. Foto: Fotolia

Der Startschuss für den MMT-Campus in unmittelbarer Nähe zur Universitätsmedizin Mannheim ist gefallen. Das Konzept: optimale Bedingungen für die Ansiedlung von Start-ups sowie kleinen und mittleren Medtech-Unternehmen zu schaffen und sie durch die Gunst der Lage zu locken.

Der Mannheim Medical Technology Campus (kurz: MMT-Campus) wächst und gedeiht. Das erste Gebäude der Technologiepark Mannheim GmbH (TPMA), einer hundertprozentigen Tochter der L-Bank, steht bereits im Rohbau. Im November 2018 wurde Richtfest gefeiert. Zwei weitere TPMA-Bauten folgen. „Die Nachfrage von Interessenten übersteigt die verfügbare Fläche deutlich“, stellte Dr. Elmar Bourdon vom Clustermanagement Medizintechnologie bei der Wirtschaftsförderung Mannheim bereits im Sommer 2018 fest. Die Campus-Konzeption „mit dem Vierklang Klinik, Forschung, Unternehmen und Start-ups“ werde gut angenommen.

Fortschritte gibt es auch beim Business Development Center (BDC) Medizintechnologie CUBEX ONE, das unter der Regie der Stadt Mannheim steht und über 3.500 Quadratmeter Büro-, Werkstatt- und Büroflächen verfügen wird: Im Juli 2018 haben die Arbeiten begonnen. Binnen Jahresfrist soll der Rohbau stehen. „CUBEX ONE ist eine größere Version unseres Gründerzentrums CUBEX41, welches im März 2015 eröffnet wurde, und das mit rund 20 Unternehmen voll belegt ist“, berichtet Bourdon. Gemeinsam mit den drei Gebäuden des TPMA-Komplexes repräsentiert CUBEX ONE die erste Entwicklungsphase des MMT-Campus.

„Die Strategie der Stadt, branchenspezifische Standort- und Wettbewerbsvorteile anzubieten, erweist sich als zugkräftig – und das trotz eines rasch wachsenden Angebots an Gewerbeflächen in der Region.“ Dr. Elmar Bourdon, Clustermanagement Medizintechnologie bei der Wirtschaftsförderung Mannheim

In der zweiten Entwicklungsphase plant die medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, weitere Kompetenzen und Kapazitäten an einem neuen Standort für Forschung und Lehre auf dem ehemaligen Gelände der Firma Karcher zu bündeln. Dort sollen bislang im Stadtgebiet verteilte Außenstellen in direkter Nachbarschaft zur Universitätsmedizin zusammengeführt werden. Die planerischen Vorarbeiten der zuständigen Landesverwaltung sind angelaufen.

Ganz neu auf der Agenda steht ein weiteres Vorhaben: Ein Privatinvestor wird das Gebäude des ehemaligen hausärztlichen Notdienstes, das an den MMT-Campus angrenzt, zu einer Kindertagesstätte umbauen. „Auch das ist ein hochinteressanter Baustein im Konzept, das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso im Blick hat wie die Fachkräftegewinnung und -bindung“, unterstreicht Bourdon.
Ein weiteres funktionales Element der MMT-Campus-Planung stellt das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt Mannheim Molecular Intervention Environment (M2OLIE) dar. M²OLIE erforscht neue Verfahren zur Krebsbehandlung. Nach erfolgreichem Abschluss der ersten Förderphase wird der Antrag für die zweite Förderphase von 2019 bis 2024 vorbereitet.

Bis Dezember 2018 soll zudem die Glasfaseranbindung des MMT-Campus abgeschlossen sein. „Da viele Geschäftsprozesse von einer sicheren Hochgeschwindigkeitsverbindung ins Netz abhängig sind, wird das Gelände durch mindestens zwei redundante Glasfaser-Hauptleitungen angebunden“, erläutert Bourdon. Um einen störungsfreien Betrieb „unter allen denkbaren Umständen“ zu gewährleisten, sei man mit weiteren Anbietern in Verhandlungen.

Die Digitalisierung bringt noch in anderer Hinsicht neue Herausforderungen mit sich: Viele Unternehmen und Start-ups bieten Medizintechniklösungen 4.0 an. Um Sicherheit, Funktionalität und Wirksamkeit solcher Produkte nachzuweisen, ist eine besondere Erprobungsumgebung nötig. Eine solche wird in Mannheim geschaffen. Das Land hat das Projekt bereits genehmigt.
Es geht um INSPIRE, die „Digital Health Entwicklungs- und Erprobungsplattform Mannheim/Rhein-Neckar“, einschließlich eines Living Labs als Reallabor. Kernpartner in diesem Verbundvorhaben sind die Stadt Mannheim, Siemens Healthcare, Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Mannheim, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) und die Hochschule Mannheim.

Für INSPIRE soll eine Krankenstation des Universitätsklinikums Mannheim umgebaut und technisch aufgerüstet werden. „So entsteht ein klinischer Prüfstand für digitale Gesundheitsprodukte und darüber hinaus“, erläutert Yvonne Soyke. Sie leitet die eigens für die Mieter des MMT-Campus eingerichtete INSPIRE-Geschäftsstelle beim Clustermanagement Medizintechnologie. Diese soll das neue Angebot überregional sichtbar machen und den Zugang regeln.

So kann in den Räumlichkeiten des INSPIRE Living Lab beispielsweise getestet werden, ob Produkte im klinischen Arbeitsablauf funktionieren und störungsfrei in das gerätetechnische und digitale Behandlungsumfeld eingebettet werden können. Auf der Agenda steht jedoch auch, ob sie die gewünschte klinische Wirksamkeit für Patienten erzeugen, benutzerergonomische Anforderungen von Ärzten und Pflegekräften erfüllen sowie die Kosteneffektivität verbessern.

Auf Herz und Nieren überprüft werden können zum Beispiel Systeme, mit denen sich Patienten über die medikamentöse Begleittherapie eines Eingriffs und die Nachsorge informieren können – bis hin zu implantierbaren Produkten, die Arzneimittel abgeben, samt zugehöriger Sensorik für die kontinuierliche Messung der Abgabemengen und Wirkungskontrollen.

Gründungen aus dem Bereich Biowissenschaften einen bestmöglichen Start zu ermöglichen und gemeinsam mit Investoren zur Marktreife zu führen – das ist die Idee hinter dem „Life Science Accelerator Baden-Württemberg“, der das Angebot des Clustermanagements Medizintechnologie ergänzt. Der Name „Beschleuniger“ (engl. accelerator) ist dabei Programm.

Zu den ersten Nutznießern gehörten die Gründer von Vibrosonic, Entwickler und Produzenten von neuartigen Hörsystemen sowie Träger des Mannheimer Existenzgründungspreises MEXI 2018, und AUCTEQ Biosystems, das an einem neuartigen Bioreaktor für Zellkulturen arbeitet (siehe auch Seite 68) . Die jungen Unternehmer um Dr. Dominik Kaltenbacher von Vibrosonic und um Valentin Kramer von AUCTEQ Biosystems besuchten gemeinsam mit bislang 17 weiteren Teams das Modul „Startup Booster“. Im Fokus: ein intensives Coaching, um in kurzer Zeit für den Wettbewerb fit zu werden. Der englische Begriff „booster“ steht dabei für Schubkraftverstärker und Starthilfe. Die Betreuer stellen Kontakte zu Experten her, die Fragen zu Recht, Marktdaten oder Zertifizierung beantworten.

Ins Leben gerufen haben den Life Science Accelerator die Technologiepark Heidelberg GmbH, der Verein Heidelberg Startup Partners, die Mannheimer Wirtschaftsförderung als Geschäftsstelle des MAFINEX Gründerverbunds Entrepreneur Rhein-Neckar und die gemeinnützige Stiftung für Medizininnovationen in Tübingen. Die Initiative wird mit rund einer Million Euro vom Europäischen Sozialfonds und dem baden-württembergischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau gefördert. Das Programm startete im Juli 2017 und läuft über drei Jahre.

Während das Modul „Startup Booster“ in Mannheim und Heidelberg angesiedelt ist, haben zwei weitere Programme des Accelerators ihren Standort in Tübingen: Der „Medical Innovations Explorer“ ermittelt die Nachfrage nach medizinischen Neuentwicklungen, die „MedTech Startup School“ entwickelt auf dieser Basis vielversprechende Geschäftskonzepte. Mit seinem Kollegen Markus Bühler aus Heidelberg freut sich Dr. Bodo Brückner von der Wirtschaftsförderung Mannheim über weitere spannende Teams, die im Herbst 2018 neu zum Life Science Accelerator gestoßen sind.