Nachhaltige Personalentwicklungskonzepte Rezepte für die Work-Life-Balance

Die Pflege von Angehörigen kann sich für Berufstätige zu einem großen Problem entwickeln. Foto: MRN

Die Pflege von Angehörigen stellt für immer mehr Arbeitnehmer ein großes Problem dar – darauf stellen sich auch Unternehmen zunehmend ein. Hilfe erhalten sie vom Forum „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH.

Eltern, die in die Jahre kommen, ein kranker Partner, ein behindertes Kind – die Facetten von Pflegebedürftigkeit sind vielfältig, und sie können jeden Beschäftigten treffen. Die Zahl der Menschen, die Familienmitglieder pflegen, steigt stetig. Etwa 4,7 Millionen Erwachsene sind es derzeit in Deutschland, hat das „Zentrum für Qualität in der Pflege“, Berlin, herausgefunden. Die Folge: Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf gewinnt immer mehr an Bedeutung. „Das haben auch Arbeitgeber zunehmend erkannt und bieten ihren Mitarbeitern Unterstützung an“, erklärt Alice Güntert, Leiterin des Forums „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH. „Nur so können sie Fachkräfte halten und dazu beitragen, dass sie einsatzfähig bleiben.“

Eine Möglichkeit für Firmen: die Buchung von Plätzen beim „Kompetenztraining Pflege“, welches das Forum seit 2012 anbietet. Denn ganz gleich, ob Mitarbeiter mit schleichend oder plötzlich eintretenden Pflegefällen konfrontiert werden, der Bedarf an Informationen und Erfahrungsaustausch ist in der Regel hoch. „Oft sind die Beschäftigten total überfordert, weil sie mit Beruf, Pflege und dem Kümmern um die eigene Familie gleich dreifach belastet sind“, weiß Güntert. Umso bedeutsamer seien Informations-, Beratungs- und Unterstützungsangebote, die bestenfalls präventiv und nicht erst in einer akuten Pflegesituation genutzt werden.

Im Rahmen des Kompetenztrainings bietet das Forum in Zusammenarbeit mit ElderCare-Steinfeld und Marte-Meo Pfalz vier Module zur Pflegethematik an. Beim ersten Modul erhalten die Teilnehmer alle relevanten Basisinformationen: Was verändert sich in Familie, Beruf und Privatleben, wenn ein Angehöriger hilfsbedürftig wird? Die Teilnehmer erlernen Handlungsstrategien zur Konfliktvermeidung, wichtige Schritte zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege und erfahren mehr über Möglichkeiten zur Unterstützung und zur betrieblichen Entlastung.

„Wenn Mitarbeiter gut informiert und vorbereitet in eine Pflegesituation gehen, sind sie weniger belastet und können dadurch Beruf und Pflege besser unter einen Hut bringen.“ Alice Güntert, Leiterin des Forums „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“

Vor allem um die rechtliche Vorsorge und die Finanzierung von Pflege geht es im zweiten Modul. Betreuungsverfügung, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung sowie finanzielle Hilfen der Krankenkassen, der Pflegeversicherung und des Sozialamts seien „ein Dauerbrenner“, so Güntert. Die Module drei und vier beschäftigen sich in erster Linie mit dem Thema Demenz. Im dritten Teil geht es um Diagnose, Behandlung und Umgangsmöglichkeiten mit demenziell und auch depressiv erkrankten Menschen. Fallbeispiele und Lösungsansätze in schwierigen Situationen werden besprochen. Die vierte, erst kürzlich hinzugekommene Komponente zeigt anhand einer bildbasierten Methode (Marte Meo) mithilfe von Videoclips echte, oft anstrengende Pflege-Situationen. Im Anschluss wird das richtige Vorgehen in solchen Fällen geübt. Gerade bei Demenzpatienten sei der Pflegende durch Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen der Angehörigen zusätzlich belastet, so Güntert.

Ein Pflegefall kann plötzlich eintreten, sei es durch einen Unfall, Sturz, Krankheit oder auch einen Schlaganfall. Güntert: „Im Gegensatz zur Kinderbetreuung ist Pflege weniger plan- und vorhersehbar.“ Betroffene Beschäftigte stehen dann oft vor einem Berg von Fragen: Wie organisiere ich die Pflege? Macht eine reduzierte Arbeitszeit Sinn? Damit sie einen Ansprechpartner im Unternehmen haben, veranstaltet das Forum seit 2015 eine Qualifizierung zum „Betrieblichen Pflege-Guide“. Dieser ist für Mitarbeiter eine erste Anlaufstelle, bietet Orientierung bei Unterstützungsleistungen für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, der Betreuung von Angehörigen und vermittelt an weiterführende externe Stellen. Alice Güntert hat selbst an der Schulung teilgenommen und damit gute Erfahrungen gemacht: „Meine Kolleginnen und Kollegen wissen, dass sie mit konkreten Fragen zu mir kommen können.“ Sie hält Informationsmaterial bereit und bespricht die ersten Schritte.

„Auch wir sehen bei unseren Kolleginnen und Kollegen einen zunehmenden Bedarf für individuelle Lösungen bei der Pflege von Angehörigen. Deshalb haben wir in unserem Unternehmen ein umfangreiches Gesamtkonzept entwickelt“, erklärt Hans Peter Ludwig, beim Personalwesen des Mannheimer Energieunternehmens MVV für Vereinbarkeit von Beruf und Familie zuständig. „Das reicht von einem ausführlichen Informations- und Beratungsangebot über Kontaktmöglichkeiten zu hilfreichen Anlaufstellen bis zu betrieblichen Regelungen zur Flexibilisierung der Arbeitszeit.“ Im Frühjahr 2017 hat Ludwig sich zum Pflege-Guide weiterbilden lassen.

Ein Familienmitglied pflegen zu müssen, ist emotional, zeitlich und oft auch finanziell sehr belastend. „In dieser schwierigen Situation will Essity seine Beschäftigten so gut wie möglich unterstützen“, erklärt Andrea Adler, die bei dem aus der SCA hervorgegangenen Hersteller von Hygienepapier als Pflege-Guide die deutschen Essity-Standorte betreut – gemeinsam mit einer weiteren Kollegin und zusätzlich zu ihrer Funktion als HR-Managerin. „Als Pflege-Guides kommt uns eine wichtige Rolle zu: Wir sind zentrale Anlaufstelle und Orientierungsgeber.“ Wichtig in den Gesprächen mit den Kollegen sei vor allem das Vertrauen. „Schließlich geht es um eine sehr persönliche Angelegenheit.“ Adlers erste große Aufgabe besteht oft darin, herauszufinden, welche Art von Unterstützung konkret benötigt wird, um gezielt Informationen geben oder die richtigen Ansprechpartner nennen zu können. „Das können externe Stellen wie die Pflegestützpunkte sein. Es gibt aber auch im Unternehmen selbst einige Möglichkeiten, an die nicht jeder sofort denkt – zum Beispiel, wenn es um flexiblere Arbeitszeiten geht“, so die Personalfachfrau. Auf alles andere habe sie das Pflege-Guide-Seminar gut vorbereitet. „Das Feedback von allen, die unsere Unterstützung in Anspruch genommen haben, war ausschließlich positiv. Für die meisten ist es eine große Erleichterung, einen Ansprechpartner für ihre dringendsten Fragen beim Thema Pflege zu haben.“

Mehr im Internet:
Informieren Sie sich mit dem „Praxisleitfaden für Beschäftigte mit behinderten Kindern und anderen pflegebedürftigen Angehörigen“, der auch in englisch verfügbar ist. Unternehmen können die Broschüre mit firmeneigenen Informationen und Regelungen komplettieren und ins Intranet stellen.