Nachhaltige Versorgungskonzepte MVV macht Roche Dampf

Der größte Kaltwasserspeicher Deutschlands, Europas erste Brennstoffzelle der Megawattklasse, innovative Energiepartnerschaften in der Wirtschaft und energieeffiziente Ansätze für Bürogebäude: Nachhaltige Versorgungskonzepte haben in Mannheim Hochkonjunktur.

Der Gesundheitskonzern Roche und der Mannheimer Energieversorger MVV arbeiten schon seit vielen Jahren eng zusammen. Doch seit September 2018 hat diese Partnerschaft eine neue Qualität erreicht. Die Menge der an Roche gelieferten Wärmeenergie in Form von Heißdampf aus dem MVV-Heizkraftwerk auf der Friesenheimer Insel wurde von 15.000 auf rund 105.000 Megawattstunden pro Jahr vervielfacht. Das entspricht umgerechnet dem Bedarf von etwa 7.500 Haushalten. Roche
setzt damit in der Produktion wie auch für die Gebäudeheizung und Kälteerzeugung am Standort Mannheim fast komplett auf Wärme aus der thermischen Abfallverwertung. Zeitgleich bezieht das Unternehmen nur noch Strom, der zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen stammt – so steigert Roche seinen Anteil nachhaltiger Energien auf insgesamt über 90 Prozent. Das entspricht einer CO2-Einsparung von rund 65.000 Tonnen pro Jahr, dem jährlichen Ausstoß von über 30.000 Pkw.

Ein weiterer Baustein des Energiekonzepts, das Roche bis 2020 umsetzen will, ist der größte Kaltwasserspeicher Deutschlands, der für acht Millionen Euro auf dem Roche-Gelände errichtet wurde – mit einer Höhe von 30 Metern im wahrsten Sinne des Wortes ein Leuchtturmprojekt, wie Werkleiter Martin Haag betont. Mit seinem Fassungsvermögen von 7.500 Kubikmetern hilft der Speicher unter anderem dabei, die vorhandenen Kältemaschinen besser auszunutzen und gleichmäßiger zu betreiben. Vor allem in den heißen Sommermonaten federt er tagsüber Nachfragespitzen ab. Vorwiegend nachts wird er dann wieder mit kaltem Wasser gefüllt.

Der Kaltwasserspeicher auf dem Roche-Gelände ist ein wichtiger Baustein im Energiekonzept des Gesundheitskonzerns. Foto: Roche

Europas erste Brennstoffzelle der Megawattklasse steht in Mannheim-Friedrichsfeld. Das Kraftwerk versorgt den Werkstoffspezialisten
FRIATEC mit Strom und Wärme – und das praktisch schadstofffrei. Vom Aussehen her erinnert das Brennstoffzellen-Kraftwerk ein wenig an eine Autobatterie – nur ist der Kubus erheblich größer und von dicken Rohren umgeben. Entscheidend aber ist, was in der Anlage steckt: Sie erbringt eine elektrische Leistung von 1,4 Megawatt (MW). Europaweit ist das bislang „einsame Spitze“. Der elektrische Wirkungsgrad der Hochtemperaturanlage liegt bei 47 Prozent. Sie stellt die Grundversorgung des Industriestandorts sicher und läuft etwa 8.000 Stunden pro Jahr bei 95 Prozent Verfügbarkeit. Gut elf Gigawattstunden (GWh) Strom liefert die Brennstoffzelle dabei. Dazu kommt eine ausgekoppelte Wärmemenge von rund 6.000 MWh für Heiz- und Kühlzwecke. Damit kann FRIATEC rund die Hälfte der für seine Werkstoff-Produktion benötigten Energie selbst erzeugen.

Eine Energiezentrale, die auch noch in zehn Jahren vorgezeigt werden kann – das war der Anspruch des Kältespezialisten Rütgers bei der Planung der neuen Verwaltung, die am 22. September 2018 eingeweiht wurde. Sie soll Energie sparen und damit natürlich Kosten. Aber sie soll auch einen positiven Beitrag zur CO2-Bilanz beitragen, sprich umweltverträglich sein. Das Ergebnis der Überlegungen: eine „KWKK-Anlage“, also eine Anlage, die „Kraft“, „Wärme“ und „Kälte“ miteinander „koppelt“.

Herzstück der Anlage ist ein Blockheizkraftwerk (BHKW). Hier erzeugt ein gasbetriebener Motor Strom, den Rütgers im Idealfall selbst verbraucht. Ansonsten wird die Energie ins Netz eingespeist und vergütet. Auch für die eigene Elektroauto-Ladestation kommt der Strom zum Einsatz. Mit der Abwärme des Motors heizt das Unternehmen zudem im Winter das neue Bürogebäude, aber auch die alte, inzwischen renovierte Halle. „Die Energie für die Heizung ist sozusagen ein Abfall-Produkt, das uns nichts kostet“, ist Firmenchef Josef Neuberger von dieser Lösung begeistert.

Aber was macht Rütgers mit der Abwärme im Sommer? Hier gibt es eine Technik, die eigentlich uralt ist, aber durch den vermehrten Einsatz von BHKWs eine Renaissance erlebt: Absorptions- und Adsorptionskälte. Ein Inhibitor (ein chemischer Stoff) und Abwärme (Dampf oder Heißwasser) setzen einen chemischen Prozess in Gang, bei dem dann Kälte entsteht – die für die Klimatisierung von Büro, IT und Lagerhalle sorgt.

Auch im Gewerbegebiet Eastsite in Mannheim-Neuostheim werden innovative Energiekonzepte umgesetzt. Das Bürogebäude Elysium, das im Herbst 2019 bezugsfertig sein soll, setzt dabei auf einen Eisspeicher, der in Verbindung mit einer Photovoltaikanlage eine fast vollständig autarke Energieversorgung des Projekts sicherstellt.

„Auch wenn es paradox klingt, man kann mit einem Eisspeicher heizen“, so die Bauherren Klaus Dörner und Willi Kuntz. Der Eisspeicher ist ein Langzeit-Wärmespeicher. Während der Heizperiode entzieht eine Wärmepumpe dem Eisspeicher so lange Energie, bis er größtenteils gefroren ist. Im Sommer ist der Speicher aufgetaut und wird als Pufferspeicher zum Ausgleich von Wetterschwankungen genutzt.