Neubau Kunsthalle Museum ohne Hemmschwellen

85 Prozent der Kosten wurden durch Spenden abgedeckt. Foto: Kunsthalle

Der 1. Juni 2018 war ein Festtag für Mannheim: Der Neubau der Kunsthalle wurde eröffnet und traf auf große Begeisterung.

„Kunst ist kein Luxusartikel, Kunst ist ein Lebensmittel“: Das Credo von Kunsthallendirektorin Dr. Ulrike Lorenz knüpft an die Anfänge der Mannheimer Kunsthalle an und setzt das Versprechen von Fritz Wichert, dem Gründungsdirektor, fort. Bereits vor über 100 Jahren hatte dieser „Kunst für alle“ im Kopf und im Konzept. Das war 1907, als das Museum zum 300-jährigen Stadtjubiläum am Wasserturm – Mannheims Wahrzeichen – eröffnet wurde. Nun, im Jahr 2018, wurde ein neues Kapitel in der Stadtgeschichte aufgeschlagen und der Neubau seiner Bestimmung übergeben. In Würdigung des größten Mäzens trägt er den Namen Hector. Damit ist die Mannheimer Kunsthalle in die erste Liga zeitgenössischer Museen in Deutschland aufgerückt, wie die Resonanz in der Kunst- und Medienwelt zeigt.

Das neue Gebäude zeichnet sich in mehrfacher Hinsicht durch Offenheit aus: in der Architektur, in der Ausgestaltung, in der Experimentierfreudigkeit, mit vielfältigen Veranstaltungen das ganze Jahr über, mit dem lebendigen und großzügigen Angebot für kreative Kinder. Das Museum spricht alle an. Jene, die schon immer ihr Herz der Kunst gewidmet haben, aber auch jene, die bisher Berührungsängste vor Musentempeln hatten. Die neue Mannheimer Kunsthalle ist nicht nur eines der jüngsten und größten Museen zeitgenössischer Kunst, es ist auch ein Museum ohne Hemmschwellen.

Wer das Foyer betritt, wird nicht durch Kassen und Garderoben aufgehalten, die bleiben dezent im Hintergrund. Vielmehr steht die Besucherin, der Besucher unerwartet in einem nach oben weit offenen Raum, der den Blick zum Himmel freigibt. Einen solchen Empfang hätte man dem Gebäude von außen nicht zugetraut.

„Ich weiß, wie wichtig Kunst und Kultur für die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Mannheim und damit für die Menschen sind, die hier leben und arbeiten.“ Dr. Manfred Fuchs, FUCHS PETROLUB

Das Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp) hat die Idee dieser „Stadt in der Stadt“ mit sieben Kuben entwickelt. Eine Idee, die Fürsprecher in der Stadtverwaltung und in der Kulturszene fand. Der Neubau ersetzt nach drei Jahren Bauzeit einen ehemaligen Anbau, der nicht mehr den Kriterien eines modernen Museums entsprach und abgerissen werden musste. Und: Die Realisierung des Hector-Baus lag im vorgegebenen Kostenrahmen.

Sehr vieles ist bemerkens- und erwähnenswert an diesem national wie international viel beachteten Bauprojekt. Ähnlich wie bei der Gründung 1907 waren es private Stifter, die der Kunst ein Gebäude schenkten. Damals legte das jüdische Ehepaar Julius und Henriette Aberle mit 236.250 Goldmark den Grundstock und gewann viele Mitstreiter. Diesmal gab das Ehepaar Hans-Werner und Josephine Hector, Mitbegründer des Software-Konzerns SAP, mit 50 Millionen Euro den Anstoß. „Als Geschenk an die Stadt Mannheim und ihre Bevölkerung“, sagte er bescheiden und verzichtete auf jegliche Auflagen. Dr. Manfred Fuchs, Seniorchef des Schmierstoffherstellers FUCHS PETROLUB und seit vielen Jahren Förderer der Kunsthalle, steuerte als privater Spender eine Million Euro bei und wachte als Vorsitzender des Stiftungsrats Kunsthalle Mannheim – eine Funktion, die er zwischenzeitlich an seine Tochter Dr. Susanne Fuchs abgab – über Zeit- und Kostenplan des Neubaus.

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Dezember 2017 den Kunsthallenneubau besuchte, sprach er vom „Mannheimer Geist“, der schon vor über 100 Jahren lebendig war – damals, als sich rund tausend Mitstreiter im Verein „Freier Bund zur Einbürgerung der bildenden Kunst“ für die Kunsthalle starkmachten. Dieses bürgerschaftliche Engagement lobte der Bundespräsident ausdrücklich. Auch die neue Kunsthalle entstand, weil private Kunstfreunde und Kunstkenner nicht nur Worte in den Mund, sondern Geld, viel Geld in die Hand nahmen und den rund 70 Millionen Euro teuren Bau erst möglich machten.
Rund 85 Prozent der Kosten wurden durch private Spenden abgedeckt. Die Stadt Mannheim beteiligte sich an den Baukosten mit zehn Millionen Euro. Ein Stifterkreis hat sich überdies verpflichtet, sich zehn Jahre lang an den Betriebskosten zu beteiligen.

Der Hector-Bau schließt an das bestehende Jugendstilgebäude, den sogenannten Billingbau, an und geht eine Symbiose ein. Was anfangs heftig als Stilbruch kritisiert wurde, hat sich inzwischen zum reizvollen Alleinstellungsmerkmal der Mannheimer Kunsthalle entwickelt. Die Hamburger Architekten haben sich an der Struktur der Mannheimer Innenstadt, den Quadraten, orientiert und die bereits erwähnte „Stadt in der Stadt“ konzipiert. So entstanden einzelne Baukörper für Ausstellungs- und Funktionsräume. Im Zentrum liegt ein Atrium, das über Galerien, Terrassen und Brücken alles miteinander verbindet. Die Besucher laufen bei ihren Rundgängen durch geschlossene und offene Räume. Zutritt bekommt das Publikum durch den neuen Haupteingang auf der Wasserturmseite. Im großen Atrium kann man sich erst einmal orientieren, vom Stadtbummel ausruhen, die Museums-App herunterladen. Der Zugang zum Atrium ist kostenlos, es soll möglichst keine Hemmschwellen geben. Hier stellt sich dann auch der erste „Wow“-Effekt ein. Unter dem knapp drei Tonnen schweren Relief „Sefiroth“ von Anselm Kiefer, das hier an einer Wand hängt. Und dann noch mal beim Blick hinauf zum Glasdach in 22 Metern Höhe.

Die Kunsthalle legt seit jeher großen Wert auf kreative Kunstpädagogik, um Kindern möglichst früh die Welt der Künste zu erschließen. Möglich wird dies in großem Stil durch eine strategische Partnerschaft mit dem Energieunternehmen MVV. Der Energieversorger hat sich bewusst für diese Form der Kunstförderung entschieden, um den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Mannheim auch als Kulturstadt zu stärken. Teil des Engagements ist der monatliche MVV-Kunstabend bei freiem Eintritt. „Wir wollen auch Menschen für die Kunsthalle gewinnen, die sonst kein Museum aufsuchen würden. Ein Besuch darf nicht vom Geldbeutel abhängen“, erklärt MVV-Vorstandsvorsitzender Dr. Georg Müller.

Mehr im Internet:
Erleben Sie die Anfänge der Kunsthalle am Beginn der 1900er Jahre – in einem Film des SWR.