Corona und die Folgen

Lebensmittelhandwerk im Umbruch

 

Schon in der fünften Generation leiten Martina (l.) und Simone Herrdegen das gleichnamige Café in der Mannheimer Innenstadt.
„Handwerk hat goldenen Boden“ ist ein beliebtes Sprichwort. In Corona-Zeiten gilt das nur bedingt. „Mannheim – Stadt im Quadrat“ hat bei Bäckern, Metzgern und Konditoren in Mannheim nachgefragt.

VON DR. GABRIELE KOCH-WEITHOFER

KONDITOREI HERRDEGEN:
positiv denken, kreativ werden

Besonders schlimm hat es kleine Konditoreien wie das Mannheimer Traditionscafé Herrdegen in der Innenstadt getroffen. „Bei den geltenden Abstandsregeln könnten wir gerade einmal sechs Tischchen stellen. Das rechnet sich nicht“, erklärt Mitinhaberin Martina Herrdegen. Zusammen mit ihrer Schwester Simone leitet sie den Familienbetrieb seit 2006 in der fünften Generation.
Lediglich der Verkauf über die Ladentheke ist möglich – mit getrennten Einund Ausgängen und viel Desinfektion. Die Schwestern machen mittlerweile einiges selbst. Schon im März 2020 haben sie sich von Mitarbeitern trennen müssen. Und dabei hatten sie vor der Krise noch groß investiert und einen hochmodernen Backofen bestellt, der nun abzuzahlen ist.
Den Mut verliert die Mittvierzigerin dennoch nicht. Ihr macht die Arbeit noch immer Spaß, auch wenn sie gerade besonders anstrengend ist. „Unser Geschäft gibt es seit 1838. Da ist insgesamt viel passiert. Mein Vater sagte immer: Wenn man ein Geschäft hat, muss man bereit sein sich zu verändern.“ Die Mutter von Zwillingen denkt positiv, sieht in der Situation auch eine Chance, Prozesse neu zu überdenken. „Im Hamsterrad kommt man ja nicht dazu.“

Im E-Commerce sieht die Konditormeisterin keine Lösung. Torten auf Bestellung habe man ja immer schon geliefert. Mittlerweile haben die Schwestern eine Bestellecke zum Abholen der süßen Köstlichkeiten eingerichtet – und wollen noch manch andere Idee ausprobieren, um Kunden in ihr Café zu locken.

BÄCKEREI ZORN: Online im Geschäft bleiben

Auch anderen ist das Imbissund SnackGeschäft weggebrochen, etwa der Bäckerei Zorn aus Mannheim-Käfertal. 20 Filialen zählt die Traditionsbäckerei mit 140 Beschäftigten. Auf bis zu 40 Prozent beziffert das Familienunternehmen die Umsatzeinbußen in den schwierigen Monaten des Jahres 2020. Inhaber Christian Zorn richtete im März 2020 auf Facebook einen bewegenden Appell an die Kunden: „Kauft in der Region!“.
Zusammen mit seiner Frau Katrin, Bäckermeisterin und Konditorin, kurbelte er den Verkauf über den Online-Shop kräftig an: Von Brot und Brötchen über Kuchen, Snacks und süße Teilchen bis hin zu Hefe und Tortenböden gibt es dort nahezu alles – zum Abholen oder zum Ausliefern. Vor allem ältere und kranke Menschen sind dankbar für den Service, so Katrin Zorn. „Helfen zu dürfen ist ein schönes Gefühl“, sagt sie. Wettgemacht habe das Angebot die Umsatzeinbußen allerdings bei Weitem nicht.
Der Clou im Sortiment: Das Klopapier-Törtchen. Wie das gemacht wird, erklärt der Chef persönlich auf Facebook. Auch der beliebte Maimarktbecher fand per Online-Bestellung seinen Weg zu den Kunden. „Man muss mit der Zeit gehen, auch solche Medien nutzen“, ist Zorn überzeugt. Mehr Online-Marketing bedeutet allerdings Zusatzarbeit. „ExtraPersonal haben wir dafür nicht.“ Aber vielleicht lassen sich so hauseigene Spezialitäten wie das Dinkelbrot besser bewerben. Auch das Weihnachtsgeschäft könne davon profitieren. „Viel zu lange fehlte die Laufkundschaft, schwächelt das To-go-Geschäft“, nennt Katrin Zorn jedoch den Hauptpunkt, der ihr Sorge bereitet. „Wir möchten auch wieder mit unseren Cafés als Verweilort attraktiv sein.“

METZGEREI TRAUTMANN: Die Stunde des Regiomaten

Eher glimpflich sind viele der Metzger durch die Krise gekommen. Gelitten haben auch hier in erster Linie Fleischereien, die sich mehr auf Partyservice und Catering spezialisiert haben. „In der Krise hat man entdeckt, dass wir auch zu den systemrelevanten Lebensmittellieferanten gehören“, sagt Metzgermeister Horst Trautmann. In der Feudenheimer Hauptstraße betreibt die Familie seit Jahrzehnten ein Ladengeschäft.
Zum ihm kamen zu den Anfangszeiten der Pandemie, als Schulen geschlossen waren und Firmen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice schickten, sogar mehr Kunden. „Da wurde eben nicht in der Betriebskantine oder Schulmensa gegessen, sondern zuhause gekocht“, so Trautmann. Später habe sich das aber wieder normalisiert. Immerhin: Auch dass die Hälfte der Deutschen Urlaub auf Balkonien machte, fiel auf. Statt Sommerpause gab es mehr Nachfrage nach Grillfleisch.

Damals war noch alles gut: Im Januar 2020 zeichnete Klaus Hofmann, Präsident der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald, Katrin Zorn als Frauenpersönlichkeit im Handwerk aus.

Voll des Lobes ist Trautmann über das Verkaufspersonal. Das habe immer „voll mitgezogen“. Und das nicht nur bei ihm. Um Mitarbeiter wie Kunden zu schützen, hat der Fleischermeister den Thekenbereich komplett mit Plexiglas ausgestattet, dazu ein Luftreinigungsgerät angeschafft.
Der Verkauf übers Internet spielt bei Trautmann nach wie vor keine Rolle. „Das ist einfach nicht mein typisches Arbeitsgerät“, bekennt der 53-Jährige. Digitalisierung habe „mit Sicherheit Zukunft. Aber da müssen die Jüngeren ran“, meint er. Was stark aufblühte, war das Geschäft mit dem Regiomaten.
Der Kühlautomat steht seit Jahren vor dem Laden. Trautmann bestückt ihn mit 15 bis 20 Spezialitäten, darunter im Sommer mit Bratwürsten und Steaks, in der Spargelzeit mit Schinken, im Herbst und Winter eher mit Suppen und Maultaschen. Auch Produkte regionaler Erzeuger wie Wild und Eier sind rund um die Uhr zu haben. Jüngere Kunden haben zuletzt gezielt nach Trockenwürstchen gefragt, als Snack für unterwegs oder wenn des Nachts der Heißhunger kommt. „Die Anregung haben wir aufgegriffen. Das Angebot läuft gut“, so Trautmann.

Seit vielen Jahrzehnten betreibt die Familie Trautmann in der Feudenheimer Hauptstraße eine Metzgerei.