Das Mannheimer Schloss feiert Geburtstag

Zentrum höfischen Lebens

Der größte Teil des Schlosses wird als Universität genutzt. Allein seine Schaufassade ist 400 Meter lang.
Vor 300 Jahren baute Kurfürst Carl Philipp in Mannheim seine neue Residenz – das zweitgrößte Barockschloss Europas. Es stand für die Bedeutung der Kurfürsten von der Pfalz.

VON GESINE MILLHOFF

Wo der Grundstein exakt liegt, kann man heute nicht mehr genau sagen. „Vielleicht an der äußeren Ecke der Hofkirche“, vermutet Uta Coburger, zuständige Konservatorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. Der vermisste Grundstein steht für den Baubeginn des neuen Schlosses von Kurfürst Carl Philipp (1661-1742) vor 300 Jahren. Am 12. April 1720 hatte der katholische Regent nach einem Streit mit dem evangelischen Kirchenrat in Heidelberg entschieden, der protestantischen Stadt den Rücken zu kehren und seine Residenz samt allen Regierungsbehörden nach Mannheim zu verlegen. Schon am 2. Juli wurde der Grundstein gelegt. „Das schaffen wir heute nicht mehr“, zeigt sich Mannheims Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz beeindruckt, wie schnell damals Entscheidungen umgesetzt wurden.
Vier Jahrzehnte sollte es dann allerdings dauern, bis die opulente Schlossanlage fertig wurde. Der Kurfürst plante im großen Stil, nahm sich repräsentative Palastbauten – wie etwa das Schloss Versailles von Sonnenkönig Ludwig XIV. in Frankreich oder die kaiserlichen Interieurs in Wien – zum Vorbild. „Carl Philipp war einer der Mächtigen Europas, dieses Selbstbewusstsein wollte er demonstrieren“, erklärt Coburger. So entstand auf der höchsten natürlichen Erhebung der Mannheimer Innenstadt das zweitgrößte Barockschloss Europas: Über fast einen halben Kilometer erstreckt sich die Front der weitläufigen Anlage und bis heute orientiert sich der berühmte Quadrategrundriss der Stadt an diesem Bau. Am gesamten Schloss ist das rechtwinklige, gleichmäßige Bauprinzip der Quadratestadt architektonisch aufgegriffen. Der prächtige Palast besteht aus 600 Räumen und hat 1.500 Fenster – angeblich exakt eins mehr als Versailles. „Die gesamte Anlage sollte die bedeutende Stellung der Kurfürsten als Regenten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterstreichen, zumal Carl Philipp der Onkel zweier Kaiser war“, erläutert Michael Hörrmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg.

Das Schloss ist für Mannheim ein bedeutendes kulturelles und die Stadt prägendes Erbe, von dem wir noch heute zehren.
Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz

So nüchtern auch die Schaufassade der Dreiflügel-Anlage ist, umso eleganter geriet die Inneneinrichtung, bestückt mit edlen Tapisserien, qualitätsvollen Stuckdecken und Fresken. „Alles vom Feinsten“, weiß Coburger. Die Wände waren mit Damast bespannt: dunkelrot und grün beim Kurfürsten, blauer Samt mit goldenen Borten – die Farben der Wittelsbacher – im kaiserlichen Audienzgemach.
Baumeister wechselten häufig, Entwürfe wurden mehrfach geändert. Erste Planungen des Schlosses gehen auf Caspar Herwarthel zurück. Nach dessen frühem Tod vier Monate nach Grundsteinlegung übernahm Jean Clemens Froimon, der aber 1726 in Ungnade fiel und an Guillaume d’Hauberat übergeben musste. Auf ihn geht die Innengestaltung des Haupttreppenhauses, des Rittersaals und der Schlosskirche zurück. Die Deckengemälde dieser Räume schuf 1728 bis 1730 Cosmas Damian Asam, jene des Kaiserlichen Quartiers der Venezianer Pellegrini. Nie ging es Carl Philipp schnell genug, mehrfach soll er die Baustelle inspiziert und starken Einfluss genommen haben, hat Coburger alten Akten entnommen.
Nach elf Jahren, in denen der Kurfürst vorwiegend in einem Palais im Quadrat R1 direkt am Marktplatz gewohnt hatte, während er im Sommer in seinem Schloss in Schwetzingen residierte, konnte er am 22. November 1731 endlich einziehen. Die ersten Räume im westlichen Corps de Logis, dem Schlossmittelbau, waren fertiggestellt. Bereits im Mai des folgenden Jahres wurde die Hofkirche im Westflügel geweiht, die nach Carl Philipps Tod 1742 zur Grablege für ihn und seine dritte Frau Violanta von Thurn und Taxis wurde. Der Erbauer liegt bis heute in seinem Schloss begraben.
Erst unter seinem Nachfolger Kurfürst Carl Theodor, Ehemann von Carl Philipps Enkelin Elisabeth Auguste, wurde der Prunkbau 1760 endgültig vollendet. Er kostete zwei Millionen Gulden, die Untertanen wurden dafür kräftig zur Kasse gebeten und mussten eine hohe Schlossbausteuer zahlen. Unter dem jungen Kurfürstenpaar avancierte Mannheim insbesondere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Zentrum höfischen Lebens in Deutschland. „Hier spielte die Musik – im kulturellen, politischen und auch unmittelbar musikalischen Sinne“, erläutert Coburger. „Vor allem die Hofmusik war europaweit spitze!“ Die Blütezeit dauerte allerdings nur kurz, da Carl Theodor 1778 in München sein bayerisches Erbe antreten musste und Mannheim verließ.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss fast vollständig zerstört. Einzig die Bibliothek der Kurfürstin blieb weitgehend erhalten. Im Mittelbau wurden um 1960 einige Räume wie der prunkvolle Rittersaal, der Trabantensaal sowie zwei Appartements der Beletage und das repräsentative Treppenhaus rekonstruiert. Die anderen Gebäudeteile werden heute vorwiegend von der Universität Mannheim genutzt. Sie beherbergen einen Teil der Verwaltung und der Universitätsbibliothek, aber auch Vorlesungssäle und Seminarräume.

Der Rittersaal wird auch heute noch gerne für Veranstaltungen und Konzerte genutzt.

Die Organisation „Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg“ hat im Jahr 2007 zwei Appartements der Beletage als Schlossmuseum konzipiert und mit historischen Objekten wie originalem Mobiliar, Tapisserien und Gemälden eingerichtet. 2019 wurde das Schlossmuseum mit neuer Klimatechnik ausgestattet. Zu den neuesten Vorhaben von Konservatorin Coburger zählen die virtuelle Rekonstruktion des Paradeschlafzimmers von Kurfürst Carl Philipp sowie die Einrichtung des Hofmusikraums mit originalen Instrumenten der damaligen Zeit als Hommage an die beste Hofkapelle Europas aus Mannheim.

Kurfürst Carl Philipp war der Bauherr des Schlosses.

Das Schloss lockt jedes Jahr bis zu 100.000 Gäste an. Hörrmann: „Durch den Corona-Lockdown Mitte März 2020 gab es natürlich Einbrüche bei den Besucherzahlen“, gerade weil auch Gruppenbesuche und Veranstaltungen ausfallen mussten. „Dennoch ist eine erfreuliche Tendenz bei den Einzeltickets erkennbar. Zwei Drittel des üblichen Ticketverkaufs sind bereits wieder erreicht worden.“

Ein Besuch lohnt sich

Im Mannheimer Schloss kann man derzeit im Mittelbau das Haupttreppenhaus, den Rittersaal, je vier wieder eingerichtete Räume des Kaiserlichen Quartiers und des Appartements der Großherzogin Stéphanie von Baden besichtigen. Das Museum im Erdgeschoss zeigt die Dauerausstellung „Kunst und Kultur am Mannheimer Hof“. Anschauen kann man sich dort auch die Bibliothek der
Kurfürstin Elisabeth Auguste. Im Museum und den Räumen sind insgesamt 800 Objekte zu sehen, die überwiegend zur Ausstattung des Schlosses gehörten.

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