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Einmal in der Woche für 45 Minuten ein Buch aufschlagen, gemeinsam lesen, Geduld zeigen und Kindern auf dem Weg ins Leben helfen: Das ist die Idee der Mannheimer Leselernhelfer. Die Initiative, getragen hauptsächlich von Studierenden der Universität Mannheim, versucht, mit überschaubarem Aufwand viel zu bewirken. Für ihr Engagement wurden die Leselernhelfer kürzlich mit dem Förderpreis der Mannheimer Fuchs-Gruppe ausgezeichnet.
Von Jörg Runde
Ibrahim Collins, 21, BWL-Student an der Universität Mannheim, ist ein Leselernhelfer. „Es gibt an der Uni viele Initiativen, aber bei den Leselernhelfern kann man wirklich konkret für andere Menschen da sein – und 45 Minuten in der Woche, das passt eigentlich in jeden Stundenplan“, erzählt er.
Seit Oktober 2023 liest er, so wie an diesem Vormittag, einmal pro Woche mit Igor (Name geändert), einem Drittklässler der Mozartschule in Mannheim. „Igor liest mir vor und ich gebe ihm Hilfestellungen“, sagt Collins. „Es ist wirklich ein schönes Gefühl zu sehen, wenn die Kinder sich verbessern.“
Nicht nur für studierende – ein offenes Ehrenamt
Die Leselernhelfer arbeiten ausschließlich mit Grundschulkindern der zweiten bis vierten Klasse an Mannheimer Schulen. Mehr als 80 Prozent der rund 120 Schüler, die von den Ehrenamtlichen dabei unterstützt werden, lesen zu lernen, haben einen Migrationshintergrund. „Die meisten von ihnen besuchen die Grundschulen in den Quadraten, in der Oststadt und in der Neckarstadt“, sagt Collins.
Die Auswahl der Kinder erfolgt in enger Abstimmung mit den Lehrkräften, die Defizite beim Lesen identifizieren. „Die Kinder haben teilweise erhebliche Probleme beim Lesen“, so Collins. Katrin Fischer, Igors Klassenlehrerin an der Mozartschule, kann das bestätigen: „Vor allem Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, die zuhause kein Deutsch sprechen, sind davon betroffen“, sagt sie.
Eine der wichtigsten Studien zur Bewertung der Lesefähigkeiten von Kindern, die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), die auf internationaler Ebene Vergleichsdaten liefert, bestätigt diesen Trend.
Laut der jüngsten IGLU-Studie schneiden deutsche Grundschüler im internationalen Vergleich durchschnittlich zwar gut ab. Die Studie zeigt jedoch auch, dass es signifikante Unterschiede in der Lesekompetenz gibt, die stark vom sozialen Hintergrund, dem Bildungsniveau der Eltern und der sprachlichen Umgebung im Elternhaus beeinflusst werden. „Genau diese Entwicklung beobachten wir bei uns an der Schule“, sagt Fischer.
Deshalb sei das Engagement der Leselernhelfer so wichtig: „Sie sind eine tolle Unterstützung für unsere Schüler. Man sieht, dass die Kinder große Fortschritte durch das Üben mit den Leselernhelfern machen.“
Die Ehrenamtlichen brauchen vor allem Freude am Umgang mit Kindern und Geduld. „Es ist wichtig, flexibel zu sein – wenn das Kind mal gar nicht mehr kann, machen wir eben eine kleine Pause oder basteln einen Papierflieger“, sagt Collins. „Wir sind keine Ersatzlehrer, sondern Vertrauenspersonen, auf die sich die Kinder freuen sollen.“
Über 100 Leselernhelfer
Wie viel Zeit die Freiwilligen investieren, entscheidet jeder selbst. Mindestvoraussetzung ist eine Dreiviertelstunde pro Woche. Es gibt aber auch Helfer, die mit zwei Kindern arbeiten oder als Rentner mehr Zeit einbringen können.
Collins hat alle Leselernhelfer im Blick: Seit Mai 2025 ist er im Vorstand und kümmert sich um die Mitgliederbetreuung: „Für mich ist das ein Ausgleich zum BWL-Studium und eine Möglichkeit, mich schon während des Studiums gesellschaftlich zu engagieren.“
Zu seinen Aufgaben gehören die Betreuung der mittlerweile über 100 Mitglieder, die Bearbeitung von Anträgen und Onboarding-Gespräche. „Uns ist wichtig, dass alle unsere Freiwilligen gut vorbereitet sind.“ Dafür gebe es Einführungsworkshops, die gemeinsam mit einer Sozialpädagogin und einer Lehrkraft stattfinden.
Auch wenn es sich um eine studentische Initiative handelt und die Mehrheit der Helfer und Helferinnen noch studieren, ist die Initiative offen für alle. „Wir haben sogar einen Lufthansa-Piloten in den Fünfzigern. Hauptsache, man bringt Geduld, Interesse und Freude an der Arbeit mit Kindern mit“, sagt Collins.
Damit möglichst viele Kinder profitieren, wünscht sich das Team noch mehr engagierte Leselernhelfer. „Unsere Liste mit Kindern, die Unterstützung brauchen, ist lang – wir freuen uns über jede helfende Hand.“
Finanzierung über Spenden und Auszeichnungen
Die Leselernhelfer Mannheim finanzieren sich ausschließlich über Spenden und Fördermittel. Mitgliedsbeiträge gibt es bewusst nicht. Das Geld aus dem Fuchs-Förderpreis wird für Marketingmaterialien, Social-Events und für die Akquise neuer Helfer dringend gebraucht. Die Bücher werden von den Schulen bereitgestellt. Mit ihrer Arbeit machen die Leselernhelfer einen Unterschied für viele Kinder in Mannheim. Für Collins und seine Mitstreiter steht fest: „Jede investierte Minute lohnt sich“.

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