Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald | Nach der Krise ist vor der Krise

Friseurbetriebe waren von der Coronakrise stark betroffen. FOTO: GRÜNWALD_AMH-ONLINE.DE

Nicht erst Corona zeigt: Krisen kommen oft unverhofft – und können schnell bedrohlich werden. Die Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald will Mitgliedsbetrieben nicht nur bei der Krisenbewältigung helfen, sondern sie auch für die Zukunft ertüchtigen.

VON DR. GABRIELE KOCH-WEITHOFER

Unter Shutdown und Einschränkungen aufgrund der Pandemie hatten viele zu leiden. Im Handwerk traf es besonders die personenbezogenen Dienstleistungen, etwa Friseurinnen und Friseure oder Kosmetikerinnen. Aber auch Betriebe aus dem Kfz-Gewerbe oder dem Nahrungsmittel-Handwerk mussten teils herbe Umsatzeinbußen und damit auch erhebliche Einnahmeverluste hinnehmen. Dass es nicht vermehrt zu Insolvenzen kam, hat die befristete Aussetzung der Insolvenzantragspflicht verhindert. Doch seit Mai 2021 ist sie wieder in Kraft.
„Nachhaltiges Wirtschaften wird immer wichtiger. Das erfahren viele in der Krise überdeutlich“, sagt Klaus Hofmann, Präsident der Handwerkskammer (HWK) Mannheim Rhein- Neckar-Odenwald. Viele dächten bei Nachhaltigkeit an ökologische Themen wie Klima- und Umweltschutz. Doch Nachhaltigkeit sei viel mehr: Es gehe dabei auch um einen schonenden und bewussten Umgang mit Menschen, Material und Finanzen. Und um vorausschauende Planung.
Genau da setzt die Krisenberatung der Kammer an. Die ist nicht neu, aber vielleicht so aktuell wie nie. Erste Alarmsignale zur finanziellen Schieflage eines Betriebs erreichen das Beraterteam bei der HWK häufig über die Hausbank als Kreditgeber und kontoführendes Institut eines Betriebs. „Die hat einen guten Überblick über den Geschäftsverlauf und greift meist ein, bevor ein unüberwindbarer Schuldenberg entsteht. Genauso passen Lieferanten auf, dass die Schul- den nicht überhandnehmen“, erläutert Hofmann. Das ändere zwar nichts an einer akuten Liquiditätskrise, eröffne aber Handlungsoptionen.

So wurde ein Schnelltest entwickelt, um einen ersten Überblick zu erhalten, wo die Firma tatsächlich steht und warum sie abgerutscht ist. Bei der kritischen Überprüfung von Geschäftsmodell und Geschäftsprozessen finden sich oft Ansatzpunkte für eine nachhaltige Verbesserung des Unternehmensergebnisses und damit für eine erfolgreichere Zukunft.
Denn die HWK will Firmen widerstandsfähiger und belastbarer, eben resilienter machen, sodass sie Krisen und Ausnahmesituationen leichter überstehen oder auf veränderte Bedingungen flexibel und kreativ reagieren können. Das geht weit über das Zurücklegen eines Notgroschens hinaus; das Thema hat eine strategische Komponente, betrifft das gesamte Spektrum unternehmerischen Handelns.
Klare Vorstellungen helfen dabei. „Wer sich strategisch ausrichtet, weiß, wo er oder sie in drei oder fünf Jahren stehen will, entwickelt ein Gespür für Veränderungen am Markt und schaut auch eher darauf, ob die aktuellen Organisationstrukturen noch passen oder ob sich der Betrieb anders aufstellen muss, damit die Ziele erreicht werden“, erklärt der HWK-Präsident.
Die Arbeitsorganisation spielt ebenso eine Rolle für einen gut funktionierenden und zukunftsfähigen Betrieb wie die Beschäftigtenstruktur. „Wenn die Mitarbeitenden fast alle ‚60 plus‘ sind, dann bin ich schwerlich zukunftsfähig aufgestellt“, meint auch Präsident Hofmann. Umso wichtiger sei es, um gute Nachwuchskräfte zu werben. Ausbildung sei die beste Investition in die Zukunft eines Betriebes. „Die Azubis von heute sind die Fachkräfte von morgen“, stellt er klar. Und die werden zunehmend rarer. „Hier wird die Handwerkskammer künftig alle zur Verfügung stehenden Wege gehen“, so Hofmann. „Nur top aufgestellte Betriebe werden morgen noch Mitarbeitende erfolgreich rekrutieren.“
Gut, wenn ein Betrieb bei seinen Beschäftigten mit Zusatzleistungen oder mit angepassten Arbeitszeitmodellen punkten kann. Das spricht sich herum. Auch Betriebsklima und Zusammenhalt zählen für das Image als attraktiver Arbeitgeber. „Die familiäre Atmosphäre in vielen Handwerksbetrieben wird durchaus geschätzt“, weiß der Kammerpräsident, im Berufsalltag selbst Chef einer mittelständischen Schreinerei in Mosbach. Und nicht zuletzt seien Arbeitsplätze im Handwerk relativ krisensicher. Selbst nach einem Jahr im Pandemiemodus war die Beschäftigung im Bezirk grundsätzlich stabil.
„Das Handwerk ist mit seinen vielen kleineren und mittleren Betrieben das Herz des Mittelstandes und der deutschen Wirtschaft“, bekräftigt Hofmann. Die HWK betreut knapp 13.500 Betriebe in den Stadtkreisen Mannheim und Heidelberg sowie den Landkreisen Rhein-Neckar und Neckar-Odenwald. Insgesamt erwirtschaften die Betriebe einen Umsatz von mehr als sechs Milliarden Euro mit über 86.000 Beschäftigten und bilden mehr als 4.300 Lehrlinge aus.