Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald
„Klappern gehört einfach dazu“
von Dr. Gabriele Koch-Weithofer

Auch große Banner an den Baustellen sollen helfen,
Fachkräfte für das Handwerk zu finden. Foto: Proetel

Digitalisierung, Fachkräftemangel, demografischer Wandel: Die aktuellen Megatrends bewegen auch das Handwerk. Dazu haben die Handwerkskammern in Baden-Württemberg zusammen mit dem Wirtschaftsministerium die Zukunftsinitiative „Handwerk 2025“ gestartet. „Mannheim – Stadt im Quadrat“ fragte bei drei Betrieben in Mannheim nach, was sie für eine zukunftsfähige Ausrichtung tun, wie sie Fachkräfte finden und binden und sich der digitalen Herausforderung stellen.

Das Handwerk hat Konjunktur, auch in der Region. Viele Betriebe haben volle Auftragsbücher und sind gut ausgelastet. Jeder achte Betrieb hat 2019 neue Mitarbeiter eingestellt, jeder fünfte mehr investiert als im Vorjahr. Aber die Lage am Ausbildungsmarkt sieht düster aus. Gerade das boomende Baugewerbe trifft es hart. Ein paar nüchterne Zahlen machen deutlich, wie groß die Misere ist. So hat etwa die Dachdecker-Innung in Mannheim 26 Mitgliedsbetriebe. 2019 haben gerade einmal sieben Azubis die Prüfung an der Landesfachschule in Karlsruhe bestanden. 

Dachdeckermeister Jochen Proetel, Obermeister der Innung, macht sich keine Illusionen: „Wenn fünf davon bei der Stange bleiben und drei wirklich gut sind, haben wir Glück gehabt.“  Mit seinem Betrieb ist er regelmäßig auf Ausbildungsmessen präsent, beteiligt sich an Berufsinformations- und Werkstatttagen. Dabei erfahren Schüler der Jahrgangsstufe 8, was verschiedene Gewerke machen und worauf es ankommt. Meist ist ihnen das nämlich nicht so ganz klar. 

Dabei bräuchte das Handwerk dringend gute Leute. Das Berufsbild sei so vielfältig wie die Chancen sich weiterzuentwickeln, sagt
Proetel, der auch als Energieberater aktiv ist. Ein gut gedämmtes Dach sei schließlich ein wichtiger Baustein, um die Energiebilanz eines Hauses zu verbessern. „Durch Schulungen bringen wir unsere Leute immer auf den neuesten Stand, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. Zudem arbeiten wir mit vielen Kooperationspartnern zusammen, darunter Installateure, Elektriker, Stuckateure, Zimmerleute, Gerüstbauer. Wer will, kriegt viel mit am Bau und kann sich nicht nur in seinem eigenen Gewerk zum Gesellen oder Meister weiterentwickeln.“ 

Der Landes- und der Zentralverband des Dachdeckerhandwerks tut einiges, um junge Leute anzusprechen, bietet auf seiner Homepage einen Selbsttest an und ist in den sozialen Netzwerken aktiv, auf Facebook, Twitter, YouTube und Instagram. Die meisten Mitgliedsbetriebe sind allerdings im Netz noch nicht oder nicht ausreichend präsent. „Das betrifft auch unser Unternehmen“, merkt Proetel selbstkritisch an. Das sei die Kehrseite der Medaille: „Wenn das Geschäft boomt, bleibt dafür keine Zeit mehr.“ 

Digitale Medien ließen sich im Baugewerbe auch darüber hinaus stärker nutzen, etwa zur mobilen Daten- und Bildübertragung von und zur Baustelle oder durch den Einsatz von Apps  statt Stunden- oder Reparaturzetteln. Der Handwerksmeister gibt allerdings zu bedenken, dass ältere Beschäftigte sich noch schwer damit tun. Auch in dieser Hinsicht wären junge Mitarbeiter, die mit Internet und Smartphone groß geworden sind, eine Bereicherung. „Wir müssen den Schlüssel finden, dass ein Handwerksberuf jungen Leuten wieder erstrebenswert erscheint“, erklärt der Innungsmeister. In diesem Sinn sei der Spruch „Klappern gehört zum Handwerk“ ganz wörtlich zu nehmen.

Die Schwierigkeit, junges und gutes Personal zu finden, kennt auch Elektrotechnikmeister Andreas Nockel, Inhaber und Geschäftsführer der EAI GmbH. Seine Firma im Mannheimer Stadtteil Vogelstang führt nicht nur Elektroinstallationen aus, sondern übernimmt auch Projektierung, Bau, Montage und Wartung von Umspannstationen sowie von Nieder- und Mittelspannungsschaltanlagen. Zu den Kunden zählen namhafte Industriebetriebe in der Region sowie etliche Stadtwerke und Energieversorger.

Auch bei ihm „brummt“ das Geschäft – mit der Nebenwirkung, dass das Personalmarketing oder die eigene digitale Aufrüstung eher zu kurz kommen. „Wir haben viele Dinge angestoßen. Im Alltag aber muss all das parallel zum eigentlichen Geschäft laufen“, sagt der Chef. Das kann dann schon einmal dauern, wie etwa die Suche nach einer Software für eine effektivere Angebotsbearbeitung. Sie wird derzeit installiert. Auch eine neue, „frischere“ Homepage ist angedacht. „Dafür kann ich aber im Augenblick niemanden abstellen. Und einfach eine Agentur zu beauftragen, damit ist es nicht getan. Die Inhalte müssen von uns kommen.“ Bis der attraktive Internet-Auftritt steht, setzt er auf „Mund zu Mund“-Propaganda. 

Dabei steht die Personalsuche ganz oben auf der Agenda. Denn viele Mitarbeiter sind mit dem 1978 gegründeten Betrieb alt geworden. „Wie können wir uns bei möglichen Kandidaten als attraktiver Arbeitgeber bewerben?“, fragt sich Nockel. „Jede Führungskraft hat den Auftrag, sich darüber Gedanken zu machen.“ Die heutige Generation sei anspruchsvoller, als es die eigene war. „Die Jungen wollen nicht unbedingt noch samstags arbeiten, um sich etwas dazuzuverdienen.“ Geld spiele weniger eine Rolle als Freizeit und andere Vergünstigungen. Nockel denkt beispielsweise an eine Art Betriebsrente, die er als „Bonus“ seinen Mitarbeitern anbieten könnte. Das wäre dann nicht nur ein gutes Anwerbe-Argument, sondern auch ein Anreiz, um Mitarbeiter an den Betrieb zu binden.

Mit einem ganz eigenen Marktumfeld hat es Harald Fischer zu tun. Fischer ist Inhaber und Geschäftsführer des Sanitätshauses Fuchs+Möller in Mannheim. Der Gesundheitsdienstleister in Sachen Bandagen, Prothetik und Orthetik, Therapie- und Reha-Geräten sowie zahlreichen Hilfs-, Mess- und Trainingsmitteln hat auch zwei handwerkliche Abteilungen im Haus: Orthopädietechnik und Orthopädieschuhtechnik. Orthopädie-Techniker und Bandagisten fertigen Orthesen zur Stützung oder Korrektur von Körperhaltung oder Bewegungsapparat sowie Prothesen als Ersatz von Gliedmaßen. Orthopädieschuhtechniker stellen individuelle Maßschuhe, Innenschuhe und Einlagen her, um Fehlstellungen möglichst  zu korrigieren oder erkrankte Füße zu entlasten. 

„Unser Beruf bezieht neben dem Patienten auch den Arzt oder das Krankenhaus ein und häufig auch Therapeutinnen und Therapeuten“, erklärt er. „Bei Kindern, alten oder verwirrten Menschen kommen noch Eltern oder Angehörige dazu, mit denen wir klären müssen, was genau die Betroffenen nutzen können.“ Das bringe nicht nur viel bürokratischen Aufwand mit sich, sondern erfordere auch viel Feingefühl in Kommunikation und Umgang. „Wir brauchen Menschen, die komplexe Situationen erfassen können“, unterstreicht Fischer. Nicht zuletzt deshalb setzt Fuchs+Möller bevorzugt darauf, den Firmennachwuchs selbst auszubilden. Das gelingt bislang ganz gut: 2019 sind alle neun Stellen besetzt.

Um dies zu gewährleisten, nimmt der Betrieb nicht nur an den bekannten regionalen Ausbildungsmessen teil, er sendet zusätzlich Ausbildungsbotschafter in die Schulen, um die Berufe vorzustellen. Jedes Jahr organisieren die Azubis zudem in Eigenregie einen Ausbildungstag im Haus und bewerben diesen im Vorfeld an Schulen und Institutionen mit Besuchen vor Ort und Flyern. Am Tag selbst halten sie Präsentationen, simulieren Prozesse aus ihrem Alltag, stehen Rede und Antwort. „Ich bin immer wieder positiv überrascht, was sich die jungen Leute alles einfallen lassen“, sagt Fischer nicht ohne Stolz. Die Resonanz ist jedenfalls groß – und oft auch die Überraschung. „Ich höre häufig: Ich wusste ja gar nicht, was ihr so alles macht!“

Tatsächlich ist die Orthopädie-Technik stark im Wandel – und beinhaltet nicht allein handwerkliche Höchstleistung, sondern auch Hightech pur: Moderne Prothesen werden heute statt aus Leder, Holz und Metall aus modernsten Materialien gefertigt, wie glasfaser- oder kohlefaserverstärkten Kunststoffen und Silikon, kombiniert mit computergesteuerten elektronischen Bauteilen. Auch die Modelle für die individuellen Anfertigungen werden nicht mehr nur durch Gipsabdrücke erstellt. „Mittlerweile lässt sich beispielsweise ein Korsett zur Korrektur einer Wirbelsäulenverbiegung mithilfe von 3D-Modellen, erstellt durch spezielle Scanverfahren, am Computer konstruieren“, erzählt Fischer. Und in Zukunft wird das Korsett dann gleich aus dem 3D-Drucker kommen. Auch in anderer Hinsicht ist die Digitalisierung im Sanitätshaus auf dem Vormarsch: Per sicherer Verbindung lassen sich Rezepte und für eine Versorgung notwendige Daten übermitteln und austauschen. Hier eröffnen sich noch viele Möglichkeiten unter der Voraussetzung der notwendigen Daten-sicherheit.