Hauptbahnhof Mannheim
Der ICE-Knoten muss gesichert werden
von Wolfgang Brauer

Drei Fernverkehrsstrecken der Deutschen Bahn laufen auf den Mannheimer Hauptbahnhof zu.

Über 600 Züge und S-Bahnen halten täglich am Mannheimer Hauptbahnhof. Mehr als 110.000 Fahrgäste nutzen ihn jeden Tag zum Ein-, Aus- und Umsteigen. Mannheim ist der zweitgrößte Bahnverkehrsknoten im Südwesten und die wichtigste Umsteigestation in Baden-Württemberg. Derzeit werden die Weichen für wichtige Entscheidungen gestellt.Wenn zu jeder halben Stunde vier ICE-Züge gleichzeitig in den Mannheimer Hauptbahnhof einfahren, beginnt das große Umsteigen: von der Bahn aus Köln/Dortmund in die nach München, von der aus Basel in die nach Berlin. Mannheim ist die wichtigste Schnittstelle für Fernbahnreisende im Südwesten Deutschlands. Und das schon seit 40 Jahren, als die damalige Deutsche Bundesbahn unter dem Motto „Jede Stunde, jede Klasse“ ihr Intercity-System startete. Aus den Zügen mit Lokomotive und Wagen sind inzwischen längst moderne Triebwagen geworden, die bis zu 300 Kilometer pro Stunde schnell von Mannheim aus durch ganz Deutschland, aber auch in die Niederlande, nach Paris, Marseille, Zürich, Interlaken oder Mailand brausen.

Auf den Mannheimer Hauptbahnhof laufen von Norden her im Abstand von wenigen Kilometern drei Fernverkehrsstrecken der Deutschen Bahn zu. Eine solche Dichte an wichtigen Trassen gibt es sonst nirgendwo in Deutschland. Doch sie sind überlastet. Schon seit über 20 Jahren wird deshalb über eine Neubaustrecke von Frankfurt nach Mannheim nachgedacht. Bereits Anfang der 2000er Jahre waren die Pläne sehr konkret, wurden dann aber wieder verworfen. Auch, weil der frühere Bahnvorstand Hartmut Mehdorn Pläne forcierte, die schnellen ICE-Züge an Mannheim vorbei zu leiten. Es drohte die Gefahr, dass der Hauptbahnhof vom Fernverkehr abgehängt würde – ein Aufregerthema in der gesamten Region.  

Nach einer längeren Pause verfolgen die Bahn und die Politik den Bau der Schnellfahrtstrecke Rhein-Main/Rhein-Neckar wieder mit mehr Energie. In die Planung ist jetzt nicht nur die lokale Politik der Metropolregion Rhein-Neckar eingebunden, sondern auch Bürgerinitiativen, Umwelt- und Fahrgastverbände. Im Rahmen eines sogenannten Beteiligungsverfahrens unter Federführung der Deutschen Bahn kommen Vertreter dieser Gruppen seit Dezember 2016 in unregelmäßigen Abständen zusammen, bringen ihre Vorschläge ein und diskutieren kontrovers über die Streckenführung.

Dieses Verfahren steht nun vor dem Abschluss. Bis Ende 2019/Anfang 2020 soll über die endgültige Trassenführung im Norden von Mannheim entschieden werden. Drei mögliche Varianten haben sich herauskristallisiert: Zwei Optionen führen entlang der Autobahn A67 durch das Hessische Ried, eine geht dann östlich an Lorsch und Lampertheim vorbei und mündet in Mannheim-Waldhof in die bestehenden Strecken durch die Stadt. Option 2 führt an der Autobahn A6 vom Viernheimer Dreieck aus in den Mannheimer Norden. Die dritte mögliche Trasse schließlich liegt näher an der Bergstraße und wird in einer langen Kurve ebenfalls an die Bestandsstrecke in Mannheim-Waldhof angeschlossen.

Wie es aber von da aus in den Mannheimer Hauptbahnhof gehen soll, bleibt bei allen drei Varianten weiter ungewiss. Dazu sind weitere Planungen nötig, denn die Kapazitäten des „Knoten Mannheim“ mit dem Hauptbahnhof als Zentrum sind schon seit vielen Jahren erschöpft. Die Bahn möchte beide Streckenplanungen trennen.

Geklärt werden muss auch, wie zusätzliche Güterzüge durch Mannheim gelotst werden können, denn auf der Neubaustrecke Frankfurt-Mannheim sollen tagsüber die schnellen ICE-Personenzüge fahren, nachts aber Güterzüge rollen, um auf diese Weise die Orte an der Bergstraße zu entlasten.

Die Stadt und die Region haben für die weitere Streckenplanung durch Mannheim bei der Bahn auf der Einrichtung eines Projektbeirats bestanden, um Einfluss darauf zu nehmen, wie neue Gleise durch die Stadt gelegt werden. Wann die neue Trasse fertig sein wird, ist noch völlig offen, sicher nicht vor dem Jahr 2030.

Viel weiter ist dagegen die Planung für den neuen Nahverkehr durch den Mannheimer Hauptbahnhof. Ende 2020 soll das Streckennetz der S-Bahn Rhein-Neckar erneut erweitert werden. Das bringt neue
S-Bahn-Linien, die vom Mannheimer Hauptbahnhof aus nach Bensheim, Biblis/Groß-Rohrheim und Karlsruhe (über Hockenheim) fahren werden. Erst später in Betrieb gehen soll die neue S-Bahn-Linie über die östliche Riedbahn, die den Bahnhof Mannheim-Käfertal im Stundentakt in das S-Bahn-Netz einbinden soll. Derzeit ist diese Strecke noch nicht ausgebaut, weil es hier Widerstand gibt. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2020 werden auch neue Fahrzeuge eingesetzt. Die insgesamt 57 Triebwagen werden von der Landesanstalt Schienenfahrzeuge Baden-Württemberg erworben und dem Betreiber DB Regio im Rahmen eines Pachtvertrages zur Verfügung gestellt.

Für die neuen S-Bahn-Linien wurde im Mannheimer Hauptbahnhof bereits 2017 ein neuer Bahnsteig (Bahnsteig F) in Betrieb genommen. Um die neuen, zusätzlichen Nah- und Fernverkehrszüge abzufertigen, ist auch eine neue Struktur geplant. Die inneren Bahnsteige sollen zukünftig den ICE- und IC-Zügen vorbehalten bleiben, während S-Bahnen und Nahverkehrszüge an den äußeren Perrons abfahren sollen. Alles mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit des Mannheimer Hauptbahnhofs als wichtigste Umsteigestation der Bahn im Südwesten Deutschlands.

Doch nicht nur große und lange Bahnsteige, sondern auch über 50 Geschäfte, Restaurants, Cafes und Dienstleistungsbetriebe machen die Attraktivität des Hauptbahnhof aus. Sie haben im Allgemeinen sieben Tage die Woche von 6 bis 22 Uhr geöffnet und sind nicht nur für die zahlreichen Umsteiger und Bahnfahrer eine Anlaufstelle, sondern auch für viele Mannheimer, die sich auch außerhalb der regulären Ladenöffnungszeiten mit Lebensmitteln, Backwaren, Zeitungen, Zeitschriften, Büchern oder Geschenkartikeln und vielem mehr versorgen wollen.