Hohes Engagement der Mannheimer Wirtschaft

Im Kampf gegen Corona

Corona hat die Welt zu Beginn des Jahres 2020 „kalt erwischt“. Doch die Schockstarre setzte schnell auch Energien frei. Zahlreiche Firmen aus Mannheim und der Region tragen – auf ihre Weise und auf ihrem Gebiet – dazu bei, die Pandemie einzudämmen.

VON DR. GABRIELE KOCH-WEITHOFER UND ULLA CRAMER

ROCHE: Mit Tests und Medikamenten gegen die Pandemie

Auf Hochtouren läuft die Suche nach wirksamen Medikamenten beim Schweizer Healthcare-Konzern Roche. Und am Roche-Standort im Mannheimer Norden geht es um den Ausbau der Produktionskapazitäten für Tests.
Binnen Wochen entwickelte Roche im Frühjahr 2020 zwei Labortests: einer auf PCR-Basis zum Nachweis des neuartigen Coronavirus und damit einer Infektion sowie einen serologischen Test zum Nachweis von Antikörpern gegen das Virus. „Der Nachweis dieser Antikörper hilft zu ermitteln, ob bereits eine Infektion durchgemacht wurde. Dies kann dabei unterstützen, mehr über die Verbreitung des Virus in Erfahrung zu bringen”, erklärt Martin Haag, Werkleiter bei Roche Mannheim.

Der Standort Mannheim spielt bei der Versorgung von Patienten mit unseren Diagnostika und Medikamenten eine zentrale Rolle. Claus Haberda, Geschäftsführer Roche Diagnostics GmbH

Der Antikörper-Test wird am Standort Mannheim final hergestellt. Aus dem bayerischen Penzberg stammen die dafür wichtigen Enzyme und Reagenzien. Auch der Versand in über 170 Länder wird logistisch von Mannheim aus bewältigt. Mittlerweile gingen mehrere Millionen Testkits in alle Welt.
Im September 2020 machte Roche einen weiteren Schritt und brachte einen Corona-AntigenSchnelltest auf den Markt, bei dem das Testergebnis in der Regel innerhalb von 15 Minuten feststeht. Der Test kann ohne Laborinfrastruktur mit einem Nasen-Rachen-Abstrich durchgeführt werden. Bei der Markteinführung standen monatlich 40 Millionen Schnelltests zur Verfügung. Bis Ende 2020 soll sich diese Kapazität noch verdoppeln. Das Marketing, der Verkauf für Deutschland und die Logistik sowie der Service für diesen Test erfolgen ebenfalls von Mannheim aus.
Auch Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln bei schwer erkrankten Corona-Patienten laufen bereits. Positive Wirkungen eines gegen rheumatische Arthritis gerichteten Roche-Medikaments bestätigten sich allerdings in ersten klinischen Studien bis Ende Juli 2020 nicht. Roche will weiterforschen, ob der Wirkstoff in Kombination mit einem antiviralen (Ebola-)Medikament bessere Ergebnisse bringt.
Im August 2020 gab Roche bekannt, im Kampf gegen die Corona-Pandemie mit dem USPharmakonzern Regeneron zusammenzuarbeiten. Ziel sei es, die Antikörper-Kombination „Regn-Cov2“ des US-Unternehmens zu entwickeln, herzustellen und auf der ganzen Welt zu vertreiben. Der Antikörper-Cocktail könne eine dringend benötigte Behandlungsmöglichkeit für Menschen bieten, die bereits Symptome von Covid-19 aufweisen, und habe zudem das Potenzial, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Wenn das Medikament zugelassen wird, werde Regeneron den Vertrieb in den USA übernehmen, Roche werde für den Rest der Welt verantwortlich sein. Auch soll im Rahmen der Zusammenarbeit die Herstellungskapazität erweitert werden.

BASF-Vorstandsvorsitzender Martin Brudermüller (r.) übergibt eine Spende von über 100 Millionen Schutzmasken an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (2.v.r).

Der Standort in Mannheim-Sandhofen ist einer der größten Roche-Standorte weltweit. Hier sind rund 8.300 Mitarbeitende beschäftigt. Insgesamt arbeiten rund 16.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an fünf Standorten bei Roche in Deutschland.

BASF: Hand in Hand gegen die Krise

Unter das Motto „Helping Hands“ stellte der weltgrößte Chemiekonzern BASF seine umfangreichen Hilfsaktionen in der Krise. Diese reichten von der außerplanmäßigen Produktion von Desinfektionsmitteln über die Beschaffung von Schutzmasken bis hin zu direkten Hilfen für Organisationen und Menschen in der Metropolregion, die durch die Corona-Krise in Not geraten sind. Allein dafür stellte ein Hilfsfonds des Unternehmens mehr als 100.000 Euro bereit.
Anfang Juli 2020 zog Michael Heinz, Vorstandsmitglied und Standortleiter, eine erste Bilanz: Mehr als 900.000 Liter Desinfektionsmittel haben die Aniliner produziert und in Europa gespendet, rund 275.000 Liter wurden in der Metropolregion Rhein-Neckar ausgeliefert. BASF hatte extra eine Produktionslinie umgestellt.
Über 100 Millionen Schutzmasken hat das Unternehmen darüber hinaus an die Bundesrepublik Deutschland gespendet sowie eine Million FFP2-Masken an das Land Rheinland-Pfalz. Dafür griffen die Ludwigshafener auf ihre Einkaufsnetzwerke in Asien und die Konzern-Logistik zurück.
Aus einem eigens aufgelegten Hilfsfonds unterstützte BASF zudem Menschen, die durch Corona-Erkrankungen längere Verdienstausfälle erlitten oder deren Haushalt in eine Notlage geriet. Nutznießer waren auch die Tafeln in Frankenthal und Bensheim. Und noch immer werden bei Bedarf Hilfsgelder ausgezahlt. Die Pandemie sei schließlich erst überstanden, wenn ein Impfstoff verfügbar ist, so Heinz. Auch dabei leiste die BASF mit Forscherteams und dem Supercomputer Curiosity einen Beitrag.

ABB unterstützt Kunden mit kostenloser Software

Ein Stromausfall im Krankenhaus ist fatal, und das nicht nur zu Pandemie-Zeiten. Um eine unterbrechungsfreie Stromversorgung zu gewährleisten, stellt ABB Kunden bis Ende 2020 bestimmte Software-Lizenzen zur Ferndiagnose und Fernüberwachung von Anlagen und Systemen kostenlos zur Verfügung.
Damit Mitarbeitende sicher arbeiten können, müssen viele Unternehmen kritische Betriebsabläufe mit weniger Personal aufrechterhalten. Die kostenlosen Funktionen der ABB Ability-Plattform verbessern Effizienz und Sicherheit aus der Ferne. Monitoringsysteme überwachen den Zustand von Schaltanlagen und elektrischen Systemen, helfen ungeplante Ausfälle zu vermeiden und sparen Wartungskosten.
Das kostenlose Digitalangebot des Geschäftsbereichs Elektrifizierung ist für kritische Anwendungen im Gesundheitswesen ebenso interessant wie für das Energieund Gebäudemanagement von Versorgern. Auch für drei neue Gebäudeautomationslösungen, wie beispielsweise die Fernsteuerung von Notbeleuchtungssystemen, verzichtet ABB 2020 auf Gebühren.
Der Schweizer Technologiekonzern ABB ist in den Bereichen Elektrifizierung, Robotik, Automation und Antriebstechnik aktiv. Weltweit beschäftigt ABB rund 110.000 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern. ABB Deutschland beschäftigt rund 8.500 Mitarbeiter, in der Metropolregion an den Standorten Mannheim, Heidelberg und Ladenburg.

CROPENERGIES: Desinfektionsmittel statt Sprit

CropEnergies, Europas größter Hersteller von erneuerbarem Ethanol mit Sitz in Mannheim, hat seit Beginn der Pandemie Alkohol für die Produktion von Desinfektionsmitteln geliefert. Dafür weitete das Unternehmen die Produktion von Neutralalkohol am Standort Zeitz in Sachsen-Anhalt sowie in Frankreich aus. Auch technischer Alkohol wurde zur Verfügung gestellt: Behörden in Deutschland, Frankreich und Österreich hatten „grünes Licht“ gegeben, da er die Qualitätsansprüche erfüllte. In Zeitz werden täglich rund eine Million Liter reiner Alkohol hergestellt.
Ein Teil der Produktion ging an den Spezialchemiekonzern Clariant. Der stellte daraus Desinfektionsmittel her. Allein 10 Millionen Liter wurden Krankenhäusern und öffentlichen Einrichtungen in Bayern zur Verfügung gestellt. 80 Tonnen pro Monat lieferte Clariant zudem für das Schweizer Gesundheitssystem. Auch die rheinland-pfälzische Chemische Fabrik Dr. Stöcker
produzierte mit Ethanol von CropEnergies Desinfektionsmittel für die Region.

Durch die Umstellung unserer Produktion können wir zu einer besseren Versorgung mit Desinfektionsmitteln beitragen.
Dr. Stephan Meeder, Vorstandssprecher CropEnergies

CropEnergies gehört zur Südzucker-Gruppe. Das 2006 gegründete Unternehmen hat eine jährliche Produktionskapazität von rund 1,3 Millionen Kubikmeter Ethanol. Größtenteils wird es als Benzin-Ersatz genutzt. Dazu kommen 150.000 Kubikmeter hochreiner Neutralalkohol. Dieser kommt in der Getränke-, Kosmetikund pharmazeutischen Industrie sowie für technische Anwendungen zum Einsatz. CropEnergies hat vier moderne Produktionsanlagen in Deutschland, Belgien, Großbritannien und Frankreich sowie eine Handelsniederlassung in Chile. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 450 Mitarbeiter, davon 51 in Mannheim.

CATERPILLAR: Power für Beatmungsspezialist Dräger

Kaum etwas war und ist in Corona-Zeiten so stark gefragt wie Schutzausrüstungen für Ärzte und Fachpersonal sowie Beatmungsgeräte für die Intensivmedizin. Auf beides ist der Medizintechnik-Produzent Dräger in Lübeck spezialisiert. Bei den Hanseaten brummt das Geschäft, die Produktion läuft auf Hochtouren. Dass das möglich ist, dafür sorgt seit 2007 unter anderem ein werkseigenes Blockheizkraftwerk (BHKW). Es deckt fast ein Drittel des Standortbedarfs an Strom und Wärme.
Sein Herzstück stammt aus Mannheim: ein Gasaggregat der Marke MWM von Caterpillar Energy Solutions. Im Juni 2020 haben die Neckarstädter die Anlage in Lübeck nochmals aufgerüstet: Ein MWM-Motor der neuesten Generation (TCG 2020 V12) ersetzte das ältere Modell. Der leistungsstarke Gasmotor bringt einen echten Power-Schub: Das neue Aggregat hat nicht nur die besten elektrischen und thermischen Wirkungsgrade seiner Klasse, es liefert den erfolgreichen Nordlichtern auch rund ein Megawatt Strom pro Stunde. Damit sie weiter jede Menge hochwertige Ausstattung für die Intensivund Notfallmedizin herstellen können – effizient und CO2-sparend.
Caterpillar Energy Solutions produziert unter den beiden Marken MWM und Cat Gasmotoren, Strom-Kraftwerke sowie Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen. Der Firmensitz in Mannheim geht auf Autopionier Carl Benz zurück, der 1871 mit den „Mechanischen Werkstätten Mannheim“ den Grundstein legte. Heute gehört das Werk zum global tätigen Caterpillar-Konzern, für den in Mannheim rund 1.000 Menschen arbeiten.

OPASCA: Berührungsfreier Check-in

Der Schutz von Patienten und Klinikpersonal vor dem Coronavirus – dieser Herausforderung stellt sich OPASCA, Gewinner des Mannheimer Existenzgründungspreises 2013, mit einem System, das im Krankenhaus sowohl den Check-in berührungsfrei gestaltet als auch die Patientenaufrufe weitgehend automatisiert. Durch die selbstständige, hygienische Anmeldung von Patienten am Check-in-Terminal mittels OPASCAPatientenpass wird der Aufenthalt an der Rezeption und so ein enger Kontakt mit dem Klinikpersonal vermieden.

Mit unserem digitalisierten Anmelde- und Aufrufsystem wahren Patienten und Personal den wichtigen Abstand.
Dr. Alexej Swerdlow, Geschäftsführer OPASCA

Über das ManagementTerminal am Bedienplatz kann das Personal via Touchscreen die Patienten aufrufen und die Patienten über das Display im Wartebereich mit einem optischen und akustischen Signal informieren. Das Klinikpersonal muss den Wartebereich nicht betreten. Am Management-Terminal hat man zudem den Überblick, welcher Patient sich wo aufhält und kann den Patientenfluss so steuern, dass Patientenbegegnungen minimiert werden.

KYOCERA: Rezepte für die Medizintechnik

Sie spielt eine wichtige Rolle bei der Diagnostik von Covid-19: die Lungen-Computertomografie (CT). Sie trägt wesentlich dazu bei, das aktuelle Ausmaß der Krankheit, aber auch ihren potenziellen Verlauf zu beurteilen. „Die Zahl der Bilder, die ein solches CT-Gerät aufnehmen kann, ist jedoch beschränkt“, weiß Armin Kayser, Geschäftsführer der KYOCERA Fineceramics Solutions GmbH in Mannheim. „Deshalb stocken die Anbieter derzeit ihre Läger auf.“ Mit Drehkolbenröntgenrohren und Röntgenbildverstärkern liefert KYOCERA wichtige Verbundbauteile für die Herstellung von CTs, vor allem an Siemens. „Unsere Hochleistungskeramik ist außergewöhnlich beständig gegen Hitze, Korrosion, Hochspannung und chemische Einflüsse, dazu absolut formund verschleißfest. Deshalb ist ihr Einsatz in der Medizintechnik unverzichtbar.“

Das RapidCall RT-System hilft, Patienten und Personal in Kliniken vor der Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen.

KYOCERA, einer der ganz großen Global Player mit weltweit 283 Tochtergesellschaften, 77.000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von rund 13 Milliarden Euro, ist ein neuer Spieler in der Mannheimer Wirtschaft. Im September 2019 investierte der japanische Konzern über 100 Millionen Euro in die Übernahme der Feinkeramiksparte von Friatec inklusive des Kaufs von zwei Grundstücken. Seitdem wurde die Zahl der Beschäftigten der neu gegründeten KYOCERA Fineceramics Solutions GmbH bereits um 36 Mitarbeiter auf rund 300 aufgestockt. Für 2020 sind Investitionen von 5,5 Milionen Euro geplant – und es wird ein Umsatz von 50 Millionen Euro angepeilt.

In gebotenem Abstand: Mish Mishima, Vice President KYOCERA Corporation (5.v.l.), und Armin Kayser, Geschäftsführer KYOCERA Fineceramics Solutions GmbH (6.v.r.), freuten sich im Sommer 2020 über den Besuch einer städtischen Delegation unter Leitung von Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz (7.v.l.) und Wirtschaftsbürgermeister Michael Grötsch (7.v.r.). Die Mannheimer Wirtschaftsförderung wurde durch die Leiterin Christiane Ram (3.v.r.) und den stellvertretenden Leiter Dr. Wolfgang Miodek (1.v.r.) vertreten.