Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar

„Wirtschaftliche Schäden so gering wie möglich halten“

Sie war die erste unmittelbare Hilfe für viele von der Pandemie betroffene Betriebe und Selbstständige – die Corona-Soforthilfe. Erste Ansprechpartnerin bei diesem Thema war die IHK Rhein-Neckar. Und auch in der Politikberatung ist die IHK in der Krise gefordert.
Gemeinsam für die Wirtschaft: Manfred Schnabel, Präsident der IHK Rhein-Neckar (r.), und Mannheims Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz

VON ULLA CRAMER

In Spitzenzeiten erreichten uns rund 2.000 Anrufe täglich im Bereich der Erstberatung zu den Corona-Soforthilfen und rund 600 bei der Intensivberatung“, berichtet Andreas Kempff, Geschäftsführer der IHK Rhein-Neckar, der diesen Aufgabenbereich verantwortete. „Bis zu 50 IHK-Mitarbeiter waren im Einsatz, rund 70 weitere Kolleginnen und Kollegen mit der Bearbeitung der Anträge betraut. Das ist mehr als die Hälfte des gesamten Teams der IHK RheinNeckar.“ Rund 40.000 Anträge erreichten die IHK Rhein-Neckar. Rund 15.000 davon hatten Mängel und mussten zur Nachbesserung an die Antragstellerinnen und Antragsteller zurückgegeben werden. „Viele Unternehmer taten sich vor dem Hintergrund der schwierigen Situation mit dem Ausfüllen der Unterlagen schwer – und brauchten eine intensive Beratung“, so Kempff.
Gemeinsam für die Wirtschaft: Manfred Schnabel, Präsident der IHK Rhein-Neckar (r.), und Mannheims Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz
Am Telefon wurden die Beraterinnen und Berater hautnah mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten konfrontiert, weit über die Beantragung der Corona-Soforthilfe hinaus. „Wir waren am dichtesten dran und erhielten schnell eine Übersicht über die dringendsten Themen“, sagt der Geschäftsführer. „Dabei ging es nicht nur um faktische wirtschaftliche Probleme, sondern wir wurden auch mit Frustration und Verzweiflung konfrontiert.“ Dieses Stimmungsbild vermittelte die IHK Rhein-Neckar in zahlreichen Gesprächen und Diskussionen der Politik, wo das Interesse an ihrer Einschätzung sehr hoch war.
Im Austausch mit den Kommunen suchte die IHK auch nach weiteren Möglichkeiten einer zeitnahen Unterstützung wie der Stundung von fälligen Steuern oder der Herabsetzung von Steuervorauszahlungen. „Ein Thema war auch der Verzicht auf Mieten für städtische Grundstücke und Immobilien – oder die Erweiterung der Außenbewirtschaftung und der Verzicht der Kommunen auf die Sondernutzungsgebühren für die Gastronomie“, nennt Kempff einige Beispiele. „Das ist ein erfolgreicher Ansatz, um Umsätze zu generieren.“
Als einzige Stadt im Bezirk der IHK RheinNeckar legte die Stadt Mannheim ein eigenes Corona-Soforthilfeprogramm für Selbstständige, Unternehmen und Kulturveranstalter mit weniger als 50 Beschäftigen auf, die für das urbane Leben in oder für Mannheim typische und zwingende Leistungen erbringen. Der IHK-Gründungsexperte Alex Wolf engagierte sich als Mitglied des Gremiums für die Bewilligung dieser kommunalen Zusatzhilfen und befasste sich bisher bereits mit rund 100 Fällen. Die wichtigsten Fragen waren: Wie sieht die wirtschaftliche Lage aus? Hat das Unternehmen wirklich alle Förderhilfen ausgeschöpft und auch andere Möglichkeiten wie Steuerstundungen etc. genutzt? „Es ging aber nicht allein um Zahlen, sondern neben der reinen Kopfentscheidung spielte auch das Bauchgefühl mit“, so Wolf. Eine wichtige Aufgabe als Vertreter der IHK Rhein-Neckar war es außerdem, die Expertise bei der aktuellen Situation der Förderprogramme einzubringen, beispielsweise als Baden-Württemberg ein Programm für die Gastronomie auf den Weg brachte, oder spezielle Liquiditätsdarlehen. „So hatte meine Arbeit in diesem Gremium zwei Seiten: Ich gab ein Votum ab, trug aber auch dazu bei, die Informationen zur Fördersituation stets auf den neuesten Stand zu bringen“, blickt Wolf zurück.
In mehreren Corona-Positionspapieren wies die IHK Rhein-Neckar außerdem mit Blick auf die Landesund Bundespolitik auf Schwachstellen der Hilfsprogramme und der Konjunkturpolitik hin. „Vom ersten Tag an haben wir darauf hingewirkt, dass die wirtschaftlichen Schäden durch die Pandemie so gering wie möglich ausfallen“, betont IHK-Präsident Manfred Schnabel. „Unter anderem fordern wir, dass die Politik stärker auf Eigenverantwortung setzen, Lücken im Fördersystem schließen und die Solidität der Staatsfinanzen im Blick behalten sollte.“

Das Eiscafé Il Gelato Vittoria profitierte von der Ausweitung der Außenbewirtschaftung und sorgte im Sommer 2020 für eine Belebung am Eingang der Breiten Straße.

Neben dem Erhalt der Liquidität gehören auch Unterbrechungen in den Lieferketten in Zeiten von Corona zu den größten Herausforderungen. Jeder dritte Industriebetrieb im IHKBezirk Rhein-Neckar berichtete in einer IHKBlitzumfrage von fehlenden Waren und Dienstleistungen für seine Produktion.
„Vor Corona spielten Preis, Qualität und manchmal auch die Lieferung just in time die größte Rolle beim Einkauf“, weiß Matthias Kruse, Geschäftsführer International der IHK RheinNeckar. „Liefersicherheit hat zwar vor dem Hintergrund des zunehmenden Protektionismus bereits in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen, Corona hat die Liefersicherheit aber zu einem noch bedeutenderen Faktor im Einkauf werden lassen.“ Immer mehr Unternehmen versuchten dementsprechend, ihre Lieferantenbasis insbesondere bei zentralen Vorprodukten zu verbreitern, um ihre Abhängigkeit von einem oder wenigen Lieferanten und damit ihr Bezugsrisiko zu reduzieren.
„Nearsourcing in Ländern der EU oder der EU-Anrainerstaaten wird deshalb zunehmend interessanter“, berichtet Bernhard Schuster, Europa-Experte im Geschäftsbereich International.Die 6.EinkaufsinitiativeWestbalkanim September 2020, zu der die IHK Rhein-Neckar gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME), den Auslandshandelskammern Westbalkan und den baden-württembergischen IHKs einlud, traf deshalb trotz ihrer virtuellen Form auf große Resonanz. Im Mittelpunkt standen Lieferanten von Vorprodukten aus Metall, Kunststoff und Elektronikteilen aus den Ländern Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien, Nord-Mazedonien, Montenegro, Albanien und Kosovo.

Die Prüfung von rund 40.000 Anträgen und die Beratung tausender Unternehmen war eine starke Leistung der IHK Rhein- Neckar und ein Beweis dafür, wie gut die Selbstverwaltung der Wirtschaft funktioniert.
Manfred Schnabel, Präsident der IHK Rhein-Neckar

Auch bei Exportmärkten stehen Geschäftschancen im benachbarten Ausland wie Österreich, der Schweiz, Benelux oder Frankreich wieder ganz oben auf der Agenda. „Bei der Suche nach Vertriebspartnern helfen wir in Zusammenarbeit mit unseren Auslandshandelskammern. Aber auch bei der Organisation von Geschäftsreisen und Messeauftritten im Ausland oder in rechtlichen Fragen unterstützen wir gerne“, berichtet Schuster. Ein großes Thema ist außerdem die Entsendung von Mitarbeitern für Arbeitseinsätze ins Ausland. „Manche Grenzen waren komplett dicht – und die Lage ändert sich jeden Tag. Hier ist es unsere Aufgabe, die aktuelle Lage zu recherchieren und unsere Mitgliedsfirmen ständig auf dem neuesten Stand zu halten. Corona wird für uns auch in den nächsten Monaten ein zentrales Thema sein – noch vor dem Brexit.“