Inter

Kleiner Sensor soll vor Katastrophe schützen

Nachbarschaftshilfe – wie ein Start-up aus Heidelberg große Versicherungsschäden bei der Mannheimer Inter verhindern will

Von Stefanie Ball

Rund 4,5 Milliarden Euro – das ist die Höhe der Schäden, die die Wohngebäudeversicherung jedes Jahr für Wasserschäden aufwenden muss. „Leitungswasserschäden sind ein großes Problem, und das schon seit Jahrzehnten“, berichtet Frank
Wiemann, Bereichsleiter Schadenregulierung bei der Inter Versicherungsgruppe, die ihren Sitz in Mannheim hat. Mit zunehmendem Alter des Gebäudebestandes steige das Risiko für Leckagen. „Viele Häuser in Deutschland wurden in der Nachkriegszeit gebaut, und niemand tauscht, wenn es keine Schäden gibt, die Rohre aus“, weiß Wiemann. Bis es dann Schäden gibt. Die aber niemand – zunächst – bemerkt.

Kleinste Leckagen durch Korrosion, Verschleiß oder Materialfehler bleiben oft lange unentdeckt, während das Wasser kontinuierlich in die Bausubstanz eindringt. „Dass da etwas nicht stimmt, wird den Hausbesitzern oder Mietern oft erst bewusst, wenn der Schimmel an den Wänden im Inneren sichtbar wird“, sagt Wiemann. Was folgt, ist ein Riesenaufwand: Handwerker müssen organisiert, das Haus muss saniert werden, in vielen Fällen ist das Gebäude für längere Zeit nicht bewohnbar. Für die Versicherungswirtschaft bedeutet das hohe Kosten, für den Besitzer der Immobilie ein Desaster. Im schlimmsten Fall bleibt das Haus unbewohnbar. Auch diejenigen, die (noch) nicht betroffen sind, spüren die Auswirkungen: Laut Wiemann sind die Prämien für Gebäudeversicherungen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

rd. 4,5 Mrd.

Euro

– das ist die Höhe der Schäden,
die die Wohngebäudeversicherung jedes
Jahr für Wasserschäden aufwenden muss.

Nun gibt es eine mögliche Lösung, und die kommt aus Heidelberg. Das Start-up Enzo hat einen Sensor entwickelt, den „one.drop“, der sich ohne großen Aufwand und handwerkliche Kenntnisse direkt am Hauptwasserrohr im Keller anbringen lässt. Der Sensor misst die Temperaturunterschiede, die zwischen dem kalten Wasser von draußen und dem tendenziell wärmeren Wasser, das sich im Haus in den Leitungen befindet, herrschen. Und weil der Sensor mit einer Künstlichen Intelligenz (KI) ausgestattet ist, erkennt er die Verbrauchsmuster, er weiß also, wie stark diese Schwankungen zwischen kaltem und warmem Wasser in dem jeweiligen Haus üblicherweise sind, wie viel Wasser letztlich stündlich, täglich durch die Rohre fließt. „Gibt es Änderungen im Verbrauch, die womöglich auf einen Wasseraustritt zurückzuführen sind, erkennt das die KI und schlägt Alarm. Der Eigentümer wird über die App oder per E-Mail informiert und kann schnell reagieren. Danach kümmert sich die Inter um die Schadenbeseitigung und übernimmt die Kosten“, erklärt Wiemann.

Durch einen Artikel in der Fachpresse ist Inter auf Enzo aufmerksam geworden. Als Wiemann erfuhr, dass das Start-up aus Heidelberg stammt, war schnell klar: „Das müssen wir uns ansehen.“ Kurz darauf sei es zu einem ersten Treffen gekommen. „Die regionale Nähe hat vieles erleichtert“, sagt Wiemann. Man habe sich direkt austauschen, Fragen klären, die Technik in Ruhe prüfen können. „Aus dem ersten Gespräch wurde rasch ein gemeinsames Projekt.“

750 Kunden der Inter, viele davon aus der Rhein-Neckar-Region, dürfen „one.drop“ nun testen. Sie wurden ausgewählt, da bei ihnen das mathematisch berechnete Risiko eines größeren Wasserrohrbruchs erhöht ist. Den Teilnehmern werden Sensor und App kostenlos zur Verfügung gestellt. Sie bringen das Gerät selbst an und überwachen den Wasserverbrauch dann per Smartphone. Wenn der Sensor einen ungewöhnlichen Verbrauch meldet, prüft der Eigentümer zunächst mögliche Ursachen – etwa einen laufenden Wasserhahn oder eine Spülung, die nicht richtig schließt. Bleibt die Ursache unklar, beauftragt die Inter einen speziellen Dienstleister mit der Lecksuche. Die Kosten dafür übernimmt der Versicherer.

Der Sensor kann den Schaden nicht verhindern, er kann aber dafür
sorgen, dass sich eine ursprünglich vielleicht kleine undichte Stelle nicht zu einem großen Problem auswächst.

Frank Wiemann, Bereichsleiter Schadenregulierung bei der Inter Versicherungsgruppe

„Der Sensor kann den Schaden nicht verhindern, er kann aber dafür­ sorgen, dass sich eine ursprünglich vielleicht kleine undichte­ Stelle­ nicht zu einem großen Problem auswächst.“ Laut Wiemann gibt es bereits seit längerem technische Lösungen zur Vorbeugung von ­Leitungswasserschäden auf dem Markt, diese seien aber ­vergleichsweise kostspielig, mithin für Immobilienbesitzer wenig ­attraktiv. „Wir hoffen, dass der Sensor hier eine echte Alternative ­bietet.“ In einem Jahr will die Inter Bilanz ziehen und das Pilotprojekt auswerten. ■