Interview mit Dr. Gunther Kegel, Vorstandsvorsitzender Pepperl+Fuchs

„Wir brauchen eine europäische Zulieferindustrie“

Die Corona-Krise hat die Schwachstellen der Lieferketten schonungslos offengelegt. In der Mikroelektronik sind deutsche Firmen komplett von den USA und Fernost abhängig.
Globale Lieferketten prägen den Einkauf von Pepperl+Fuchs.

Herr Dr. Kegel, Sie finden zunehmend deutliche Worte zum Thema Abhängigkeit der deutschen Mikroelektronikindustrie von Herstellern in den USA und Asien. Ist das für Sie in der derzeitigen Corona-Krise ein besonderes Problem?

Dr. Gunther Kegel: Natürlich war es besonders im Frühjahr 2020 angesichts geschlossener Grenzen und Lockdowns zum Beispiel in China oft schwierig, an die benötigten Produkte wie Halbleiter zu kommen – aber das eigentliche Thema ist nicht neu.
Wir leben in einer globalen Wirtschaft. Warum ist es für ein mittelständisches Unternehmen wie Pepperl+Fuchs ein Problem, wenn seine Lieferanten ihren Sitz am anderen Ende der Welt haben? Kegel: Da geht es zum einen einfach um die Größe der Aufträge. Halbleiter, die wir für unsere Produktion brauchen, sind eigentlich für einen Massenmarkt entwickelt worden. Da haben unsere Bestellungen ein Volumen, das für die großen Player in den USA oder in China völlig uninteressant ist. Tritt eine Verknappung am Markt auf, haben wir keine Chance. Und wenn von unserer Seite die Bestellmengen einmal schwanken, dann gibt es durchaus Hersteller, die uns dann sofort den Stuhl vor die Tür stellen. Europäische Produzenten haben da meist etwas mehr Verständnis.

Wie gehen Sie denn mit diesem Risiko um?

Kegel: Wie die meisten Mittelständler. Wir bauen relativ große Sicherheitsbestände auf – und binden darüber eine Menge Kapital. Das ist für börsennotierte Unternehmen allerdings kaum eine Option.

Gerade in Ihrer Branche stellt sich auch die Frage der Sicherheit der Vorprodukte …

Kegel: Nun ja, bei näherem Hinsehen muss man feststellen, dass weit mehr als 90 Prozent von Schadsoftware aus China, Russland und den USA kommt – und zwei dieser Länder sind die Hauptlieferanten unserer Prozessor-Chips. Warum sollten wir darauf vertrauen, dass diese Länder nicht auch hier sogenannte „BackdoorMechanismen“ einbauen, über die zum Beispiel Rezeptursteuerungen aus der Chemieoder Pharmaindustrie abgesaugt werden können? Ich kenne Manager in der Pharma-Industrie, die das Thema Industrie 4.0 in ihrer Fertigung deshalb ausbremsen.

ZUR PERSON
Seit 2001 leitet der promovierte Elektrotechnikingenieur Dr. Gunther Kegel Pepperl+Fuchs, einen Spezialisten für Automatisierung, Sensorik und elektrischen Explosionsschutz. Als Präsident des Zentralverbands der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie Deutschland (ZVEI) setzt er sich auch für seine gesamte Branche ein.

Warum haben wir denn keine Halbleiter-Industrie in Europa?

Kegel: Dies ist nur möglich, wenn der politische, besser noch der gesellschaftliche Wille da ist, der fehlt derzeit jedoch noch. Allein mit dem Klima-Budget eines Jahres, rund 100 Milliarden Euro, könnte man in der Halbleiter-Industrie richtig etwas aufbauen – bei Airbus ist es uns doch auch gelungen, einen europäischen Champion an den Start zu bringen. Wir sagen immer, wir wollen der Souverän unserer Daten sein. Aber das sind wir eben nicht, wenn wir nicht in allen Dimensionen der Digitalisierung vom Halbleiter bis zur Software etwas Nennenswertes beizutragen haben. Auch wenn wir im Industriesoftware-Bereich gut aufgestellt sind, findet in den Software-Bereichen vom Betriebssystem bis zum Hyperscaler in Europa einfach nichts statt.

Das Interview führte Ulla Cramer.