Interview mit Dr. Henner Spelsberg und Joachim Giersberg, Vorstand TIB Chemicals

Mit Nischenprodukten zum Erfolg

Haben noch viele Pläne für die Zukunft: Joachim Giersberg (l.) und Dr. Henner Spelsberg
Schon fast 150 Jahre ist der mittelständische Chemikalienhersteller TIB Chemicals in Mannheim aktiv – und setzt bei seinem Produktprogramm vor allem auf Spezialitäten.

Wie kann sich TIB Chemicals als Mittelständler mit rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Stammsitz in Mannheim in einer Branche behaupten, die sehr stark von großen Konzernen geprägt ist?

Dr. Henner Spelsberg: Das Erfolgsrezept von TIB Chemicals ist, Nischen zu bedienen. Unser Anspruch ist es dabei, mit unseren Produkten in speziellen Regionen oder Segmenten jeweils zu den Top 3-Anbietern zu gehören. Zu den Marktführern gehören wir beispielsweise bei einer in Mannheim gefertigten Kupferchemikalie, die in der Airbag-Industrie eingesetzt wird. Für dieses Produkt haben wir erst kürzlich in eine neue Anlage investiert. Ein weiteres Beispiel sind Zinnkatalysatoren für die Klebund Dichtstoffindustrie, die einen maßgeblichen Einfluss auf die Reaktion der beteiligten Komponenten in den Endprodukten haben.

Joachim Giersberg: Schon seit den 1960er-Jahren sind wir auch sehr stark beim Korrosionsschutz von Pipelines und bei Modifikationen von Bitumen vertreten, das in der Asphaltindustrie verwendet wird – diese sind je nach Bauweise der Straßen sehr unterschiedlich. Auch Recycling ist bei uns ein wichtiges Thema. So bereiten wir metallhaltige Beizen aus der Feuerverzinkungsindustrie wieder auf und stellen daraus reine Produkte her.

Aus welchen Branchen kommen Ihre Kunden?

Spelsberg: Wir sind mit Blick auf unsere Kunden sehr breit aufgestellt, was uns in der derzeitigen Covid-19-Krise natürlich sehr nutzt. Einer unserer Schwerpunkte liegt in der Automobilindustrie, die im Moment sicher Probleme hat. Doch die Einbrüche dort konnten wir bisher durch Aufträge beispielsweise aus der Lebensmitteloder Pharmaindustrie gut auffangen.

Giersberg: Diese Vielfalt stellt allerdings auch unser Management vor eine große Herausforderung, weil durch die unterschiedlichen Anforderungen der verschiedenen Branchen Know-how und Expertise über all diese Bereiche hinweg notwendig ist. Doch diese Breite bietet auch Wachstumschancen. Aktuell haben wir deshalb ein Investitionsprogramm aufgelegt, das wir auch in der derzeitigen Pandemie nicht stoppen werden. Unser Ziel ist es, unsere Marktführerschaft weiter auszubauen und neue Regionen in Asien sowie Nordund Südamerika zu erschließen.

Seit fast 150 Jahren hat Ihr Unternehmen seinen Standort in Mannheim – warum?

Spelsberg: Neben der perfekten Infrastruktur, über die wir hier verfügen – mit Schiff, Bahn und Straße – schätzen wir vor allem auch die Mannheimer Hochschulen, mit denen wir eng zusammenarbeiten und von denen viele unserer Ingenieure kommen. Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können wir gerade wegen unseres mittelständischen Hintergrunds gewinnen. Wir verstehen uns als Familie, die zusammenhält. So ist in unseren Arbeitsverträgen explizit der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen festgeschrieben und wir beteiligen unsere Belegschaft durch Erfolgsbeteiligungen am Gewinn unserer Firma. Über eine Stiftung unterstützen wir außerdem unsere Mitarbeiter und ihre Familien, wenn sie in Not geraten. æ

Das Interview führte Ulla Cramer.

TIB CHEMICALS
Die heutige TIB Chemicals AG mit Sitz in Mannheim blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. 1872 als Chemische Fabrik Rheinau (Säuren & Soda) gegründet, ging das Unternehmen 1912 in die Hände der damaligen Th. Goldschmidt AG (heute: Evonik) über und änderte seinen Namen 1999 in Goldschmidt TIB GmbH. 2006 wurde das Unternehmen im Rahmen eines Management-Buy-outs übernommen und firmiert seit 2007 als TIB Chemicals AG. Das Produktprogramm umfasst anorganische Spezialchemikalien, Beschichtungssysteme für den Bereich Piping und hochwertige Basischemikalien.