Interview mit Dr. Niels Pörksen, Vorstandsvorsitzender der Südzucker AG | Die Kraft der Pflanzen nutzen

Mit seiner neuen „Strategie 2026 PLUS“ möchte Südzucker sein Portfolio deutlich erweitern und das Unternehmen nachhaltig für
die Zukunft auf- stellen.

In seinem Zukunftsprogramm hat Südzucker seine Transformation von einem großtechnischen Verarbeiter von Agrarrohstoffen hin zu einem Partner für nachhaltige pflanzenbasierte Lösungen fest- geschrieben. Können Sie uns diesen Ansatz näher beschreiben?
Dr. Niels Pörksen: „Get the Power of Plants“ haben wir unsere neue Strategie überschrieben – und das trifft es auch sehr gut. Das Potenzial von Pflanzen als nachwachsender Rohstoff ist nahezu unerschöpflich. Unser Geschäftsmodell basiert überwiegend auf der Zuckerrübe als Rohstoff. Gemeinsam mit unseren landwirtschaftlichen Partnern auch außerhalb Europas haben wir aber zudem eine hohe Kompetenz für die Einsatzmöglichkeiten von Rohstoffen aus weiteren Pflanzen von Reis über Zichorien und Mais bis Weizen sowie über unsere Beteiligung an der AGRANA auch im Fruchtbereich aufgebaut. Diese sind vielfältig und umfassen neben dem Thema Ernährung auch die Bereiche Energie, Tiernahrung, Chemie, Kosmetik und Verpackungen. Diese Expertise wollen wir nutzen und eine der führenden Unternehmensgruppen für pflanzenbasierte Produkte und Konzepte werden, die wir gemeinsam mit unseren Kunden entwickeln – lokal, regional und global.

Südzucker-Vorstands- chef Dr. Niels Pörksen passt sich mit seiner neuen Geschäftsstrategie den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen an. FOTO: SÜDZUCKER

Ein Thema, auf das Sie in diesem Zusammenhang setzen, sind pflanzliche Proteine …
Pörksen: In der Tat sehen wir eine große Veränderung der Essgewohnheiten hin zu vegetarischen und veganen Produkten. Schon heute bietet unsere Tochterfirma BENEO funktionelle Proteine an. Diese kommen beispielsweise bei den Texturen für vegane Burger zum Einsatz und sorgen dort für die typische Fleischsensorik. Man kann dafür Erbsen, Ackerbohnen oder auch Weizen oder Reis nutzen. Bei der Herstellung von vegetarischen und veganen Produkten spielen pflanzliche Proteine weit über den Bereich der Texturen hinaus eine signifikante Rolle und in diesem schnell wachsenden Markt möchten wir uns als kompetenter Partner für die Firmen positionieren, die hier aktiv sind.

Biobasierte Chemikalien, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden und fossilbasierte Chemikalien ersetzen, sind ein weiterer Bereich, den Südzucker voranbringen will. Wo sehen Sie denn hier Wachstumspotenzial?
Pörksen: Hier geht es vor allem um den Ersatz von fossilen Rohstoffen, zum Beispiel bei der Herstellung von Hart- oder Weichschäumen für Isoliermaterialien, Kunststoffflaschen, Textilfasern oder Plastikverpackungen. Bei Letzteren sind wir derzeit in verschiedenen Forschungsprojekten engagiert. So entwickeln wir in dem vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) geförderten Projekt BioPrima biobasierte Primärfolien, die als Schrumpffolie die Tiefkühlpizza schützen. Ein Erfolg bei diesem Thema ist in unserem ureigenen Interesse, denn zu unserer Unternehmensgruppe gehört mit Freiberger auch ein Hersteller von Tiefkühlpizzen. Wir bauen außerdem auf den von unserer österreichischen Tochterfirma AGRANA entwickelten Kunststoff AGENACOMP, der auf Stärke basiert. Verpackungen, die auf dieser Rohstoffbasis hergestellt werden, können zu Hause kompostiert werden. Eine praktische Anwendung sind zum Beispiel die Gemüsebeutel, die wir alle aus dem Supermarkt kennen. Wie schnell und wie vollständig sich stärkebasierte Beutel im Kompost zersetzen, veranschaulichen wir in einem Projekt, das vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie unterstützt wird.

Welchen Stellenwert hat die neue Strategie für Südzucker?
Pörksen: Wir stehen vor gesellschaftlichen Entwicklungen, die auch unsere Märkte tiefgreifend verändern und uns vor neue Herausforderungen stellen. Anhaltende und neue Gesundheitstrends, verbunden mit Diskussionen hinsichtlich des Zuckerverzehrs in Europa, aber auch die steigende Beliebtheit veganer und vegetarischer Produkte, die Notwendigkeit, CO2-Emissionen zu reduzieren sowie die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, verändern die Bedürfnisse unserer Kunden und der Gesellschaft insgesamt. Wenn wir unser Unternehmen resilient und widerstandsfähig aufstellen wollen, dann müssen wir auf diese Entwicklung reagieren und uns breiter aufstellen. Ich bin überzeugt, dass wir hier die besten Voraussetzungen haben, als Unternehmen gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion eine wesentliche Rolle zu spielen. 2026 wird Südzucker 100 Jahre alt – auch mit Blick auf dieses Jubiläum haben wir den Namen für unsere Strategie gewählt. Denn in den nächsten 100 Jahren soll es mit unserem Unternehmen weiterhin erfolgreich vorangehen.

Die Fragen stellte Ulla Cramer.