Interview mit Dr. Wolfgang Thomasberger, Vorsitzender des Vorstands der VR Bank Rhein-Neckar

„Unsere DNA ist die Präsenz in der Fläche“

Mit zahlreichen Ansprechpartnern in den Filialen vor Ort punktet die VR Bank Rhein-Neckar bei ihren Kunden. Doch Digitalisierung und Kosteneffizienz spielen eine zunehmende Rolle.

Die Unterstützung des Mittelstands steht traditionell im Mittelpunkt des Geschäfts der VR Bank Rhein-Neckar. Wie beurteilen Sie vor dem Hintergrund der Corona-Krise derzeit die Situation der kleinen und mittleren Unternehmen in Mannheim und Umgebung?

Dr. Wolfgang Thomasberger: Wenn Sie mich im April 2020 gefragt hätten, wäre mein Pessimismus sehr groß gewesen. Gegenwärtig ist mein Eindruck, dass wir gute Chancen haben, ohne allzu massive Einbrüche durch die Pandemie zu kommen. Bisher haben wir bei unseren Kunden keine große Welle an Insolvenzen zu beklagen – auch wenn sich manches sicher erst zeitversetzt im Jahr 2021 zeigen wird. Und ich bin stolz darauf, dass unser Haus den Unternehmen bei den Themen Liquidität und Fördermittel professionell und mit hohem Engagement zur Seite gestanden hat und weiterhin steht.

Schon seit rund 15 Jahren kämpfen die Banken mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Wie gehen Sie damit um?

Thomasberger: Eigentlich hat eine Bank ein sehr einfaches Geschäftsmodell. Wir zahlen Zinsen für die uns zur Verfügung gestellten Gelder und erhalten Zinsen für die ausgegebenen Kredite. Von der Differenz leben wir. Doch dieses Modell ist jetzt nicht mehr tragfähig – und in Zeiten von Corona wird sich die Zinspolitik der EZB meiner Einschätzung nach in den nächsten Jahren auch nicht ändern. Damit rücken für uns die Themen Prozessund Kosteneffizienz in den Vordergrund – ohne die Leistungen für unsere Kunden einzuschränken. Dass wir hier schon gut vorangekommen sind, hat uns in der Corona-Pandemie natürlich sehr geholfen.

ZUR PERSON
Der gebürtige Odenwälder Dr. Wolfgang Thomasberger kam zu seinem Jura-Studium nach Mannheim, bevor er 1991 seine berufliche Karriere bei der Commerzbank startete. 2000 trat er bei der VR Bank Ludwigshafen ein, wurde dort 2001 Vorstandsmitglied und wechselte nach der Fusion mit der Mannheimer Volksbank Rhein-Neckar im Jahr 2007 als stellvertretender Vorstandsvorsitzender zur neugegründeten VR Bank Rhein- Neckar, die er seit 2012 als Vorstandsvorsitzender leitet.

Können Sie uns dies vielleicht noch etwas ausführlicher erklären?

Thomasberger: Im Mittelpunkt steht die Frage: Können wir uns unser Netz mit 44 Filialen in der Region noch leisten, zumal viele unserer Kunden unsere digitalen Angebote nutzen und das Smartphone schon seit mehreren Jahren unsere größte Filiale ist – mit steigender Tendenz? Die Antwort ist trotzdem ja – aber sie werden anders aussehen als heute. Wir müssen nicht mehr alle Serviceleistungen in allen Filialen vorhalten, wir brauchen nicht mehr so große Flächen, wir können die Öffnungszeiten variieren – aber das Wichtigste ist: Wir bleiben in der Fläche präsent und vor Ort stehen Ansprechpartner zur Verfügung. Der persönliche Kontakt genießt bei uns höchste Priorität, und da bin ich auch ein bisschen traditionell. Selbst wenn wir inzwischen alle digital aufgestellt sind und sich in Corona-Zeiten virtuelle Treffen auch bei unserem Kundendialog bewährt haben, hat Banking viel mit persönlichem Kennenlernen und Vertrauen zu tun. Darauf können wir nicht verzichten.

Haben Sie Ihre neuen Filialkonzepte schon umgesetzt?

Thomasberger: In Mannheim-Rheinau und in Mannheim-Friedrichsfeld haben wir unsere Filialen umgebaut, modernisiert und neu eröffnet – kleiner, aber feiner, mit digitaler Technik. In Mannheim-Friedrichsfeld wurde der Bürgerservice in unserem Gebäude integriert und so ein echter Mehrwert für unsere Filiale geschaffen. In 2021 packen wir ein großes Projekt in Mannheim-Seckenheim an. Wir werden das dortige wunderschöne Gebäude sanieren, umbauen, modernisieren und einen Teil der Flächen vermieten. Digitaler werden und VR Bank vor Ort bleiben – das ist unsere Zukunft. Wir brauchen die regionale Verwurzelung und die Identifikation mit dem Stadtteil. æ

Das Interview führte Ulla Cramer.