
Foto: MVV
Seit dem 1. April 2025 steht Gabriël Clemens an der Spitze des Mannheimer Energieunternehmens MVV Energie AG. Seine Pläne und Ziele schildert er im Gespräch mit „Mannheim – Stadt im Quadrat“.
Was hat Sie an Ihrer neuen Position als Vorstandsvorsitzender der MVV gereizt?
Gabriël Clemens: Es ist die Mischung, die diese Aufgabe spannend und sehr besonders macht. Das Unternehmen hat mit seinem über 150-jährigen Bestehen eine reiche Tradition. Es hat eine außergewöhnliche Anteilseignerstruktur – mit der Stadt Mannheim, einem großen privaten Investor und einer Notierung an der Börse. Und MVV ist breit aufgestellt: bei der Kundenstruktur vom Endverbraucher über Gewerbe bis zur Industrie und bei der Wertschöpfungskette, die von der Erzeugung der Energie über Handel und Vertrieb bis zu Energie- und weiteren Dienstleistungen reicht. Nach mehr als 20 Jahren als Führungskraft in der Energiebranche habe ich gerne die Chance wahrgenommen, bei einem der führenden Energieunternehmen die Position des Vorstandsvorsitzenden zu übernehmen und weiter aktiv die Zukunft der Energieversorgung mitzugestalten.
Im Fokus der Geschäftspolitik von MVV steht das „Mannheimer Modell“ mit dem Ziel, bis 2035 klimapositiv zu sein. Wie sehen Sie diese Strategie und ist das tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal des Unternehmens?
Clemens: Mit unserer auf Klimaschutz ausgerichteten Strategie unterscheiden wir uns von unseren Wettbewerbern. Es ist schon einmalig, wie konsequent wir diesen Weg verfolgen und wie wir das gesamte Thema im „Mannheimer Modell“ greifbar und plastisch gemacht haben. Jetzt schlagen auch andere Energieversorger diesen Weg ein.
Wärmewende, Stromwende und Kundendienstleistungen sind der Dreiklang, mit dem Sie das „Mannheimer Modell“ voranbringen möchten. Wo liegt im Moment Ihr Schwerpunkt?
Clemens: Beim Thema „Energiewende“ denkt jeder zunächst an Strom. Dieser macht jedoch nur ein Viertel der in Deutschland benötigten Energie aus und ist schon jetzt zu rund 60 Prozent „grün“. MVV erzeugt grünen Strom mit einer Kapazität von rund 700 MW. Knapp die Hälfte der eigenen Stromerzeugung des Unternehmens wird damit aus erneuerbaren Energien gewonnen.
Erst kürzlich haben wir einen neuen Solarpark im baden-württembergischen Freudenberg und einen weiteren Windpark im nordrhein-westfälischen Olsberg in unser Erzeugungsportfolio übernommen, die von der MVV-Tochter Juwi errichtet wurden. Bei der Wärmewende und der Mobilität steht Deutschland noch am Anfang. Dabei entfällt rund ein Drittel aller CO2-Emissionen in Deutschland auf die Nutzung von Wärme in Gebäuden. Dieser Bereich steht bei uns derzeit im Fokus.
Fernwärme spielt dabei eine wichtige Rolle …
Clemens: Hier haben wir eine sehr gute Ausgangsposition, denn wir decken bereits heute 60 Prozent des Mannheimer Wärmebedarfs von Haushalten und Gewerbe mit Fernwärme ab. Das wollen wir auf 75 Prozent erhöhen. Dafür werden wir das Fernwärmenetz ausbauen und dort, wo es bereits Fernwärme gibt, weiter verdichten. Zusätzlich wollen wir die Fernwärme bis 2030 komplett klimaneutral erzeugen. Hier sind wir bereits gut vorangekommen. Schon heute können wir circa 60 Prozent der Jahreshöchstlast an klimaneutraler Wärme zur Verfügung stellen, wenn wir für Spitzenlast und Fernwärme-Besicherung Biomethan (anstatt Erdgas) einsetzen. Wichtige Meilensteine waren die Anbindung der Abfallverwertung im Jahr 2020, der Bau der ersten MVV-Flusswärmepumpe im Jahr 2023 und die Inbetriebnahme des umgebauten Biomassekraftwerks auf der Friesenheimer Insel im Jahr 2024.
Das Thema „Flusswärmepumpe“ wollen Sie weiter vorantreiben. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
Clemens: Der Standort am Grosskraftwerk Mannheim bietet die besten Voraussetzungen. Wir brauchen Wasser, einen Fernwärmeanschluss, Strom und Personal – all das ist hier gegeben. Wir planen, Ende 2028 dort eine zweite Flusswärmepumpe mit einer Leistung von 150 MW in Betrieb zu nehmen, später soll eine dritte Flusswärmepumpe mit einer Leistung von 100 MW folgen.
Eine Option für „grüne“ Energie ist auch die Geothermie – doch Pläne, über eine Kooperation mit der Firma Vulcan Energy bereits eine Lieferung von 240 bis 350 Gigawattstunden in 2025 zu realisieren, haben sich als voreilig herausgestellt. Wie sind dazu Ihre Planungen?
Clemens: Wir haben hier im Oberrheingraben ein enormes Potenzial, das wir nutzen sollten. Wir möchten rund 20 Prozent unserer „grünen“ Fernwärme über Tiefengeothermie erzeugen. Derzeit sind hier drei Gesellschaften aktiv: die bereits erwähnte Vulcan Energy, mit der MVV kooperiert, im Norden Mannheims, die GeoHardt, ein Gemeinschaftsunternehmen der MVV mit der EnBW, im Mannheimer Süden und die Geopfalz in Speyer. Bei GeoHardt prüfen wir derzeit mögliche Standorte. Sobald die Prüfung abgeschlossen ist, werden wir darüber auch informieren. Uns war und ist wichtig, die Menschen bei unseren Aktivitäten mitzunehmen.
Mit der „Vergrünung“ der Energie geht das Aus für fossile Energien einher. Für einige Unruhe hat Ihre Ankündigung gesorgt, das Gasnetz bis 2035 stillzulegen. Wie gehen Sie damit um?
Clemens: Mir ist wichtig zu sagen: Es gibt keine Entscheidung, dass MVV aus dem Gasnetz aussteigt – weder vom Vorstand noch vom Aufsichtsrat. Das aktuelle Energiewirtschaftsgesetz legt fest, dass jeder Kunde, der das möchte, an das Gasnetz angeschlossen werden muss und daran halten wir uns auch. Wir warten nun auf die Umsetzung der Gasbinnenmarktrichtlinie der EU in deutsches Recht. Das soll bis August 2026 erfolgen und die Regeln der Transformation beziehungsweise Stilllegung festschreiben.

Zur Person
Gabriël Clemens ist seit dem 1. April 2025 Vorstandsvorsitzender der MVV Energie AG und trat damit die Nachfolge von Georg Müller an, der nach 16 Jahren an der Spitze des Unternehmens in den Ruhestand gegangen ist. Der promovierte Diplom-Ingenieur, der an der RWTH Aachen studiert hat, war seit 2021 als CEO Green Gas in der Geschäftsführung der E.ON Hydrogen GmbH in Essen tätig. Zuvor war der gebürtige Niederländer mit deutschem Pass acht Jahre Technikvorstand bei der VSE AG, einem saarländischen Energiedienstleister. Zwischen 2009 und 2014 bekleidete Clemens außerdem verschiedene leitende Positionen innerhalb des RWE-Konzerns.
Hat Erdgas als Energie für Haushaltswärme denn Ihrer Meinung nach noch eine Zukunft?
Clemens: Nein, denn jedem muss klar sein: Die Zeit des fossilen Brennstoffs Gas ist endlich und deshalb empfehlen wir den Haushalten, die in Mannheim mit Erdgas heizen, sich mit Alternativen zu beschäftigen. Uns geht es um Transparenz und Planungssicherheit. Wer heute in eine neue Heizung investiert, sollte mit Blick auf Klimaschutz und Kosten auf eine zukunftsfähige Lösung setzen – etwa auf Fernwärme oder Wärmepumpen. Klar ist: Der Preis für Erdgas wird deutlich steigen, vor allem wegen der steigenden CO2-Preise und Gasnetzentgelte.
Dieses Thema hat auch bei Unternehmen zu vielen Fragen geführt, besonders bei Industriebetrieben. Denn diese benötigen Gas teilweise zur Bereitstellung von Prozesswärme oder als Rohstoff in der Fertigung. Was bietet die MVV der regionalen Wirtschaft vor diesem Hintergrund an?
Clemens: Im Unterschied zu den Haushalten kann Wasserstoff für die Industrie eine mögliche Lösung sein. Diesen Bedarf loten wir derzeit im Austausch mit der Industrie aus. Darüber hinaus sind wir seit vielen Jahren mit unserer Tochtergesellschaft MVV Enamic sehr aktiv, wenn es um nachhaltige Lösungen für die Industrie geht. So haben wir beispielsweise am Mannheimer Standort der Firma Olam Food Ingredients die Dampferzeugung für die Prozesswärme von Gas auf Biomasse umgestellt. Diese Anlage haben wir nicht nur geplant und umgesetzt, sondern wir haben auch die Betriebsführung übernommen. Aktuell setzt MVV Enamic in Hamburg für eine große Gewerbeimmobilie ein innovatives Energiekonzept um – mit Eisspeicher, Wärmepumpen, PV-Anlage und Fernwärme.
Nicht nur bei der Wärme- und Stromwende ist die MVV aktiv, sondern auch bei der Mobilitätswende, zum Beispiel bei der Entwicklung eines großen Ladenetzes in der Metropolregion Rhein-Neckar. Wie soll es hier weitergehen?
Clemens: Mit über 440 Ladepunkten an knapp 160 Standorten in der Region haben wir bereits eine starke Grundlage geschaffen – und der Ausbau geht weiter. Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2024 wurden an MVV-Ladestationen rund 15 Prozent mehr Ladevorgänge als im Vorjahr registriert. Die Fahrleistung stieg auf etwa 18 Millionen Kilometer – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Dank der Versorgung aller Ladesäulen mit zertifiziertem Grünstrom konnten im Jahr 2024 knapp 3.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Wir erweitern die Ladeinfrastruktur konsequent. Beispielsweise kooperieren wir mit der Drogeriemarktkette Müller, um an Standorten des Unternehmens Schnellladelösungen zu installieren.
Was steht bei dem Ausbau der Ladeinfrastruktur im Vordergrund?
Clemens: Das elektrische Laden muss einfach, schnell und mindestens so günstig sein wie die fossilen Alternativen. Ein wichtiges Thema ist es beispielsweise, die Bezahlmöglichkeiten zu harmonisieren. Die Bezahlung mit Kredit- oder EC-Karte kann da nur ein erster Schritt sein.

Foto: MVV
Wie sehen Sie die zukünftige Preisentwicklung beim Thema Energie?
Clemens: Nach einem deutlichen Anstieg aufgrund des Kriegs gegen die Ukraine sind die Preise für Strom wieder leicht gesunken. Auch die Gaspreise sind inzwischen wieder gesunken, wenn auch nicht so stark wie die Strompreise, und sie liegen nach wie vor deutlich über dem Niveau von vor Februar 2022. Die Entwicklung ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Besonders der CO2-Preis und die Netzkosten schlagen hier zu Buche. Das Preismodell für Fernwärme haben wir zum 1. Juli 2025 umgestellt – da unsere Fernwärmeerzeugung immer stärker auf erneuerbare Energiequellen setzt. Die Kosten für einen typischen 4-Personen-Haushalt konnten wir dabei nahezu konstant halten.
Anteilseigner der MVV Energie AG
- 50,1 Prozent Stadt Mannheim
- 45,1 Prozent First Sentier Investors
- 4,8 Prozent Streubesitz
Im August 2025 haben Sie bekanntgegeben, in den ersten neun Monaten Ihres Geschäftsjahres 2024/25 mit über 300 Millionen Euro so viel investiert zu haben wie bisher nur einmal in der Geschichte des Unternehmens. Können Sie das weiter ausführen?
Clemens: Ein Großteil der Investitionen ist in den Ausbau unserer Netze geflossen. Daneben haben wir auch in Solar- und Windparks und in nachhaltige Kundenlösungen investiert. Unser Unternehmen ist finanziell gut aufgestellt und in der Lage, auch zukünftige Investitionen zu stemmen. In den kommenden zehn Jahren planen wir in einer Größenordnung von sieben Milliarden Euro zu investieren. Gleichzeitig wird für viele Kommunalunternehmen das Thema Finanzierung immer wichtiger – insbesondere, da die Städte als Träger immer größere Herausforderungen zu schultern haben. Neue Finanzierungskonzepte, wie sie beispielsweise die Sparkassen in Baden-Württemberg und die LBBW entwickeln, um Stadtwerke und Kommunen zu unterstützen, können dabei interessante Ansätze sein.
Wie sind Sie denn inzwischen in Mannheim angekommen? Haben Sie sich schon eingelebt?
Clemens: Ich fühle mich in der Stadt und in der Region sehr wohl. Mannheim ist nicht nur die Stadt der Erfinder, sondern auch eine Kulturstadt mit großartigen Angeboten: Museen, Theater, Veranstaltungen und vieles mehr. Die Menschen sind hier sehr offen – und das hat mir das Ankommen enorm erleichtert.
Die Fragen stellten Ulla Cramer und Sabine Rößing.
MVV Enamic: Prozessdampf aus Kakaoschalen
Jedes Jahr erreichen rund 85.000 Tonnen Kakaobohnen über den Neckar das Unternehmen Olam Food Ingredients (ofi). Sie kommen aus Nigeria, der Elfenbeinküste und Kamerun. Im Mannheimer Hafen werden sie von den Mitarbeitern des Lebensmittelspezialisten zu Kakaomasse, Kakaobutter und Kakaopulver verarbeitet und an Industriekunden verkauft. Zurück blieben lange Jahre die Kakaoschalen. Diese wurden auf Lkw geladen und anderweitig verwertet – bis zum 30. Juli 2023. Mit einem feierlichen „Knopfdruck“ feierte das Unternehmen an diesem Tag die Inbetriebnahme einer neuen Biomasseanlage. Statt wie bisher über gasbefeuerte Dampfkessel werden seitdem 90 Prozent des benötigten Prozessdampfs bei ofi aus Kakaoschalen erzeugt und damit die CO2-Emissionen des Unternehmens um etwa 8.000 Tonnen jährlich reduziert.
Partner bei dem Projekt ist die MVV-Tochter MVV Enamic, die Geschäftskundeneinheit des Mannheimer Energieunternehmens. Sie hat die neue Biomasseanlage nicht nur im Rahmen eines Contracting-Dampfliefervertrags geplant und errichtet, sondern betreibt sie auch. Die erste Biomasse-Kesselanlage dieser Art in Deutschland wurde eigens für ofi konzipiert.
Ähnliche Konzepte kamen auch in Lahr und in Hirschhorn im hessischen Odenwald zum Einsatz. Im Auftrag der Firma Rubinmühle errichtet MVV Enamic im Schwarzwald eine neue Biomasseanlage zur Prozessdampferzeugung – betrieben wird sie allerdings nicht mit Kakaoschalen, sondern mit Haferschalen, da Rubinmühle einer der größten Haferverarbeiter Deutschlands ist. Die Anlage wird das bestehende Holzheizwerk ersetzen, soll im April 2027 in Betrieb gehen und 4.800 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Für das Unternehmen Dekodur International, Hersteller hochwertiger Schichtstoffplatten, plant MVV Enamic außerdem in Hirschhorn eine Dampferzeugungsanlage, die den bisherigen Brennstoff Öl durch Biomasse substituieren wird – und nach Fertigstellung die CO2-Emissionen um über 1.000 Tonnen pro Jahr reduzieren soll.
Neben der Industrie nutzt auch die Immobilienwirtschaft die Energiekonzepte von MVV Enamic. Bei dem von der Strabag Real Estate errichteten Bürogebäude BORX in Hamburg-Borgfelde mit einer Mietfläche von 24.000 Quadratmetern realisiert die MVV-Tochter ein Energiekonzept mit Kälteanlage, Eisspeicher, Wärmepumpen, Fernwärmeanschluss und Photovoltaikanlage. Der Einzug ist im Frühjahr 2026 vorgesehen. uc

