Interview mit Kerstin Böcker und Thomas Hörtinger, Vorstand der Grosskraftwerk Mannheim AG (GKM)

Auf dem Weg in eine grüne Energie-Zukunft

Das GKM Mannheim steht vor einer herausfordernden Transformation. Foto: GKM

Für das Jahr 2033 ist er festgeschrieben: der Kohleausstieg für Steinkohlekraftwerke in Deutschland. Wie sieht vor diesem Hintergrund die Zukunft für das Grosskraftwerk Mannheim aus – eines der effizientesten Steinkohlekraftwerke Europas und größter Energiestandort Baden-Württembergs?

Das Ende der Kohlekraftwerke ist beschlossene Sache. Gibt es für das Grosskraftwerk Mannheim noch eine Perspektive?
Kerstin Böcker und Thomas Hörtinger: Davon sind wir fest überzeugt, sonst hätten wir die Leitung des Unternehmens nicht übernommen. Wir sehen es als eine große Chance, gemeinsam mit der Belegschaft an der Transformation und der Zukunft des GKM zu arbeiten. Es gibt keine spannendere Aufgabe.

Welche Ideen oder Projekte sind für Sie denn die wichtigsten Bausteine, um das GKM in eine sichere Zukunft zu führen?
Böcker und Hörtinger: Mit unserem Anteilseigner MVV arbeiten wir derzeit intensiv an dem Thema „klimafreundliche Wärme aus dem Rheinwasser“. Nach der erfolgreichen Inbetriebnahme einer ersten Flusswärmepumpe im Jahr 2023, die „grüne“ Wärme für rund 3.500 Haushalte liefert, ist nun für Ende 2028 vorgesehen, eine zweite Flusswärmepumpe auf dem GKM-Gelände zu installieren. Sie wird über mehr als das 7-Fache der Leistung der ersten Flusswärmepumpe – rund 150 Megawatt thermisch – verfügen. Darüber hinaus ist der Bau eines wasserstofffähigen Fernwärmenachheizers geplant, der dazu dient, in der Heizperiode das Fernwärmewasser auf die dann benötigten Temperaturen im Fernwärmenetz zu bringen. Das GKM unterstützt bei allen technischen Fragen ­sowie bei der Ausschreibung und Vergabe und ist vor allem für die Bauphase, die Inbetriebsetzungphase und die spätere Betriebsführung der Anlagen zuständig. Außerdem werden auch die notwendigen Grundstücke vom GKM an die MVV verpachtet. Bereits avisiert ist im Übrigen auch eine dritte Flusswärmepumpe – perspektivisch für das Jahr 2029.

Während Ihr Anteilseigner MVV sich vorwiegend für die Erzeugung seiner Fernwärme in Mannheim und der Region aus klimafreundlichen Energiequellen interessiert, geht es bei Ihren Anteilseignern RWE und EnBW in ­erster Linie um das Thema Strom. Gibt es eine Alternative beim GKM zur traditionellen Kohleverstromung?
Böcker und Hörtinger: Wir sehen die Zukunft des GKM unter anderem­ in einem wasserstofffähigen Gas- und Dampfkraftwerk (GuD). Die Errichtung solcher Kraftwerke ist unabdingbar, um nach dem endgültigen Abschalten der Kohlekraftwerke eine sichere Energieversorgung zu gewährleisten, wenn die erneuerbaren Energiequellen wie Wind und Sonne nicht die nötigen Strommengen zur Verfügung stellen können.

Dies würde von Ihren Anteilseignern eine Investition in Höhe von rund 850 Millionen Euro erfordern. Ist das realistisch?
Böcker und Hörtinger: Wir alle warten vor diesem Hintergrund auf eine Neufassung des Kraftwerkssicherheitsgesetzes, bei dem es um die Förderung solcher Kraftwerke geht. In einem Entwurf der vorherigen Bundesregierung stand eine Förderung von 70 Prozent der Investitionskosten im Raum. Ohne eine solche Förderung ist der Betrieb eines Gas- und Dampfkraftwerks, das ja nicht ständig läuft, sondern lediglich zur Abdeckung der Energiespitzen dient, nicht denkbar. Erst wenn ein solches Gesetz auf dem Tisch liegt und die Konditionen bekannt sind, fällt die Entscheidung, ob sich unsere­ Anteilseigner für eine solche Nachrüstung beim GKM ­bewerben werden.

Wie sind denn die Chancen für das GKM, im Falle eines Falles in den ­Genuss dieser potenziellen Fördermittel zu kommen?
Böcker und Hörtinger: Wir glauben, dass wir hier eine wirklich gute Chance haben und können gleich mehrere Argumente ins Feld führen. So werden in Süddeutschland sehr viel mehr dieser Gas- und Dampfkraftwerke benötigt als im Norden, solange der Transfer beispielsweise der Windkraftenergie in den Süden noch nicht sichergestellt ist. Mit Blick auf die Anlieferung großer Komponenten punkten wir mit unserer Lage am Rhein, auf dem zum Beispiel Turbinen problemlos transportiert werden können. Wir sind zudem gleich an zwei Übertragungsnetzbetreiber, nämlich TransnetBW und Amprion, angeschlossen – und der vielleicht wichtigste Mehrwert: Unsere Belegschaft hat eine hohe Kompetenz im Energiesektor, für den Betrieb und die Instandhaltung von Kraftwerken. Und natürlich ist es ohnehin sehr viel sinnvoller, bestehende Standorte für die neu zu errichtenden Kraftwerke zu nutzen.

Aber Gas als Energieträger ist ja auch nicht grün….
Böcker und Hörtinger: Nein, auch Gas ist nur eine Übergangslösung. Deshalb sprechen wir ja auch von wasserstofffähigen Gas- und Dampfkraftwerken. Wenn in möglichst naher Zukunft Wasserstoff in industriellem Maßstab lieferfähig und dazu möglichst noch „grün“ ist, können wir GuD-Kraftwerke mit einem relativ geringen Aufwand zu einem reinen Wasserstoffkraftwerk umrüsten. Die Investition in ein GuD-Kraftwerk ist deshalb sehr nachhaltig. Die Anlagen können über viele Jahrzehnte betrieben werden.

In Ihrem Transformationsprojekt „NextHorizon“, bei dem Sie mit Ihren rund 500 Beschäftigten über die Zukunft des GKM diskutieren, spielt auch das Thema „Dienstleistungen“ eine wichtige Rolle. Was ist damit konkret gemeint?
Böcker und Hörtinger: Es ist uns sehr wichtig, dass wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei unseren Planungen mit ins Boot holen und diese haben auch schon viele Ideen eingebracht. Die Beschäftigten des GKM, die als Kraftwerker tätig sind, haben eine anspruchsvolle bis zu 9-jährige Ausbildung absolviert. Ergänzend zu einer Ausbildung als Feinmechaniker oder Elektriker erfordert der Beruf des Kraftwerkers eine spezielle Weiterbildung, die zudem noch mit einem Meister ergänzt werden kann. Mit diesem Know-how wollen wir punkten und beispielsweise unseren benachbarten­ Stadtwerken anbieten, sie bei Themen wie Instandhaltung und ­Betriebsführung zu unterstützen.

Wie gehen Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Transformation des GKM um?
Böcker und Hörtinger: Wir ziehen hier alle an einem Strang und ­können auf eine engagierte und loyale Belegschaft bauen. Die Fluktuation in unserem Haus ist sehr niedrig. Die Mannschaft des GKM mit ihrer sehr speziellen und anspruchsvollen Ausbildung ist ­gewöhnt, sich stetig weiterzuentwickeln. Das kommt uns jetzt ­zugute, denn bei „NextHorizon“ geht es natürlich auch um die künftige Qualifikation unseres Personals. Wir wissen beispielsweise, dass die Themen Elektrik und IT in Zukunft eine wichtigere­ Rolle spielen werden als bisher. Vielleicht wird es aber auch mit Blick auf zukünftige Dienstleistungen, die wir anbieten werden, noch ganz andere Berufsfelder geben, die bei uns an Bedeutung gewinnen werden. Darauf werden wir uns einstellen.

Gegenwärtig ist das GKM jedoch nach wie vor ein Steinkohlekraftwerk, das die Region mit Strom und Wärme versorgt. Wie würden Sie die aktuelle­ ­Situation des Unternehmens beschreiben?
Böcker und Hörtinger: In der Tat garantieren wir in Süddeutschland die sichere Versorgung mit Energie und beliefern 1,5 bis 2 Millionen Haushalte. Mit unseren Blöcken 6 und 9 produzieren wir Strom für unsere Anteilseigner EnBW und RWE und beliefern die MVV mit Wärme. Mit unseren zwei Reserveblöcken 7 und 8 tragen wir zur Netzstabilität der TransnetBW bei. Allerdings laufen diese Blöcke­ nur, wenn es Engpässe in den Übertragungsnetzen gibt, oder wenn bei den sogenannten „Dunkelflauten“ kein Wind weht und die ­Sonne nicht scheint. Deshalb ist derzeit die Produktion in den Blöcken 6 und 9 nicht kostendeckend, und unsere Anteilseigner streben an, auch diese beiden Blöcke möglichst schnell als ­Reserveblöcke zu etablieren.

Die Fragen stellten Ulla Cramer und Sabine Rößing.

Foto: Christoph Blüthner

Zur Person

Kerstin Böcker ist seit 1. Dezember 2023 Vorstand Personalmanagement und Services der Grosskraftwerk Mannheim AG. Die studierte­ Juristin und Wirtschaftswissenschaftlerin war in verschiedenen ­Firmen wie der damaligen Daimler-Benz-Gruppe, bei Infineon sowie im ­thyssenkrupp-Konzern beschäftigt. Zuletzt war sie bei der ­Deutschen Flugsicherung als Geschäftsführerin und Arbeitsdirektorin tätig.

Thomas Hörtinger kam am 1. September 2024 als Vorstand Technik zur Grosskraftwerk Mannheim AG. Der Diplom-Chemieingenieur und Diplom-Umwelttechniker startete seine berufliche Laufbahn 1999 bei der VEAG und ist seit mehr als 25 Jahren in der Energiewirtschaft und insbesondere im Kraftwerksbetrieb tätig. Das Thema Transformation hat er vor allem in Kraftwerken und im Braunkohlebergbau begleitet.