Interview mit Martin in der Beek und Christian Volz, Geschäftsführer der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH
Grünes Licht für den ÖPNV

Startschuss für E-Busse auf der Linie 67: (v.l.) Erster Bürgermeister Christian Specht,
Christian Volz (rnv), Rüdiger Kappel (EvoBus) und Mannheims Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz Foto: Daimler

Die Zukunft fährt ÖPNV – davon sind Martin in der Beek und Christian Volz, Geschäftsführer der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH, überzeugt. Im Gespräch mit „Mannheim – Stadt im Quadrat“ stellen sie ihre Pläne und Konzepte vor. Die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH als Träger des ÖPNV in der
Region ist einer der wichtigsten Akteure beim Projekt Modellstadt Mannheim, das die Schadstoffbelastung in der Quadratestadt reduzieren soll. Können Sie uns einen Überblick über Ihre Aktivitäten in diesem Zusammenhang geben – und sind Sie erfolgreich? 

Christian Volz: Unsere Maßnahmen, mehr Kunden für unsere Angebote zu gewinnen, lassen sich im Wesentlichen in zwei Blöcke einteilen. Zu einem testen wir, ob wir durch günstigere Preise und neue Tarife vor allem für die Menschen in unserer Region attraktiver werden, die den ÖPNV bisher eher selten nutzen. Immerhin sind 80 Prozent der Mannheimer zumindest gelegentlich Kunden der rnv – auf diesem Wert können wir aufbauen. Deshalb haben wir in erster Linie den Preis für die Einzelfahrscheine reduziert und beobachten, ob dadurch die Nutzungshäufigkeit steigt. Bei den Abonnements sind wir dagegen im bundesweiten Vergleich ohnehin günstig. Sehr erfolgreich ist bisher die Senkung des Preises für den VRN-Luftlinientarif, für den man sich in unsere eTarif-App einloggen muss. Hier ist die Zahl der registrierten Nutzer in kurzer Zeit von 24.000 auf 36.000 gestiegen. 

Ein weiterer Ansatz in diesem Kontext ist das Job-Ticket ….

Volz: In der Tat – hier entfällt für die Laufzeit des Projekts der Arbeitnehmer-Grundbeitrag für die Firmen. Das kam ausgesprochen gut an. Rund 100 neue Firmen nehmen dieses Angebot nun mit insgesamt 7.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wahr. Damit sind es nun 650 Unternehmen, davon über 300 allein in Mannheim. Nachdem inzwischen zahlreiche Betriebe das Job-Ticket anbieten, geht es uns jetzt vor allem darum, die Arbeitnehmer vom Umstieg auf den ÖPNV zu überzeugen – beispielsweise beraten wir vor Ort bei Firmenveranstaltungen über unsere Angebote. Aber letztendlich müssen auch die Unternehmen eine grundsätzliche Entscheidung treffen. Es geht darum, ob sie den Individualverkehr weiter unterstützen, beispielsweise durch zahlreiche kostenlose Parkplätze, oder die Nutzung des ÖPNV fördern. 

  Aber selbst wenn sie das tun, hakt es halt manchmal an den passenden Verbindungen …

Martin in der Beek: Das ist natürlich richtig, und damit kommen wir zum zweiten Block, mit dem wir unseren ÖPNV voranbringen – der Verbesserung unseres Angebots. Denn natürlich bieten wir keine realistische Alternative zum Umstieg auf unsere Busse und Bahnen, wenn unsere Fahrgäste ihr Ziel über den ÖPNV nur schwer oder mit einem großen Zeitaufwand erreichen. Deshalb haben wir unser Liniennetz erweitert und verdichtet. Ein Beispiel ist die Linie 50, die auf ihrer Strecke von Mannheim-Rheinau bis in den Mannheimer Norden viele Stadtteile und Gewerbegebiete miteinander verknüpft. Durch die Ergänzung mit der Linie 45 und durch den Einsatz von zehn zusätzlichen Bussen haben wir hier inzwischen einen Zehn-Minuten-Takt erreicht. 

Attraktive Preise und ein gutes Netz sind die eine Seite der Medaille. Aber wie sieht es denn mit den Kapazitäten und dem Fuhrpark aus? Sind Sie auf eine potenziell steigende Anzahl von Fahrgästen vorbereitet? 

in der Beek: Wir transportieren im Jahr rund 170 Millionen Fahrgäste, jeden Tag sind dies ca. 500.000 Personen, das ist eine große Herausforderung. Mitte 2018 haben wir einen Kaufvertrag für 80 neue Straßenbahnen mit einer Option auf 34 weitere Fahrzeuge bei Skoda Transportation unterzeichnet. Diese sollen unsere aktuellen Straßenbahnen ersetzen, die bereits 25 bis 30 Jahre im Einsatz sind. Mit dieser Entscheidung möchten wir jedoch auch unsere Kapazitäten erhöhen. Wir haben 37 Wagen, die 40 Meter lang sind, und 12 Wagen, die sogar 60 Meter lang sind, bestellt – das bringt uns eine ganze Menge zusätzlicher Sitzplätze. 

Während Straßenbahnen ja schon lange elektrisch fahren, sind bei der rnv nun auch E-Busse am Start. 

in der Beek: Seit Ende April 2019 verbinden drei eCitaro-Busse aus dem Mannheimer EvoBus-Werk im 20-Minuten-Takt die Konversionsfläche FRANKLIN und die Haltestelle Käfertal-Bahnhof. Zwei der Fahrzeuge sind stets im Linienverkehr unterwegs, das dritte wird jeweils im Betriebshof aufgeladen. Mit dem E-Bus-Betrieb auf der Linie 67 zeigen wir, dass diese Technologie nicht nur umweltfreundlich ist, sondern auch im harten ÖPNV-Alltag bestehen kann. Wir sind sozusagen für EvoBus das Pilotprojekt und stehen auch deshalb in engem Kontakt. Doch die ersten Erfahrungen sind gut und unsere Fahrer geben durchweg positive Rückmeldungen. Und wir werden weiter in diese abgasfreie Technik investieren. Ab 2021 möchten wir pro Jahr weitere acht bis zehn Busse mit alternativen Antrieben anschaffen. Wir hoffen dabei auf Batterien mit größeren Reichweiten und werden natürlich die Entwicklung von Brennstoffzellenantrieben im Auge haben. Hier wurden bisher jedoch noch keine Busse zur Marktreife entwickelt. 

Nun sind E-Busse mit einem Preis von 500.000 Euro doppelt so teuer wie klassische Dieselbusse, und bei Brennstoffzellenfahrzeugen gehen die Preise noch mehr in die Höhe. Wie gehen Sie mit dieser Problematik um?

Volz: Im Rahmen des Bundesprogramms „Saubere Luft“ übernahmen der Bund und das Land Baden-Württemberg rund 280.000 Euro der Anschaffungskosten für zwei unserer E-Busse, die in Mannheim fahren. Das dritte Fahrzeug wurde mit 140.000 Euro vom Projekt SQUARE gefördert, ein Konzept für klima- und energieoptimiertes Wohnen auf FRANKLIN (siehe auch Seite 62). Unter dem Strich ist die Entscheidung für Elektromobilität jedoch eine politische Entscheidung, die für uns als Betreiber und die Stadt Mannheim einen höheren Kostenfaktor bedeutet. Zumal die Förderungen sich ja nur auf die Anschaffungskosten beziehen. Die Ladeinfrastruktur muss zusätzlich berücksichtigt werden – und derzeit brauchen wir hier auch einen größeren Fuhrpark, da man nicht alle E-Busse einsetzen kann. Einige fallen aus, weil sie geladen werden müssen. Und auch wenn wir uns über die derzeit zahlreichen Förderprogramme freuen, sind diese zeitlich begrenzt. Wir brauchen jedoch eine nachhaltige Planungssicherheit. 

Während auf FRANKLIN bereits E-Busse unterwegs sind, warten wir noch auf die angekündigten autonom fahrenden Busse, die auf dem Areal als Zubringer zum Linienverkehr dienen sollen.

in der Beek: Wir sind hier in intensiven Gesprächen mit verschiedenen Herstellern – doch es gibt noch kein Fahrzeug, das eine ernsthafte Alternative zu konventionellen Fahrzeugen darstellt. Das Problem ist insbesondere die Zulassung für höhere Geschwindigkeiten, über die noch keiner dieser Busse verfügt. Deshalb müssen wir uns hier noch gedulden – aber das Konzept steht, und wir wollen dieses nach Verfügbarkeit der Fahrzeuge stufenweise realisieren. 

Wenn wir in die Zukunft schauen – wo sehen Sie für den ÖPNV die größten Herausforderungen?

in der Beek: Wir müssen vor allem die verschiedenen Verkehrsmittel enger zusammenbringen und das Problem der „letzten Meile“ vom Wohnort zur Haltestelle und von der Haltestelle zum Ziel lösen. Wie kann man noch individueller auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen – diese Frage müssen wir noch stärker angehen.

Volz: Ein Ansatz ist hier eine „Mobilitäts-App“, an der wir gemeinsam mit anderen ÖPNV-Unternehmen arbeiten. Mit ihrer Hilfe soll es möglich werden, Komplettangebote mit mehreren unterschiedlichen Verkehrsmitteln aus einer Hand zu buchen.

Die Fragen stellte Ulla Cramer.