Interview mit Professor Dr. Michèle Tertilt
„Ich bin eine leidenschaftliche Forscherin“

Professor Dr. Michèle Tertilt von der Universität Mannheim wurde mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet. Foto: Logue

Er ist die wichtigste und mit 2,5 Millionen Euro am höchsten dotierte Auszeichnung zur Förderung der Forschung in Deutschland – der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis, mit dem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im März 2019 die Mannheimer Wissenschaftlerin Professor Dr. Michèle Tertilt von der Fakultät für Volkswirtschaftslehre der Universität Mannheim ehrte.

Frau Prof. Tertilt, welche Perspektiven eröffnet Ihnen dieser wichtige Forschungsförderpreis?

Michèle Tertilt: Die 2,5 Millionen Euro Forschungsgeld verschaffen mir viele Freiheiten in der Forschung. Ich kann damit neue, spannende Themen angehen, risikoreichere Projekte umsetzen und neue Daten erheben. Neben meiner Forschung zu familienspezifischen Themen beschäftige ich mich aktuell auch mit Konsumentenkrediten und Privatinsolvenzen in den USA. Mein derzeitiges Ziel ist es, diese beiden bislang völlig separaten Bereiche zusammenzubringen und beispielsweise Finanzentscheidungen in Familien zu untersuchen: Wie gehen Ehepaare mit Geld um, wie verhandeln sie, was gekauft wird, und was sind die ökonomischen Auswirkungen? Weitere anvisierte Projekte sind die Entwicklung von HIV in Afrika und die Reformen in den 1970er Jahren, die zur Gleichberechtigung von Frauen im Arbeitsmarkt geführt haben. 

An welchem Projekt arbeiten Sie aktuell?

Tertilt: Zurzeit untersuchen wir, warum Südkorea die niedrigste Geburtenrate auf der Welt hat. Es geht unter anderem um die Frage, was der Staat dagegen unternehmen könnte oder sollte. Wir gehen der Frage nach, wie die Ein-Kind-Familie mit der Investition in Bildung zusammenhängt. Wir haben festgestellt, dass Eltern vor allem durch ihr ausgeprägtes Statusdenken sehr viel Geld in die schulische und akademische Bildung ihres Nachwuchses investieren, damit ihre Kinder besser dastehen als andere Kinder. Aufgrund der hohen Bildungskosten bleibt es dann bei einem Kind.

Wie gehen Sie dabei vor?

Tertilt: Wir versuchen, diese Fragen mit fast schon naturwissenschaftlichen Methoden zu beantworten, indem wir Modelle berechnen und verschiedene Szenarien simulieren: Was würde zum Beispiel passieren, wenn künftig Geburten subventioniert oder auch Bildung besteuert würde? Dies ergibt ein spannendes Zusammenspiel von Hypothesen, theoretischen Modellen, empirischen Daten und neuen Erkenntnissen.

Wie lange möchten Sie forschen?

Tertilt: Ich bin eine leidenschaftliche Forscherin, von daher würde ich sagen: für den Rest meines Lebens. Das Preisgeld ist zwar über die nächsten sieben Jahre ausgelegt, aber die Forschung kommt und geht ja nicht nur mit dem Geld. Natürlich erhalte ich durch den Leibniz-Preis auch grundsätzlich mehr Freiräume und Möglichkeiten.

Welche zum Beispiel?

Tertilt: Zum einen werde ich zusätzliche Doktoranden und Wissenschaftler, die gerade ihre Promotion beendet haben, anstellen, um bei den verschiedenen Projekten mitzuwirken. Zum anderen ermöglichen mir die zusätzlichen finanziellen Mittel, größere Konferenzen zum Themenkomplex „Was haben Familien mit der Makroökonomie zu tun?“ zu organisieren. Dem Standardansatz „erst einmal gar nichts“ möchte ich mit meiner Forschung widersprechen. Familienstrukturen – zum   Beispiel Polygamie, Frauenrechte oder auch die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau – haben meines Erachtens viele Verbindungen zur Gesamtwirtschaft. Und genau an dieser Schnittstelle zwischen Familie und Makroökonomie ist meine Forschung anzusiedeln.  

Die Fragen stellte Gesine Millhoff.