Kulinarisches Mannheim
Leckeres für den Weltmarkt
von Ulla Cramer

Auch wenn Mannheim vor allem wegen seiner Industrie rund um das Thema Mobilität von Daimler bis John Deere bekannt ist, für den leiblichen Genuss haben die Unternehmen der Quadratestadt ebenfalls einiges zu bieten. 

Die traditionsreichen Marken Birkel und 3 Glocken gehören heute zum Schweizer Newlat-Konzern. Fotos: Newlat

Nudelhauptstadt Mannheim

Wer kennt sie nicht – die bekanntesten deutschen Nudelmarken Birkel und 3 Glocken. Ihre Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als Balthasar Stephan Birkel 1874 einen Mühlen- und Produkthandel im schwäbischen Schorndorf gründete und 1884 mit der Grundsteinlegung der „Ersten Badischen Dampfteigwarenfabrik“ in Weinheim die Geschichte von 3 Glocken begann. Im Jahr 2000 fusionierten die beiden Traditionsmarken am Standort Mannheim, gingen 2007 an den spanischen Konzern Ebro Foods und wurden im Januar 2014 von der Schweizer Newlat Food S.A. übernommen.

Als Drehkreuz für die Märkte Deutschland sowie Nord- und Osteuropa hob der Nudelkonzern mit weltweit zwölf Standorten dann die deutsche Newlat GmbH aus der Taufe und entschied sich für den bereits existierenden Produktionsstandort Mannheim als Sitz. Auf der Friesenheimer Insel produzieren und vertreiben nun rund 130 Mitarbeiter ein breites Sortiment rund um die beiden Marken – und sorgen für einen steten Ausbau und eine Erweiterung des Angebots.

3 Glocken ist heute vor allem als regionale Marke mit ländlicher Tradition positioniert und mit drei Submarken „Gold-Ei Landnudeln“, „Genuss pur“ und „Die mag ich“ im Handel vertreten. Die Klassiker wie „Schwäbische Spätzle“ oder „Extrabreite“ wurden erst kürzlich durch vier Neuheiten wie „Bandnudeln“ und „Wellenspätzle“ ergänzt. Unter „Genuss pur“ stehen seit 2019 auch Dinkel- und Vollkorn-Varianten in den Regalen.

Mit eher außergewöhnlichen Innovationen punktet die Marke Birkel bei den Verbrauchern. Die Produktreihe „Nudel-Inspiration“ umfasst acht spannende Sorten von Pfifferling-Petersilien-Bandnudeln über Chili-Knoblauch-Spaghetti bis zu Thymian-Rosmarin-Bandnudeln. Bedient wird auch der Markt für glutenfreie Lebensmittel. Hier kommt statt Hartweizen eine Rezeptur zum Einsatz, die auf eine Kombination aus Mais- und Reismehl sowie Kartoffelstärke setzt.

Die heutige Hauptverwaltung von Südzucker, die vor einigen Jahren saniert und erweitert wurde, liegt in der Maximilianstraße. Fotos: Möbus/Südzucker

Die Nummer 1 der Zuckerindustrie 

Sie ist der weltweit größte Zuckerproduzent: die Südzucker AG in Mannheim. Von den rund  19.200 Mitarbeitern arbeiten über 500 in der Hauptverwaltung in der Quadratestadt. Die Anfänge des Zuckerriesen gehen bis auf das Jahr 1926 zurück. Damals wurde die  Süddeutsche-Zucker-Aktiengesellschaft in Mannheim gegründet, die aus einer Fusion von fünf regionalen Zuckerherstellern, darunter die Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation aus Waghäusel, hervorging.

Der Standort der ersten Hauptverwaltung waren Räumlichkeiten in einem Gebäude der Firma L. Weil & Reinhardt im Quadrat L15, die Südzucker kurz nach der Gründung anmietete. Schon vier Jahre später reichten diese nicht mehr aus, und das Unternehmen entschied sich zum Erwerb eines Anwesens in der Augustaanlage 31.
1957 erwarb die Süddeutsche Zucker-Aktiengesellschaft dann ein fast fünfmal so großes Grundstück in der Maximilianstraße, um dort ein neues Verwaltungsgebäude zu errichten. Im Februar 1961 begannen die Bauarbeiten und bereits eineinhalb Jahre später erfolgte der Umzug von der Augustaanlage in die Maximilianstraße. Etwa zwanzig Jahre später begannen die Planungen zur Sanierung und Erweiterung des Verwaltungsgebäudes am Mannheimer Standort, das 2015 bezogen wurde.

Parallel wuchs Südzucker durch zahlreiche Übernahmen und expandierte in neue Geschäftsfelder – wie die Herstellung von Fertigpizzen und Pasta oder Fruchtzubereitungen und Fruchtsaftkonzentrate. Die wichtigsten Meilensteine waren der Erwerb der Raffinerie Tirlemontoise, Brüssel/Belgien (1989), der Freiberger Lebensmittel GmbH & Co. KG, Berlin (Produzent von Fertigpizzen und Pasta, 1996) und von Saint Louis Sucre, Paris/Frankreich (zweitgrößter Zuckerproduzent Frankreichs, 2001). Im Jahr 2004 startete das Unternehmen mit dem Bau einer Ethanolanlage in Zeitz, welche 2005 fertiggestellt wurde. Im Jahr 2008 ging die Ethanolsparte von Südzucker, die CropEnergies AG, an die Börse und ist der führende Hersteller dieses Treibstoffs in Europa.

Ende 2019 betreibt Südzucker 28 Zuckerfabriken und zwei Raffinerien in Europa und erzielte im Geschäftsjahr 2018/19 einen Umsatz von 6,8 Milliarden Euro. Hauptaktionäre sind Rübenanbauer, die über die Süddeutsche Zuckerrübenverwertungs-Genossenschaft eG (SZVG) einen Anteil von 58 Prozent am Kapital halten.

Größter Standort der SUNTAT-Gruppe ist die BLG Kardesler Lebensmittelhandelsgesellschaft in Mannheim, wo das Unternehmen 1986 gegründet wurde.
Fotos: SUNTAT

„Suntat ist eine deutsche Marke“

Er ist ein sehr erfolgreicher Unternehmer in Deutschland – Mustafa Baklan. Aus einem kleinen türkischen Lebensmittelgeschäft im Mannheimer Jungbusch hat er in wenigen Jahren einen weltumspannenden Konzern mit über 1.800 Beschäftigten geschmiedet. Dabei war ihm der Erfolg nicht in die Wiege gelegt: Als 17-Jähriger holte ihn 1972 sein Vater aus der Türkei nach Deutschland. Er begann als Aushilfe im Mannheimer Großmarkt und lernte dort den Handel mit Lebensmitteln kennen. Und er stieg selbst in diese Branche ein: Mit seinen Brüdern gründete er ein Einzelhandelsgeschäft und arbeitete sich in die deutschen Standards und Normen ein, um die aus der Türkei importierten Waren fachgerecht anzubieten. „Das war das Erfolgsgeheimnis“, sagt er.

Schnell profilierte er sich darüber hinaus als Großhändler. Die
Baklan-Brüder schlossen europaweit mit immer mehr Erzeugern Verträge und bauten Produktionsstätten in der Türkei auf. Inzwischen beliefert seine Firma BLG Kardesler 9.000 deutsche Lebensmittelfilialen. Hinzu kommen 30.000 kleinere und größere türkische Märkte und Ethnomärkte sowie Gastronomen. Ende des Jahres 2017 schloss er nach einer langjährigen gerichtlichen Auseinandersetzung in Deutschland die Markenumstellung seiner Produkte von Baktat auf Suntat ab – mit Erfolg. „Kunden, Lieferanten und Verbraucher haben die neue Marke akzeptiert“, freut sich der Unternehmer. Sein Appell: „Der Handel sollte die türkischen Produkte nicht in der Nische verstecken, sondern als Standardartikel anbieten.“ Suntat als eine Standardmarke – so sieht Baklan die Zukunft des Unternehmens. „Suntat ist eigentlich eine deutsche Marke. So wie Ritter Sport.“

Seinen 50. Geburtstag feierte 2019 das Ureich, erfolgreichste regionale Marke der Brauerei. Die Werbung vor 50 Jahren atmete noch deutlich den Geist der 1960- und 1970er Jahre. Fotos: Eichbaum

Brauerei mit 340-jähriger Tradition

Die Privatbrauerei Eichbaum ist Mannheims ältestes Unternehmen. Ihre Geschichte begann bereits 1679, als der Mannheimer Stadtrat an Jean de Chaine (Chêne) eine Brauereikonzession verlieh. Angelehnt an seinen Namen (chêne bedeutet Eiche) gründete der Bierbrauer in der Mauritzgasse (heute: Quadrat Q5) die Schankwirtschaft „Zum Aichbaum“, ein Name, der 1717 von dem Hanauer Johannes Blanckart wiederbelebt wurde. Seine Brauereischenke „Zum grünen Eichbaum“ im Quadrat P5 wurde zu einer der beliebtesten der Stadt und profitierte vom großen wirtschaftlichen Erfolg Mannheims im 18. Jahrhundert.

1881 wurde die Eichbaum-Brauerei in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und expandierte weiter. Vor dem Ersten Weltkrieg war sie eine der hundert größten Brauereien im Deutschen Reich. Den schnellen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg verdankte Eichbaum dem Status als Hauptlieferant der US-amerikanischen Armee, geriet aber einige Jahrzehnte später in heftige Turbulenzen, aus denen sie 1998 der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp rettete. 2010 übernahm der langjährige Vorstand Jochen Keilbach die Brauerei, dem der Unternehmer Andreas Hiby-Durst als stiller Teilhaber an der Traditionsfirma zur Seite stand. Jochen Keilbach war zunächst alleiniger Geschäftsführer, 2015 stieg sein Sohn Thomas Keilbach mit ein. Seit 2018 komplettiert Andreas Hiby-Durst das Trio der Geschäftsführung. 

Heute steht Eichbaum fest in der Region und zum regionalen Markt. Die Bier-Profis sind u. a. Hauptsponsor des Mannheimer Stadtfestes, und wenn die City zur ausgelassenen Partymeile wird, werden hier jedes Jahr rund 15.000 Liter Eichbaum-Bier ausgeschenkt. Zwei Millionen Hektoliter Helles, Dunkles, Weißes entströmen der Brauerei jährlich und fließen neben dem regionalen auch in den nationalen und internationalen Markt. Ein Großteil geht ins Ausland. Mit Karamalz ist man jedoch auch gut im nationalen Geschäft unterwegs und mit knapp 40 Prozent Umsatzanteil deutscher Marktführer. Und nicht nur „Mannheim – Stadt im Quadrat“ feiert sein 50-jähriges Jubiläum – auch das Ureich, erfolgreichste regionale Marke der Brauerei, wird 50 Jahre alt und feiert seinen Geburtstag mit einem neuen, moderneren Markenauftritt. Auf die bewährte Rezeptur setzt die Brauerei jedoch weiterhin.

2019 wurde bei Coca-Cola European Partners Deutschland in Mannheim eine neue Glas-Mehrweganlage eingeweiht – damit ist die Produktion deutlich moderner als in den Anfangsjahren des Unternehmens in der Quadratestadt.
Fotos: CCEP/Marchivum (AB00219-001)

Weltmarke fließt in Mannheim

Alles beginnt im Jahre 1888, als der Mannheimer Drogist Wilhelm Müller Senior ein Getränkehandelsunternehmen für Kur-, Heil- und Tafelwasser gründet, das 1935 in die Hände seines Sohns Wilhelm Müller Junior übergeht. Dieser erweitert sein Sortiment und übernimmt für den Großraum Mannheim den Vertrieb eines immer populäreren Getränks aus den USA, Coca-Cola. In den ersten Jahren ist die Nachfrage übersichtlich und die fünf pro Tag verkauften Flaschen lassen sich noch leicht per Fahrrad ausliefern. Doch die Absatzzahlen steigen – schon im Jahr 1939 werden 50.000 Kisten verkauft. 1950 geht der Unternehmer den nächsten Schritt und erhält die Abfüllrechte: Zu Beginn der 1970er Jahre ist er der erfolgreichste deutsche Konzessionär – aus „Wasser-Müller“ ist längst „Cola-Müller“ geworden.

2007 übernimmt die Coca-Cola Erfrischungstränke AG alle noch unabhängigen Coca-Cola-Konzessionäre, darunter auch die Mannheimer HM InterDrink, zu der sich die Wilhelm Müller Erfrischungsgetränke AG mit den Konzessionären aus Heidelberg und Ludwigshafen zusammengeschlossen hatte. 

Heute ist in Deutschland die Coca-Cola European Partners Deutschland GmbH (CCEP DE) als größter deutscher Getränkehersteller für die Abfüllung der Brause verantwortlich und investiert hohe Summen in ihren Mannheimer Standort in der Spreewaldallee mit rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Rund 30 Millionen Euro sind 2019 in eine neue Glas-Mehrweganlage geflossen, die im Herbst ihren Betrieb aufgenommen hat. Schon im Juni 2018 war eine neue PET-Einwegpfandflaschenlinie für 20 Millionen Euro feierlich eingeweiht worden. Die beiden neuen Anlagen haben jeweils eine Kapazität von bis zu 60.000 Flaschen pro Stunde. Insgesamt verlassen jedes Jahr rund 22 Millionen Kisten kohlensäurehaltiger Erfrischungsgetränke den Mannheimer Standort und versorgen neben dem Rhein-Neckar-Raum die Vorder-, Süd- und Nordpfalz.

1923 wurde die Firma Schokinag in Mannheim gegründet. Die Schokolade aus der Neckarvorlandstraße wird allerdings nicht an den Endverbraucher, sondern an Kunden aus der Industrie und dem Handwerk geliefert.
Fotos: Rinderspacher, Schokinag

Mannheims Schokoladenseite

Bis zu 90.000 Tonnen Schokolade stellt die Schokinag GmbH in Mannheim pro Jahr her. Im Laden kaufen kann man ihre Produkte jedoch nicht. Die Abnehmer sind Industrie und Handwerk. Das 1923 in Mannheim gegründete Unternehmen hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Lange Jahre im Besitz der Familie Herrmann, wurde der Mittelständler 2009 Teil des US-amerikanischen Konzerns ADM und ging 2015 an dessen Rivalen Cargill über. Seit 2016 gehört die Schokoladenfabrik zwei niederländischen Investoren und ist wieder ein eigenständiges Unternehmen. Die gegenüberliegende Fabrik zur Kakaoverarbeitung war lange Zeit ebenfalls Teil der Schokinag, wurde dann aber von dem asiatischen Konzern Olam übernommen und beliefert den Schokoladenhersteller nun mit verschiedenen Rohstoffen. 

Kunden sind alle diejenigen, die Schokolade in ihren Produkten brauchen – vom kleinen Bäcker bis zum Weltkonzern. So wird zum Beispiel Schokolade in flüssiger oder fester Form für Mozartkugeln, Lebkuchen, Eis und Cookies geliefert. 50 Prozent der Schokolade werden in Deutschland verkauft, der Rest geht in andere europäische Länder, aber auch nach Fernost oder in die USA. Die meisten Rezepturen werden zusammen mit den Kunden entwickelt.

Und es wird kräftig investiert. Ein großes Projekt wurde kürzlich abgeschlossen. Eine neue vollautomatische Schokoladenchips/Easy-Melt-Produktionslinie mit Großpackanlage und einer Kapazität von drei Tonnen pro Stunde wurde im Januar 2019 in Betrieb genommen, eine neue Produktionslinie für weiße Schokolade mit deutlich erhöhter Kapazität folgte im März 2019. Mit diesen beiden und weiteren kleineren Projekten wurden seit 2016 unter den neuen Eigentümern bereits zehn Millionen Euro investiert.