
Foto: Qumea
In Reallaboren können Produkte oder Dienstleistungen in einer realen klinischen Umgebung und unter Einbeziehung von medizinischem Personal und Patienten getestet und weiterentwickelt werden. Das Mannheimer Modell ist hier führend.
Von Ulla Cramer
Sie sind in Krankenhäusern ein großes Problem: Stürze von Patienten. Eine Lösung hat das 2019 gegründete Schweizer Start-up Qumea gefunden. Radarsensoren, die in den Zimmern auf den Stationen installiert werden, erfassen mittels Künstlicher Intelligenz menschliche Bewegungen und alarmieren Pflegefachpersonen, wenn eine gefährliche Situation eintritt – anonym und ohne Bilder aufzunehmen. Im Heimatland Schweiz konnte man schnell zahlreiche Kliniken für dieses Konzept begeistern. „Um jedoch auch den viel größeren deutschen Markt für unsere Innovation zu gewinnen“, so Anna Windisch, Geschäftsführerin der deutschen Tochtergesellschaft Qumea GmbH , „brauchen wir Referenzprojekte im Land, und da war für uns das Mannheimer Modell der Reallabore die perfekte Eintrittskarte.“ Eine günstige Weichenstellung kam hinzu. Qumea gewann 2023 den Wettbewerb „We care“, der sich an Start-ups richtete, die in der klinischen Pflege unterwegs sind und unter anderem vom Mannheim Medical Technology Cluster der Stadt Mannheim vergeben wird. Der Preis: Qumea durfte ein Jahr kostenlos in das Existenzgründungszentrum CUBEX ONE auf dem Mannheim Medical Technology-Campus ziehen. Inzwischen hat das Unternehmen den Mietvertrag verlängert – und nutzt die Möglichkeiten des Reallabors INSPIRE Living Lab.
Das INSPIRE Living Lab ist das erste Reallabor in Deutschland, das Existenzgründern und anderen Unternehmen die Chance bietet, MedTech im Klinikalltag unter realen Bedingungen zu testen. Firmen wie Qumea erhalten hier ein wertvolles Feedback zu ihren Prototypen, Apps und Geräten – von Ärzten, Pflegepersonal und Patienten. „An den Start gegangen sind wir im Juli 2022“, erinnert sich Hannah Krause, organisatorische Leiterin. Ausgewählt wurde die Station 36–3, in der Patientinnen und Patienten aus der Orthopädie und Urologie betreut werden. „Die Station wurde kernsaniert und modernisiert. Wir haben zusätzliche Netzwerk- und Stromanschlüsse sowie Kabelschächte in den Zimmern verlegt, wir haben die Patientenbetten mit Tablets und die Pflege mit Smartphones ausgestattet – und profitieren von einem etwas höheren Pflegeschlüssel.“

Durch unsere Reallabore können medizinische Innovationen schneller, sicherer und wirksamer in die Versorgung gelangen.
Katharina Fox, Managerin Mannheim Medical Technology Cluster
Foto: Stadt Mannheim
Besonders zukunftsweisend ist in Mannheim die Zusammenarbeit mehrerer Reallabore innerhalb des Klinik-Campus. Neben dem INSPIRE Living Lab zählen dazu ein experimenteller Hybrid-OP des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA, der die Entwicklung, Erprobung und das Training von Technologien und Prozessen in einem extra dafür vorgesehenen Operationssaal ermöglicht. Im Test- und Entwicklungszentrum für digitale Patientenaufnahmesysteme (TEDIAS) werden Produkte zur Erhebung und Verarbeitung von Patienteninformationen unter die Lupe genommen. Das M²AXI Usability Lab hat die Bewertung und Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit digitaler Produkte im Medizin- und Gesundheitsbereich im Blick. Geplant ist außerdem der Aufbau einer M²OLIE Klinik zur klinischen Versorgung für Krebspatienten mit Oligometastasen, die stärkere Einbindung des am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit angesiedelten Reallabors AI 4 U „Künstliche Intelligenz für digitale personalisierte psychische Gesundheitsförderung“ sowie die Unterstützung der Stadt Mannheim bei der Einrichtung weiterer Reallabore im Bereich Prävention und Rehabilitation. Vorangetrieben wird dieses MedTech-Ökosystem von dem Mannheim Medical Technology Cluster der Mannheimer Wirtschaftsförderung, das dieses Netzwerk für die Gesundheitswirtschaft seit 2011 konsequent aufbaut.
Gemeinsam mit dem Cluster Smart Industries darf sich das Mannheim Medical Technology Cluster über einen Förderbescheid aus Stuttgart freuen. Unterstützt wird das Projekt CareFusion. Geplant ist die Verknüpfung von sensiben Patientendateien in einem souveränen, geschützten und herstellerneutralen Datenraum. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg steuert zu diesem Vorhaben eine Summe von 197.879,05 Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), die Stadt Mannheim 296.818,58 Euro bei.

Hier steht das Whitepaper über die Mannheimer Reallabore zum Download zur Verfügung.
