MMT-Campus
Neue Rezepte für Digital Health
von Dr. Gabriele Koch-Weithofer

Auf der Baustelle drehen sich die Kräne. Im Cubex One (l.) wurde im August 2019 das Handwerkerfest gefeiert. Das erste Gebäude des Investors TPMA (rechts hinten) ist bereits bezogen. Foto: Cluster Medizintechnologie, Stadt Mannheim

Der Mannheim Medical Technology (MMT-) Campus wächst und gedeiht. Neben dem städtischen Projekt CUBEX One errichtet die Technologiepark Mannheim GmbH, eine Tochter der L-Bank, hier drei Bauten für Medizintechnologie-Unternehmen. Und mit „INSPIRE“
startet eine Plattform für die Entwicklung und Erprobung von Digital Health-Projekten.

Die Technologiepark Mannheim GmbH (TPMA) ist ein wesentlicher Investor und Bauherr auf dem neuen MMT-Campus. In den Gebäuden der TPMA soll es für bestehende und expandierende Unternehmen im Bereich Medizintechnologie genug Raum geben, um weiter zu wachsen. Aber auch Neugründungen der Branche und Spezialdienstleister finden hier ein ideales Arbeitsumfeld. Die direkte Nachbarschaft zum Universitätsklinikum Mannheim ermöglicht die fachübergreifende Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung. 

Insgesamt verteilen sich rund 12.000 Quadratmeter Büro-, Werkstatt- und Laborflächen auf drei benachbarte Gebäude. Das erste Gebäude ist komplett vermietet. Im August 2019 sind die ersten Mieter eingezogen. Für den zweiten und dritten Bauabschnitt haben die Architekten mit der Planung begonnen. Voraussichtlich Ende 2021 sollen auch diese beiden Gebäude fertiggestellt sein.

Auch der Rohbau für das EFRE-Leuchtturmprojekt Business Development Center CUBEX One steht bereits. Insgesamt sind hier rund 3.800 Quadratmeter an flexiblen und skalierbaren Büro-, Werkstatt-, Labor- und Reinraumflächen für Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen sowie Verbundpartner aus Forschung und Industrie reserviert. Bauherr und Betreiber ist die mg:mannheimer gründungszentren gmbh. Im August 2019 wurde das Handwerkerfest gefeiert. Im September 2020 soll CUBEX ONE bezugsfertig sein. Die Kosten belaufen sich auf 23 Millionen Euro, sieben Millionen Euro davon stammen aus Fördermitteln der EU und des Landes Baden-Württemberg. 

„Gemeinsam repräsentieren diese vier Gebäude die erste Entwicklungsphase des MMT-Campus“, erklärt Dr. Elmar Bourdon vom Clustermanagement Medizintechnologie der Wirtschaftsförderung Mannheim. „Die Campus-Konzeption mit der einmaligen Konzen-tration von Unternehmen, Klinik und Forschung wird sehr gut angenommen und bietet Firmen der Branche hervorragende Möglichkeiten, innovative Medizinprodukte schnell und effizient zur Marktreife zu bringen.“ Und weitere Vorhaben stehen bereits auf der Agenda. Auf einer Teilfläche des MMT-Campus sind vier Forschungs- und Lehrgebäude der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg in Planung – und auf dem Areal der früheren „Badischen Brauerei“ sind ebenfalls Neu- und Umbauten für Wohn- und Gewerbeflächen vorgesehen. Die Gesamtentwicklung des MMT-Campus erfolgt federführend und projektleitend durch den Fachbereich für Wirtschafts- und Strukturförderung der Stadt Mannheim. 

Über die Baufortschritte hinaus nimmt das digitale Vorzeigeprojekt mit dem sprechenden Namen „INSPIRE“ Fahrt auf. Dahinter verbirgt sich die Digital Health Entwicklungs- und Erprobungsplattform Mannheim/Rhein-Neckar. Das Clustermanagement Medizintechnologie hat sich dazu mit fünf Kernpartnern zusammengetan. Dies sind die Universitätsklinikum Mannheim GmbH, das Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI), die Hochschule Mannheim und die Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg sowie der Medizingerätespezialist Siemens Healthineers GmbH. Ziel der Kooperation: den Wissens- und Technologietransfer untereinander und mit weiteren Partnern erleichtern und geeignete Testszenarien für klinische Anwendungen zu schaffen. 

Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und neue Ideengeber mit erfahrenen Experten und am Markt etablierten Firmen zusammenzubringen, um gemeinsam „Projekte zum Fliegen zu bringen“: Darin sieht Yvonne Soyke vom Clustermanagement Medizintechnologie ihre vordringlichste Aufgabe. Seit Mitte 2018 ist sie Leiterin der INSPIRE-Geschäftsstelle der Stadt Mannheim. Als erste Anlaufstelle kümmert sich diese um eingehende Nutzeranfragen, prüft und strukturiert sie und vermittelt Kontakte zu den Partnern. Elf weitere Partner sind bereits mit im Boot wie etwa die Krankenhausberatung ZeQ AG oder die Fraunhofer-Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin und Biotechnologie (PAMB) des Fraunhofer-Instituts für Produktions­technik und Automatisierung (IPA).

Zudem kümmert sich die Geschäftsstelle um die Vermarktung der INSPIRE-Plattform. Eine Internetpräsenz ist bereits vorhanden, an einer eigenen Homepage wird derzeit gearbeitet. Auch Veranstaltungen gehören dazu. So informierten sich beispielsweise rund 40 Teilnehmer im Mai 2019 auf der Tagung „Künstliche Intelligenz und digitale Medizin verstehen und einsetzen in Krankenhausbetrieb und Medizinrobotik“ über Chancen und Risiken der neuen Technologie. 

Medizinische Software, computergestützte Diagnostik, intelligente Gerätetechnik: Die Gesundheitsversorgung verändert sich durch die Digitalisierung radikal, erläutert Soyke. Gleichzeitig müsse sich die Gesundheitswirtschaft mit ganz eigenen regulatorischen, ethischen und systembezogenen Herausforderungen auseinandersetzen. „Die Branche ist komplexer als andere“, erklärt sie. „Zudem ist sie eine stark durch KMU geprägte Industrie, denen es in diesem Umfeld schwerer fällt, digitale Prozesse zu entwickeln und zu erproben. Wir wollen die Transferlücke durch INSPIRE schließen.“

Dafür baut das Universitätsklinikum Mannheim eine Klinikstation um und stattet sie so aus, dass digitale Technologien und Verfahren im realen Klinikbetrieb eingesetzt werden können. In diesem „INSPIRE
Living Lab“ soll getestet und geprüft werden, wie sich digitale Innovationen in klinische Abläufe einfügen, wie sie die Anforderungen von Patienten, Ärzten und Pflegekräften erfüllen und die gewünschte klinische Wirksamkeit erzielen. „Wir wollen neue Anwendungen unseren Mitarbeitern und Patienten möglichst früh und qualitätsgesichert zur Verfügung stellen und unser Know-how in die Weiterentwicklung der Systeme einbringen“, erklärt der Medizinische Geschäftsführer der Universitätsklinikum Mannheim GmbH
Prof. Dr. Hans-Jürgen Hennes.

Eingesetzt werden könnten vernetzte Anwendungen etwa bei der präoperativen Voruntersuchung, der OP-Planung und Patientenaufklärung. Auch die stationäre, häufig postoperative Behandlung selbst ließe sich verbessern. Beispielsweise könnten zukünftig aktive Implantate „in Echtzeit“ kontrolliert und gegebenenfalls sofort nachgesteuert werden – einschließlich möglicher medikamentöser Begleittherapien, weiß Bourdon. 

Nicht nur bei der digital gestützten Patientenversorgung fallen riesige Datenmengen an, die transportiert werden müssen. Auch dafür baut man beim MMT-Campus gerade vor. Zwei unabhängige Hauptleitungen sorgen für eine redundante Glasfaseranbindung des Campus. Und ein weiterer Provider stellt zusätzlich eine Leitung bereit, um unter allen denkbaren Umständen einen störungsfreien Betrieb zu gewährleisten. „Der Ausbau der digitalen Infrastruktur kommt gut voran“, unterstreicht Bourdon. 

Zudem fördert das Land Baden-Württemberg im Zuge seiner Digitalisierungsstrategie seit April 2019 den Aufbau eines Tranferzentrums mit 5G-Standard auf dem Campus des Universitätsklinikums Mannheim. 5G ermöglicht eine schnelle Übertragung von großen Datenmengen. Die PAMB des Fraunhofer IPA nutzt für den 5G-Einsatz in der Medizintechnik die Testumgebung des Hybrid-Operationssaals im Existenzgründungszentrum CUBEX41, um diese mit drahtlosen Instrumenten wie Endoskopen und Kapselrobotern zu vernetzen oder die durchgängige Überwachung von Vitalparametern bei Patiententransporten zu erforschen. Das Mannheimer Projekt ist eines von vier regionalen Testfeldern im Land.