Mode aus Mannheim

Chic und nachhaltig

Mannheims erfolgreichste Modedesignerin Dorothee Schumacher gründete 1989 ihr eigenes Label. Mit ihrer ersten Mini-Kollektion von nur drei T-Shirts gelang ihr Ende der 1980er-Jahre ein Schritt nach vorne. Die Shirts mit verspielten Details wie Zackenkanten und Satinbändern waren eine Rebellion gegen den Business-Look dieser Zeit und brachten Schumacher die ersten Aufträge ein. Schon wenige Jahre später expandierte die Modedesignerin nach Italien und bald darauf in die ganze Welt. Der Firmensitz der Firma befindet sich jedoch immer noch in Deutschland – in Mannheim, wo Dorothee Schumacher lebt.
Sie denken Mode neu – die jungen Fashionlabels aus der Quadratestadt. Im Fokus steht die Nachhaltigkeit.

VON GABRIELE BOOTH

In einem wunderschönen Barockhaus im Herzen der Mannheimer Innenstadt findet sich die Wiege für innovative und gleichzeitig nachhaltige Mode. Mode, die es so nirgendwo sonst gibt. An dieser Adresse hat die Stadt Mannheim das Kompetenzzentrum „Textilerei“ untergebracht. Es ist Experimentierfeld und Geschäftsmodell zugleich und bietet jungen Start-ups die nötige Infrastruktur, um ihre Ideen zu entwickeln und bis zur Marktreife auszuprobieren.

Im Herzen der Mannheimer Innenstadt, in C4, bekommen die ambitionierten Gründer aus der Modebranche ein unterstützendes Netzwerk geboten. Sie können sich mit einem kleinen Atelier zu fairen Preisen einmieten, gemeinschaftlich Büroräume sowie zwei große, mit mehreren Arbeitsplätzen und Profi-Equipment ausgestattete Designund Schneiderräume nutzen. Zudem besteht die Möglichkeit, in einem Shop im Erdgeschoss die Prototypen schon einmal zu präsentieren. „Wir stellen uns auf die individuellen Bedürfnisse der Mieterinnen ein und unterstützen sie auf dem Weg in die Existenzgründung und darüber hinaus“, beschreibt Nico Hoffmeister, Community Manager und Leiter der „Textilerei“, den Grundgedanken.

Konkret bedeutet das: Die Jungunternehmerinnen bekommen Hilfestellung durch qualifizierte Fachberater, angefangen bei der Erstellung eines Businessplans bis hin zu Fördermöglichkeiten. Sie werden bei der Verkaufsförderung und beim Marketing auf Messen unterstützt, können an Seminaren und Workshops teilnehmen. „Unser Ziel ist die fachmännische Beratung und Weiterqualifizierung von Existenzgründungen und jungen Unternehmen der Modeund Textilwirtschaft“, bringt es Hoffmeister auf den Punkt.

Zehn Ateliers gehören zur „Textilerei“ und sind meist ausgebucht. Wer es zur Aufnahme in das Existenzgründerzentrum geschafft hat, bekommt einen Mietvertrag für zwei Jahre. Dieser kann in begründeten Fällen auf fünf Jahre verlängert werden.

Kirsten Beck (r.) und Katrin Becker bieten eine außergewöhnliche Dienstleistung an: einen CAD-Schnittservice

Als Mannheims erfolgreichste Modemacherin hat sich Dorothee Schumacher national wie international einen Namen gemacht. Auch wenn die Designerin inzwischen in allen Metropolen der Welt vertreten ist, bleibt sie Mannheim als Headquarter ihres Unternehmens und Zentrum aller kreativen Prozesse in der Industriestraße im Hafengebiet treu. Ihr ist es zu verdanken, dass Mannheim immer häufiger in einem Atemzug mit dem Thema Mode genannt wird. Davon können auch die Existenzgründerinnen und -gründer profitieren, von denen einige inzwischen der „Textilerei“ entwachsen sind und ihre eigenen Erfolgsgeschichten schreiben.

Sie sind nicht nur kreativ in der Gestaltung ihrer Modelle, sie denken Mode neu, beispielsweise wenn es um die Nachhaltigkeit ihrer Produkte geht. Fairness bei der Bezahlung im Ursprungsland, Haltbarkeit, Umweltverträglichkeit sind Aspekte, die bei diesen jungen Modemacherinnen eine entscheidende Rolle spielen. So wie bei Klaudia Karamandi, die sich bewusst dem Trend der schnellen Wegwerfmode widersetzt. In ihrer ursprünglichen Heimat NordMazedonien arbeitet sie mit kleinen, familiengeführten Produktionsstätten zusammen, die hochwertige Stoffe verarbeiten. Mit ihrer Kollektion kommt sie Frauen entgegen, die sich auch im Berufsalltag komfortabel und trotzdem chic kleiden möchten. Raffinierte und präzise Schnitte sind ihr Markenzeichen. Die nachhaltigen Stoffe dafür kauft sie in Frankreich.

Bei Dorothee Schumacher haben Kirsten Beck und Katrin Becker gearbeitet, die 2019 das Beck & Becker Creative Patternmaking Studio gegründet haben. Nach über 15 Jahren Berufserfahrung bei dem Mannheimer Modelabel haben sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Mit Sitz in der „Textilerei“ bauten die beiden Frauen eine außergewöhnliche Dienstleistung auf: einen CAD-Schnittservice. Das technische Know-how ist für bereits etablierte Modeunternehmen, aber auch für Newcomer-Labels interessant. „Wir schlagen mit individuellen Produktentwicklungen für Textiles aller Art die Brücke zwischen Idee und produktreifer Umsetzung“, so die jungen Unternehmerinnen.

Das Label PHYNE steht für Streetstyle.

Melina Bucher hat sich auf Handtaschen spezialisiert. Genau genommen auf vegane Handtaschen, die allerdings nicht im langweiligen Öko-Look daherkommen, sondern durchaus Luxuscharakter haben. „Unsere Mission ist es, traditionelle Handwerkskunst und Designästhetik mit Wertschätzung und Nachhaltigkeit zu vereinen“, begründet Melina Bucher, warum sie ihr Handtaschen-Label so und nicht anders in ihrer Heimatstadt Mannheim gegründet hat. Es müsse auch in der Modewelt ein Umdenken hin zu tierfreundlichen Produkten erfolgen. Ihre Taschen werden alle in Europa handgefertigt und jeder Produktionsschritt kann nachverfolgt werden. Verkauft werden sie online und in ausgewählten Geschäften.

Fair produziert und handgefertigt, das trifft auch auf die Sneakers zu, die unter der Marke F65.0 Männer ansprechen, die Wert auf ganz besondere Schuhe legen. Die Designer haben sich nicht nur für einen ungewöhnlichen Markennamen entschieden, sie sprechen Kunden an, „die ihre Leidenschaft und Detailverliebtheit gerne progressiv am Fuß leben“, betonen die Erfinder. Die Marke F65.0 entstand mit dem Ziel, hochwertige und zeitlose Produkte mit besonderen Materialien so umweltfreundlich wie möglich herzustellen. Oberste Priorität hat dabei die Qualität sowie die Langlebigkeit der einzelnen eingesetzten Komponenten, wie beispielsweise das vegetabil gegerbte Leder, Komponenten aus Turnmatte und Trampolin sowie zu vierzig Prozent recycelte Sohlen. Produziert werden die Modelle aus Mannheim in Portugal, vielfach in Handarbeit, gewollt ist die mit der Zeit entstehende Patina.

Lässig, locker kommt auch PHYNE daher. Streetstyle, der in erster Linie junge Menschen anspricht: Hoodies, Sweatshirts, Bomberjacken. Wobei Phyne-Chef Andri Stocker großen Wert auf Nachhaltigkeit legt. Bewusst hat man sich gegen wechselnde Kollektionen entschieden, als PHYNE 2017 gestartet ist. Gefertigt wird in Portugal mit GOTS-Zertifizierung, die Produktionsstätten werden regelmäßig besucht, um die fairen und nachhaltigen Produktionsbedingungen zu überprüfen. Verkauft wird hauptsächlich über den eigenen Online-Shop und über Plattformen wie Zalando und About You. Gemeinsam mit Melina Bucher war auch PHYNE unter den Finalisten des MEXI-Preises „Social Economy“.

Eine große Farbenpracht mit zahlreichen Anleihen im Orient prägen die Mode des Labels „Belle Ikat“.

Legere Passformen, fließende Schnitte, das sind die Markenzeichen von Liebesglück. Dahinter stehen junge Modemacher aus Mannheim, die alltagstaugliche, aber doch feminine Kleidung entwerfen. Die legeren Passformen und fließenden Schnitte aus hochwertigen Baumwollgemischen sind pflegeleicht und vielseitig einsetzbar. Ob knallige Businessanzüge, farbenfroh bedruckte Kleider oder auch klassische Blusen: Der Stil von Liebesglück bedient die Wünsche der modernen Frau. Auch für diese Modemacherinnen gilt Transparenz beim Einsatz von natürlichen Ressourcen.

Das gibt es nur in Mannheim: Goldgarn ist ein innovatives Jeanslabel mit trendigen Schnitten und hochwertigen Materialien. Die einzelnen Modelle sind nach Mannheimer Stadtteilen benannt, wie Jungbusch oder Käfertal. Auf den Innentaschen ist die Quadratestruktur Mannheims zu sehen. „Unser Herz schlägt für die Stadt Mannheim, denn hier sind unsere Wurzeln und hier hat alles begonnen“, geben die jungen Designer eine Liebeserklärung ab. Inspiration haben sie sich bewusst aus der Mannemer Szene geholt.

Unter dem Label „Belle Ikat“ entwirft die Designerin Izabella Stadler farbenprächtige Kleider, Blusen, Mäntel und kombiniert orientalische OrnamentemitbequemenSchnitten. DieausUsbekistan stammenden Stoffe sind durchweg Unikate. Seide, Baumwolle, Leinen – auf traditionelle Weise in Familienbetrieben gewebt – bekommen in der Mannheimer Schneiderwerkstatt einen modernen Schnitt. Leichte Materialien aus der Ukraine kombiniert die Designerin, die viele Jahre in Israel gelebt hat, mit klassischer Folklore. Für die Designerin ist es nicht nur wichtig, die traditionelle Webkunst vor Ort zu fördern, sie verbindet damit ein soziales Engagement. „Unsere Mode muss auch die Menschen ernähren, die diese Kleider in unserem Auftrag herstellen, zu fairen Bedingungen und unter Berücksichtigung von Gesundheit und Umweltschutz“, sagt die Modemacherin.

Dass Mannheim ein gutes Pflaster für Mode und Modemacher ist, kann auch Prof. Dr. Verena König belegen. Sie ist Hochschullehrerin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Spezialistin, was Markenentwicklung und Einkaufsverhalten angeht. Sie schätzt die Mannheimer Einkaufsszene mit ihrer Mischung aus traditionsreichen Modehäusern, Boutiquen und Fashion-Start-ups, „die Mannheim gerade für Frauen zu einer perfekten Einkaufsstadt machen“. Hinzu komme eine vielfältige Gastronomie – als Highlight für jeden Shopping-Bummel.