Modellquartier FRANKLIN | Smart und effizient

Vier Hochpunkte auf FRANKLIN sollen die Buchstaben H-O-M-E widerspiegeln. Sie werden von Weitem sichtbar sein und Mannheims Stadtsilhouette signifikant verändern. Die Grundidee stammt von dem niederländischen Architekturbüro MVRDV, welche das „M“ und das „O“ auch für das Immobilienunternehmen RVI umsetzen. „E“ und „H“ werden durch die GBG – Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft realisiert. VISUALISIERUNG: MVRDV

Es ist ein echtes Leuchtturmprojekt – der neue Stadtteil FRANKLIN auf einem 144 Hektar großen Konversionsareal der US-Streitkräfte im Norden Mannheims. Es soll Heimat für 10.000 Menschen und ein Pilotprojekt
für smarte Energienutzung werden.

VON ULLA CRAMER

Rund 4.000 Männer, Frauen und Kinder leben im Herbst 2021 schon auf FRANKLIN und in allen Bereichen läuft die Entwicklung des Stadtteils auf Hochtouren. Mit einem offiziellen Spatenstich haben im März 2021 die Arbeiten am Hochpunkt „E“ begonnen – der Auftakt für die neue Silhouette des Stadtteils: Vier Gebäude werden in Zukunft den Schriftzug „HOME“ bilden, dem Stadtteil ein unverwechselbares Gesicht verleihen und seine neuen Bewohnerinnen und Bewohner willkommen heißen. In dem Wohnturm, der von der GBG – Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft gemeinsam mit DIRINGER & SCHEIDEL errichtet wird, entstehen bis 2024 mehr als 110 Wohnungen auf 14 Stockwerken und großzügige Grünflächen zur gemeinschaftlichen Nutzung. Mehrere Townhouses in den ersten zwei Etagen haben einen eigenen Gartenzugang. „Die vier Hochpunkte tragen maßgeblich zur Identität FRANKLINs und zur Orientierung bei. Toll, dass aus unserer planerischen Vision jetzt gebaute Realität wird“, freut sich Achim Judt, Geschäftsführer der städtischen Gesellschaft MWSP, die die Entwicklung von FRANKLIN verantwortet, parallel auch über ein weiteres Projekt – das Nahversorgungszentrum „Grüner Hügel“, das bis 2023 fertiggestellt werden soll.

Das Erdgeschoss des Nahversorgungszentrums, das die GBG gemeinsam mit dem Mannheimer Projektentwickler 3iPro auf den Weg bringt, wird im Erdgeschoss mit einer Verkaufsfläche von etwa 1.500 Quadratmetern einen Supermarkt, eine Bäckerei, eine Apotheke, einen Drogeriemarkt und eine Gastronomie beherbergen. Zudem wird die VR Bank Rhein-Neckar hier eine Filiale eröffnen (siehe auch Seite 16). Bis zur Fertigstellung wird ein Interimsmarkt die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. „Dies ist ein ganz zentraler Baustein für die Gesamtentwicklung von FRANKLIN“, ist Judt überzeugt. Diese wird bereits jetzt mit zahlreichen Angeboten für die neuen Einwohnerinnen und Einwohner vorangebracht – angefangen von einem Wochenmarkt, auf dem jeden Mittwoch Obst, Gemüse, Backwaren und Blumen angeboten werden, bis zu Nutzgärten. Diese sind Teil der FRANKLIN GREEN FIELDS, unter deren Namen die MWSP rund 50 Hektar Grünflächen auf dem Areal erschließt. Dabei sind die Gestaltungen der einzelnen Abschnitte durchaus unterschiedlich. So ist der American Landscape Spielplatz getreu dem Motto „Arizona in Mannheim“ mit seiner markanten Landschaft, die an das Monument Valley erinnert, ein Ort zum Klettern und Verstecken. Ein zwei Meilen langer Rundweg bietet viel Raum für körperliche Betätigung, und mit der FRANKLIN-Sportanlage verfügt Mannheim nun über eine neue Laufbahn in Wettkampfqualität, für die Sportler selbst von außerhalb der Region anreisen. Auch beim Thema Mobilität ist vieles in Bewegung. Der flexible Personen-Shuttle „fips“ der Rhein-Neckar-Verkehr (rnv), der bereits im Frühjahr 2021 in einigen Stadtteilen eingeführt wurde (siehe Seite 30), ist nun zusätzlich auf FRANKLIN und der Konversionsfläche TAYLOR unterwegs und erweitert das bestehende Angebot des ÖPNV in dem Stadtteil. Mitte November 2021 wurde auch der erste Spatenstich für die Stadtbahn gefeiert, mit der FRANKLIN an das Zentrum angebunden werden soll – auf einer Strecke von 1,6 Kilometern. Die neuen Gleise werden an der Haltestelle Bensheimer Straße von der bestehenden Verbindung Mannheim-Weinheim abzweigen. Vorgesehen ist eine zweigleisige Strecke mit drei barrierefreien Haltestellen:
„Franklinschule“, „Franklin Mitte“ und der Endhaltestelle „Sullivan“ mit einer Wendeschleife. Die neue Gleistrasse soll zu etwa zwei Dritteln auf einem besonderen Bahnkörper, also abgetrennt von den Straßen, geführt und – wo möglich – ohne Schotter zwischen den Schwellen als Grüngleis gebaut werden. Auch wenn die Infrastruktur einen 10-Minuten-Takt erlaubt, soll die FRANKLIN-Bahn zunächst nach der Fertigstellung der Trasse, die für 2023 geplant ist, im 20-Minuten-Takt pendeln. Auf insgesamt fünf Stationen wird zudem das Netz des Fahrradvermietsystems VRNnextbike ausgebaut.

Die Entwicklung der 25 Hektar großen Teilfläche Columbus – das zukünftige Gewerbegebiet von FRANKLIN – schreitet ebenfalls voran. Der Beginn der Erschließung ist ab Anfang 2022 geplant, nach Beschluss des Bebauungsplans. Und die Nachfrage ist groß. Ankermieter auf dem Gelände werden die Bau- und Möbelmärkte BAUHAUS und Segmüller sein. Auch die Firma Hitachi Energy wird hier ihren neuen Hauptsitz in Deutschland errichten und mit 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Jahr 2023 einziehen (siehe auch Seite 79). Die Fußgänger- und Radwegebrücke „FRANKLIN Steg“ über die B38, die Columbus mit dem Stadtteil Vogelstang verbinden soll, wird voraussichtlich im gleichen Jahr fertiggestellt werden. Vielleicht hat das nachhaltige Energiekonzept von FRANKLIN zur Standortwahl von Hitachi Energy beigetragen – ist das Unternehmen doch als Spezialist für Stromnetze aktiv. Zwei Mannheimer Energiespezialisten ziehen zu diesem Zweck an einem Strang: MVV und ABB. „FRANKLIN soll ein Wohnviertel sein, in dem möglichst viel erneuerbare Energie vor Ort erzeugt und genutzt wird“, schildert Bernhard Schumacher, der bei der MVV für das neue Quartier zuständig ist, die Grundidee. Basis sind Photovoltaikanlagen, die auf den Dächern von vielen neuen oder sanierten Gebäuden installiert werden sollen. „Derzeit hat allein die MVV über 20 solcher Solaranlagen auf FRANKLIN errichtet – insgesamt können wir derzeit auf dem Areal Strom in einer Größenordnung von zwei Millionen kWh generieren“, bringt es Schumacher auf den Punkt. Die Folgen sind schon jetzt messbar: Bei seinen CO2- Emissionen liegt FRANKLIN um 30 Prozent unter den durchschnittlichen Vergleichswerten der Stadt Mannheim. Herzstück des Konzepts ist ein komplexes Energiemanagementsystem für das gesamte Quartier, in das alle energierelevanten Informationen einfließen. „Das beginnt bei der Stromerzeugung der Photovoltaikanlagen über die dezentralen Wärmespeicher, die Elektroladesäulen bis zur aktuellen Nutzung durch die Verbraucher – mit Blick auf Heizungen, elektrische Geräte und auch Elektrofahrzeuge“, beschreibt Schumacher den Ansatz. „Eine Vielzahl von eingesetzten Sensoren ermöglicht es, auf diese Weise ein komplettes energetisches Bild von FRANKLIN zu erhalten – als solide Grundlage, um den Verbrauch und die Erzeugung von Energie zu optimieren. Um den vor Ort erzeugten Solarstrom auch für
die Wärmeversorgung zu nutzen, haben wir im Quartier zudem Power-to-Heat-Anlagen gebaut, die den Strom in Wärme umwandeln.“ Viele der Systeme für den smarten Stadtteil stammen von ABB wie der Batteriespeicher BESS (Battery Energy Storage System), der in der Lage ist, bei einer Maximalleistung von 300 kW bis zu 470 kW elektrische Energie zu speichern, oder das bereits angesprochene Energiemanagementsystem namens OPTIMAX. „Das System kann auf der Basis von mathematischen Modellen beispielsweise voraussagen, wieviel Strom durch die Solaranlage auf dem Dach in den nächsten Stunden produziert wird und zeigt auf, wieviel Energie derzeitig in den Haushalten des Gebäudes oder vielleicht für Elektroautos zur Verfügung steht und auch abgerufen wird. Bei überschüssiger Energie entscheidet es ganz automatisch, ob es angesichts der Situation an den Energiemärkten sinnvoller ist, den Strom zu verkaufen oder lieber zu speichern“, beschreibt Bruno Theimer, Vice President Local Division Energy Industries Business Development ABB, die Möglichkeiten von OPTIMAX. „Der Mehrwert ist, dass dezentrale Erzeugungsanlagen und flexible Verbraucher problemlos in Echtzeit zusammengeführt und optimiert werden.“ OPTIMAX ist Teil der derzeit mehr als 210 Lösungen, die im Rahmen des digitalen Angebots ABB Ability für Smart Cities entwickelt wurden. Die Plattform vereint branchenübergreifendes digitales Know-how und umfasst Geräte, Systeme, Lösungen und Services, die Versorgungseinrichtungen vernetzen und einzelne Subsysteme der städtischen Infrastruktur aufeinander abstimmen.

„ABB trägt mit ihren Lösungen deshalb aktiv dazu bei, die CO2- und Feinstaub-Emissionen zu reduzieren und Städte umweltfreundlicher zu machen“, so Theimer. „Wenn ich am Sonntag koche, brauche ich dafür den Strom aus der Solaranlage. Wenn ich aber werktags mit dem ÖPNV zur Arbeit gefahren bin, kann der Strom zum Aufladen meines Elektrofahrzeugs eingesetzt werden“, beschreibt Schumacher ein weiteres praxisnahes Beispiel. Und: Das Energiemanagementsystem punktet auch beim Thema Sicherheit. „Es erkennt beispielsweise Leckagen in Rohren, weil Wasser weiter fließt, wenn es abgestellt ist. Oder es lässt sich über eine App nachvollziehen, ob vielleicht vergessen wurde, die Heizungen oder den Kochherd abzustellen – das weiß jeder zu schätzen, dem hier auf der Fahrt in den Urlaub Zweifel kommen.“ Auf der Agenda hat MVV außerdem das Thema nachhaltige Mobilität – und zu diesem Zweck gemeinsam mit der MWSP „FRANKLIN Mobil“ ins Leben gerufen. „Wir bieten hier ein Carsharing-Konzept an – mit derzeit vier Elektro-Autos, zehn Elektrorollern und zwei Lastenrädern“, so Schumacher. Diese sind derzeit an der MVV-Nachbarschaftsoase „geparkt“, sollen aber in Zukunft auf dem ganzen Areal verteilt werden. „Wer sich für eine Wohnung in FRANKLIN entscheidet, entscheidet sich auch für bestimmte Rahmenbedingungen.
In FRANKLIN setzen wir auf eine umweltfreundliche Mobilität und den weitgehenden Verzicht auf eigene Pkw.“ Mit seinem nachhaltigen Mobilitätsund Energiekonzept ist FRANKLIN ein Vorzeigeprojekt, was auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie anerkennt. Das Quartier wurde in die bundesweite Initiative „Schaufenster Intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ aufgenommen. Setzt FRANKLIN doch die Grundidee des hier angesiedelten Projekts „C/sells“ ideal typisch um: Zunächst wird der vor Ort erzeugte Strom verteilt und verbraucht. Jede „Zelle“ des Energiesystems gleicht Erzeugung und Verbrauch aus und übernimmt so Verantwortung für das Gesamtsystem. Die klassische zentrale Stromversorgung sorgt als Rückfallebene.