OPAL

Schönste Blechbüchse der Quadratestadt

Farbenprächtig in Szene gesetzt: das OPAL von außen Foto: NTM

Während der Generalsanierung des Nationaltheaters spielt die Opernmusik im OPAL – der farbgewaltig illuminierten Ausweichspielstätte am Luisenpark.

Von Dieter Keller

Die Abkürzung OPAL steht für die „Oper am Luisenpark“, die Ersatzspielstätte für das Mannheimer Nationaltheater während der Generalsanierung des Hauses auf dem Goetheplatz. Für Kulturbürgermeister Thorsten Riehle ist es die „schönste Blechbüchse“ der Quadratestadt.

Das Nationaltheater gehöre zur „DNA Mannheims“, sagt Riehle – es sei ein identitätsstiftendes Grundelement der Stadtgesellschaft, und das schon seit 1777. Damals regte der kunstsinnige Kurfürst Karl Theodor den Bau zunächst als Schauspielhaus an. Eine große Stunde schlug im Januar 1782 mit der Uraufführung von Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“, auch wenn sich der Erfolg beim Publikum damals in Grenzen hielt.

Noch heute heißt der ehemalige Standort, das Quadrat B3, „Schillerplatz“. Allerdings ist dies heute ein grüner Park. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das NTM, wie es sich kurz nennt, nicht an gleicher Stelle wieder errichtet. Vielmehr entstand über dem Goetheplatz-Bunker östlich der Quadrate ein Neubau, entworfen vom Architekten Gerhard Weber, einem Schüler von Mies van der Rohe.

Doch die 1957 eingeweihte Spielstätte, die das große Haus für die Oper und das kleine für das Schauspiel unter einem Dach vereint, war in die Jahre gekommen: die Technik marode, der Brandschutz nicht mehr zeitgemäß. Weil das Gebäude schon seit Jahrzehnten unter Denkmalschutz steht, wurde die Sanierung nicht nur teuer, sondern auch zeitaufwändig. Im Jahr 2028 solle mit der 250. Spielzeit wieder am Goetheplatz gespielt werden, hat Riehle vorgegeben, ehrgeizig angesichts der Herausforderungen des Projekts. „Wenn alles klappt“, ergänzt der Geschäftsführende Intendant Tilmann Pröllochs vorsichtig.

Damit während dieser langen Zeit der Spielbetrieb weitergehen kann, brauchte das NTM Ersatz. Für die Oper wurde dafür ein Provisorium am Rand des Luisenparks erkoren, eben OPAL. Dieser älteste Stadtpark liegt verkehrsgünstig und nicht allzu weit von der Innenstadt entfernt. Eigentlich war die erste Premiere schon für Dezember 2022 angesetzt.

Doch dann entwickelte sich der Bau zu einem Drama der besonderen Art: Die europaweite Ausschreibung für die Errichtung der Halle hatte eine erfahrene Messebaufirma gewonnen – mit der Verpflichtung, sie nach der Rückkehr ins Stammhaus wieder abzubauen. Doch die Ausschreibungsgewinnerin meldete wenige Monate nach dem Baubeginn Ende 2022 Insolvenz an. Deshalb musste das NTM selbst fertigbauen. Letztlich dauerte das nicht nur fast zwei Jahre länger als geplant, es wurde auch teurer. Unterm Strich standen Baukosten von 25,4 Millionen Euro. So lange musste die Oper nach Ludwigshafen, Schwetzingen sowie in die Alte Schildkrötfabrik ausweichen.

Sternenglanz im Foyer des OPAL Foto: NTM

Als die ersten Proben vor der Eröffnung im Oktober 2024 starteten, fiel Opernintendant Albrecht Puhlmann ein Stein vom Herzen. „Ich bin beglückt, wie gut die Akustik ist“, sagt er. Für eine Leichtbauhalle sei das ganz erstaunlich. Dafür wurde ein spezialisiertes Akustikbüro eingeschaltet und einiger Aufwand getrieben: Gekrümmte Deckenreflektoren über dem Orchestergraben und den Publikumsreihen sorgen ebenso für die Weiterleitung des Schalls wie seitliche Wandreflektoren. Hinzu kommt ein elektronisches Raumakustiksystem, alles fein aufeinander abgestimmt und anpassbar auf die unterschiedlichsten Opern.

Der Orchestergraben bietet über 90 Musikerinnen und Musikern Platz, ebenso vielen wie im Stammhaus. Das macht selbst Wagner-Opern möglich, ob den „Lohengrin“ in einer Neuinszenierung in der Spielzeit 2025/26 oder „Parsifal“, eine Erfolgsinszenierung, die auch nach fast 70 Jahren noch auf dem Programm steht. Die Bühne­ ist 20 Meter breit und tief – genug Platz für eine Drehbühne und beinahe so groß wie im Haus am Goetheplatz. Allerdings gibt es keine Versenkungen, und der Bühnenturm ist deutlich kleiner. Vieles von der Technik – von den Scheinwerfern bis zur Beschallungsanlage – wurde von dort mitgenommen.

Von all dem Aufwand hinter den Kulissen bekommen die Zuschauer­ wenig mit. Das Gebäude ist schon von außen durch riesige Plakate­ von Inszenierungen nicht zu übersehen. Den ­Charakter eines Zweckbaus verleugnen auch Foyer und Zuschauerraum nicht, was dem Ganzen ein ganz besonderes Flair verleiht. Der Zuschauer­raum bietet rund 800 Plätze, etwa zwei Drittel der Kapazität des Stammhauses.

Es macht uns glücklich zu sehen, wie sehr das OPAL in wenigen Monaten zu einem Ort der Oper, der Musik und der Begegnung geworden ist.

Albrecht Puhlmann, Opernintendant des Nationaltheaters Mannheim
Foto: Christian Kleiner

Besondere Zierde des Foyers ist ein riesiger Kronleuchter aus dem ­großen Fundus, der von den Kulissenbauern für eine Aufführung der Monteverdi-Oper „Die Krönung der Poppea“ selbst angefertigt wurde – eine der vielen Stellen, auf die die Mitarbeiter besonders stolz sind. Im Foyer finden sich außerdem nicht nur Garderoben und Gastronomietheken. Es kann auch für Veranstaltungen mit bis zu 200 Besuchenden genutzt werden, etwa den beliebten Musiksalon oder Veranstaltungen der Freunde des Nationaltheaters. Dafür steht auf der Bühne ein Flügel.

Blaue Sitze und schwarze Wände prägen den Zuschauerraum. Für die Spielzeit 2025/26 stehen unter anderem Wagner-Opern, eine Neuinszenierung von Verdis „Nabucco“ und die Operette ­„Czárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán auf dem Programm. Auch Ballettaufführungen gibt es im OPAL. Nur für wenige Angebote wie Barockopern wird weiter das Schlosstheater Schwetzingen genutzt.

Dass alles nur für eine beschränkte Zeit eingerichtet wurde, ist im Backstage-Bereich unübersehbar: Er besteht aus 144 Standard-Bürocontainern, aufgestapelt in zwei Etagen. Hier finden sich Garderoben und Einsingzimmer, Maske-, Kostüm- und Technik-räume, Duschen und Aufenthaltsräume. Es geht zwangsläufig enger und hellhöriger zu als am Goetheplatz – eben ein Zweckbau, der schnell wieder abgebaut werden kann.

Genau das soll passieren, wenn das Stammhaus 2028 wieder fertig ist. Die OPAL-Leichtbauhalle soll möglichst an anderer Stelle eine neue Verwendung finden. Vielleicht wieder als Ausweich-Oper – der Sanierungsbedarf ist auch andernorts groß.