Reiter-Verein Mannheim | Das Pferd als Partner

Bei den Siegerehrungen ist Peter Hofmann, Vorsitzender des Reiter-Vereins Mannheim, natürlich stets dabei. Mit auf dem Foto zu sehen sind seine Stellvertreterin Dr. Christiane Berger-Kühn und auf dem Pferd Chefreitlehrerin Anica Fröhling. FOTO: BÖHLING

Der Reiter-Verein Mannheim bietet Spitzensport auf dem Maimarkt, aber auch viele Angebote für die Basis und setzt sich sogar für soziale Aufgaben ein.

VON ROLAND KERN

Elin ist ein zaghaftes Mädchen. Sie schaut den Menschen nicht gerne in die Augen. Manchmal zuckt die Vierjährige sogar zusammen, wenn Erwachsene laut sprechen. Bei Poldi verhält sie sich jedoch ganz anders. Das Mädchen und die gescheckte Ponystute schauen sich in die Augen. Wenn Elin das Fell des Tieres krault, lächelt sie glücklich. Sie fühlt sich nicht mehr einsam. Mit Menschen spricht sie selten, dem Pony vertraut sie ihre Geheimnisse an.
Szenenwechsel: Konzentriert trabt Michael Jung im Mannheimer MVV-Stadion im Mühlfeld in den Parcours. Seine braune Stute Chelsea spitzt die Ohren. Sie ist nur unwesentlich größer als die 1,60 Meter hohen Hindernisse der Springbahn. Wenn Pferde solche Höhen meistern, brauchen sie ein grenzenloses Vertrauen zu ihrem Reiter. Chelsea vertraut dem Mann im Sattel. Er ist der erfolgreichste deutsche Olympiareiter der vergangenen Dekade und gewann im Mai 2021 das traditionsreiche „Badenia-Springen“ in Mannheim.

Was haben Elin und Michael Jung gemeinsam? Beide lieben Pferde, beide haben eine Verbindung zum Reiter-Verein Mannheim. Das kleine Mädchen aus einem katholischen Kindergarten besucht das „tiergestützte Sprachförderprojekt für Kindergartenkinder“, das die Nähe zum Tier nutzt, um Selbstvertrauen und damit den Mut für die Aufgaben des Lebens aufzubauen. Und dazu gehört insbesondere das Sprechen, das durch die wunderbare Arbeit mit den Pferden deutlich verbessert und gekräftigt werden kann.

Und Michael Jung schätzt die großen Mannheimer Reitturniere mit optimalen Bedingungen, die weltweit zu den besten gehören. Das Pferd als Sozialpartner und Lehrmeister auf der einen – und als Sportpartner für Höchstleistungen auf der anderen Seite: Diesen Spagat leisten in ganz Deutschland nur wenige Vereine so engagiert und auch bewusst wie der Reiter-Verein Mannheim mit Sitz am Luisenpark. Das liegt vor allem an seinem Präsidenten Peter Hofmann, für den dieses breite Spektrum ein persönliches Anliegen ist. Der 71-jährige Unternehmer und Jurist ist seit fast 40 Jahren Vorsitzender des Reiter-Vereins Mannheim und genauso lange ist er Chef der international renommierten Maimarkt-Reitturniere. Zweimal – 1997 und 2007 – hat der Unternehmer die Europameisterschaften nach Mannheim geholt, 2015 den historischen 100. Nationenpreis auf deutschem Boden. Den „Mannheimer Reiterpräsidenten“ nennt man ihn, weil niemand so wie er für das Reiten in der Quadratestadt steht.
Hofmann stammt selbst aus Mannheim, aus der Neckarstadt. Mit 14 Jahren führte er auf dem Maimarkt das Schleifenpony zur Siegerehrung in die Bahn. Und da begann seine Faszination für das Pferd. Seine Verbundenheit gegenüber diesen Tieren und seiner Heimatstadt Mannheim, die ihm beide viel gegeben haben, machten ihn dankbar, er wollte etwas zurückgeben. Für beide ein Glücksfall, für das Pferd und für Mannheim.
Im Reiter-Verein Mannheim am Luisenpark stehen rund 70 Pferde und Ponys, etwa ein Drittel davon sind Vereinspferde, für den Reitunterricht bereit. Eine Chefreitlehrerin und mehrere Trainer kümmern sich um Reitschüler jeden Alters. Auch namhafte Turnierreiter nutzen die weitläufige Anlage in der Nähe des Fernmeldeturms mit ihren optimalen Trainingsbedingungen. Die übrigen privat untergestellten Pferde werden rundum versorgt.
Dabei weiß Peter Hofmann, wie Pferde auch den Menschen unterstützen können. Für das Pferd spielen der soziale Status, die Hautfarbe, die Religion oder das äußere Erscheinungsbild des Menschen keine Rolle, es nimmt die Seele wahr, den Charakter, und es geht darauf ein. Auch deshalb kooperiert der Vereinsvorsitzende mit der Katholischen Gesamtkirchengemeinde und stellt seine Ponys Mädchen und Jungen zur Verfügung, um sie in ihrer Entwicklung zu stärken, damit sie später in der Gesellschaft Fuß fassen können. Die Kindergärten sind Partner des Reiter-Vereins Mannheim in einem ganzheitlichen Projekt zur frühkindlichen Sprachförderung.
Auch physio- und heiltherapeutisches Reiten wird angeboten. Gerade hier hat Hofmann den Bogen gespannt zwischen Sozial- und Spitzensport. Auf seinem Maimarkt-Turnier tragen die besten „Para-Equestrians“ der Welt nun schon seit Jahren ihre Dressur-Nationenpreise aus. Dabei reiten Menschen mit den unterschiedlichen Handicaps auf sportlich sehr beachtlichem Niveau, bis hin zu Qualifikationen für paralympische Spiele.
Der Reiter-Verein Mannheim wurde übrigens 1926 von Mannheimer Industriellen gegründet, die sonntags gepflegt ausreiten wollten. Schon in den 1930er-Jahren fanden erste Turniere statt, seit den 1960er-Jahren im Rahmen des Maimarkts, seit 1985 auf dem Mühlfeld vor den Toren der Stadt.
Das Pferd spielt für die Mannheimer Geschichte auch deshalb eine zentrale Rolle, weil es bis ins 20. Jahrhundert hinein exklusiv für Mobilität stand. Mobilität, die in Mannheim mit der Erfindung des Fahrrades und später des Automobils entscheidend weiterentwickelt wurde. Ein Grund, warum die Reiss-Engelhorn-Museen im Rahmenprogramm zur Europameisterschaft 2007 eine Ausstellung über die Geschichte des Pferdes anboten.
Zur bloßen Fortbewegung werden die Vierbeiner heute nicht mehr gebraucht. Aber für so vieles andere. Sie bleiben der Partner des Menschen. Zu sehen im Reiter-Verein Mannheim.