Social Economy | Gesellschaftlicher Mehrwert durch soziale Innovationen

FOTO: STADT MANNHEIM

Bei der Stadt Mannheim steht die Förderung der Social Economy ganz oben auf der Agenda. Mannheims Wirtschaftsbürgermeister Michael Grötsch, Christiane Ram, Leiterin des Fachbereichs Wirtschafts- und Strukturförderung, und Dr. Jens Hildebrandt, Leiter des Fachbereichs Arbeit und Soziales, beschreiben die anstehenden Herausforderungen.

Im Mai 2021 richtete die Stadt Mannheim gemeinsam mit der Europäischen Kommission den wegweisenden European Social Economy Summit (EUSES) aus. Was hat die Stadt Mannheim dazu motiviert?
Michael Grötsch: In Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit besteht inzwischen Konsens, dass soziale Innovationen entscheidend sind, um gegenwärtige und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen wie die demografische Entwicklung, die Digitalisierung und den Klimawandel zu bewältigen. Durch technologische Innovationen allein lassen sich diese komplexen Problemstellungen nicht lösen. Wir benötigen beides.
Die Sozialwirtschaft Deutschlands wird geprägt durch die Wohlfahrtsverbände. Diese sind auf vielen Ebenen aktiv, kümmern sich um benachteiligte und sozial ausgegrenzte Menschen und setzen sich ganz allgemein für gerechte Lebensbedingungen ein. Wir müssen aber auch daran interessiert sein, Aktivitäten von sozialen Unternehmerinnen und Unternehmern, sogenannten Social Entrepreneurs, zu unterstützen, Kooperationsmöglichkeiten zwischen ihnen und der Wohlfahrtspflege aufzuzeigen und schließlich den Innovationstransfer in der Sozialwirtschaft insgesamt zu unterstützen.

Durch den European Social Economy Summit, der erfolgreich mit etwa 4.000 Teilnehmenden digital durchgeführt wurde, und die acht „Road to Mannheim“-Veranstaltungen im Vorfeld mit mehr als 4.500 Teilnehmenden ist es gelungen, das Profil der Sozialwirtschaft in Europa zu schärfen. Als Ergebnis des digitalen Kongresses ist die „Mannheim Declaration on Social Economy“ entstanden, ein Forderungskatalog der europäischen Sozialwirtschaft, der durch uns der EU-Kommission übergeben wurde. Die EU-Kommission kann nun politische Schritte unternehmen, die an den Bedürfnissen der Zielgruppe ausgerichtet sind. Das wird einen Schub für die Social Economy auch in Mannheim zur Folge haben und helfen, Innovationsprozesse anzustoßen und gesellschaftliche Herausforderungen besser bewältigen zu können.

Wie sehen Sie die Social Economy in Mannheim aufgestellt und wie beurtei- len Sie die Bedeutung dieses Bereichs für die zukünftige Entwicklung der Mannheimer Wirtschaft?
Grötsch: Das Aufkommen junger Social Economy-Unternehmen, also Gründungen, die mit Hilfe unternehmerischer Mittel einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, nimmt bundesweit deutlich zu – sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch in der absoluten Zahl. Unternehmen der Social Economy schaffen zudem nachhaltige Arbeitsplätze.

Seit 2017 machen die lokalen Akteure des Social Entrepreneurship in Mannheim auf sich aufmerksam. An den Hochschulen wurde das Thema mit neuen Aktivitäten ebenfalls verstärkt aufgegriffen. Schließlich beobachten wir lokal eine steigende Gründungsdynamik im Bereich des Social Entrepreneurship. Die Basis für ein Netzwerk und eine Zielgruppe, die eine unterstützende Infrastruktur ent- scheidend voranbringen kann, sind somit gegeben.

Der Fachbereich für Wirtschafts- und Strukturförderung der Stadt Mannheim stärkt die Social Economy durch den Aufbau eines zielgruppenorientierten Unterstützungssystems. Die Stadt Mannheim möchte als Treiber für gesellschaftliche Innovationen fungieren.

Welche Bedingungen findet die Social Economy in Mannheim vor und was tut die Stadt, um diesen Wirtschaftsbereich voranzubringen?
Christiane Ram: Seit nunmehr 20 Jahren haben wir ein zielgruppenorientiertes Start-up-Ökosystem in Mannheim aufgebaut. So sind Gründungs- und Innovationszentren für Frauen, Migrantinnen und Migranten, die Musik-, Textil- und Kreativwirtschaft, für die Medizintechnologie und für technologieorientierte Gründungen entstanden. Daneben wurden Netzwerke für die Zielgruppen aufgebaut, Beratungsangebote in der Sprache der jeweiligen Zielgruppe und Eigenprogramme, etwa zur finanziellen Unterstützung, entwickelt. Die Zielgruppen müssen dabei am Standort eine thematische Basis an den Hochschulen haben, bereits netzwerktaugliche Akteure und einen regionalen Absatzmarkt vorfinden sowie über eine Gründungsdynamik verfügen. Ende 2017 fragten lokale Akteure der Social Economy erstmals nach Fördermöglichkeiten. Wir stellten fest, dass alle vorgenannten Zielgruppenmerkmale vorlagen und entwickelten erste Schritte zum Aufbau von Unterstützungsangeboten im Bereich der Social Economy.

Können Sie dafür einige Beispiele nennen?
Ram: Wir sind seit 2019 Jahren Mitglied im europäischen ESER-Netzwerk (European Social Economy Regions) und vernetzen uns aktiv mit anderen Kommunen, um von ihnen Best Practice-Beispiele in der Unterstützung von Social Economy kennenzulernen.
Ab 2019 wurde das „Netzwerk Sozialwirtschaft“ aufgebaut. Zur bereits beschriebenen Kerngruppe kamen Vertreterinnen und Vertreter der Wohlfahrtseinrichtungen, mit insgesamt über 8.000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in Mannheim, sowie der städtische Fachbereich Arbeit und Soziales hinzu.

2020 wurde zum ersten Mal der Mannheimer Existenzgründungspreis in der Kategorie Social Economy vergeben. 2021 ging der MEXI in dieser Kategorie an das Unternehmen Vision Domes (siehe Seite 74).
Unser städtisches Zuschussprogramm „KREATECH“ konnte durch die Hinzunahme der Zielgruppe Social Economy zu „KREASOCTECH“ erweitert werden. Eine direkte finanzielle Unterstützung von Unternehmen der Social Economy ist nun möglich. Außerdem erstellte die Wirtschaftsförde-rung das Konzept eines landesweiten Social-Economy-Acceleratorenprogramms, das die Entwicklungsmöglichkeit sogenannter Social Start-ups an den Standorten Mannheim, Freiburg und Stuttgart für das Land verbessern soll. Hier prüfen wir derzeit Finanzierungsoptionen.

Wie beurteilt die Stadt Mannheim das Potenzial der Social Economy für die aktuelle Sozialpolitik?
Dr. Jens Hildebrandt: Unter dem Obergriff der Social Economy existiert eine vielschichtige Szene unterschiedlicher Start-ups, Non-Profit-Unternehmen, Firmen und sozialwirtschaftlicher Akteure. Ihnen ist allen gemeinsam, dass sie soziale Innovation und ökonomisches Handeln nicht als Widerspruch begreifen. Gleichzeitig sind die wenigsten dieser Unternehmen von Profitstreben und Gewinnmaximierung getrieben, sondern nutzen die Methoden und Kompetenzen unternehmerischen Denkens und Handelns, um soziale Ziele effektiv und effizient zu verfolgen. Die neuen Akteure der Social Economy sind programmatisch flexibel, definieren sich weniger über den sozialpolitischen Auftrag, sondern stärker über den sozialpolitischen Erfolg. Aufgrund ihrer hohen Agilität, Innovations- und Anpassungsfähigkeit nutzen sie ihre Marktchancen insbesondere in den Segmenten, in denen die klassischen Akteure der Sozialwirtschaft bisher wenig Kompetenzen entwickelt haben. Beispielsweise fordern sie durch alternative Zielgruppenansprachen, die Entwicklung digitaler Assistenzsysteme oder den Aufbau unkonventioneller Versorgungssysteme die tradierten Akteure der Sozialpolitik und -verwaltung mit unkonventionellen Blickwinkeln heraus, neue Antworten auf die Fragen der „Hilfe zur Selbsthilfe“ und Prävention zu geben.
Gerade die Coronakrise zeigte, dass wir in den aktuellen Herausforderungen unserer Zeit neue Ideen brauchen. Nicht zuletzt die Erfahrungen während der Hochphase der Pandemie haben verdeutlicht, dass das gemeinsame Handeln zusammen mit der Sozialwirt- schaft eine entscheidende Rolle zur Bewältigung der Krise spielen kann.

Wie kann die Stadt Mannheim hier helfen?
Hildebrandt: Die Bedeutung der Sozialwirtschaft wird auch in Zukunft wachsen. Beispielsweise können durch geschickte Zusammenarbeit von Verwaltung, Wohnungsbauunternehmen, Sozialdiensten oder bürgerschaftlichen Initiativen Präventionsstrukturen geschaffen werden, die einen Umzug älterer und pflegebedürftiger Menschen in ein Pflegeheim verhindern, um unsere Zielsetzung „ambulant vor stationär“ lebenswirklich zu verankern.
Die öffentliche Hand kann durch Förderung und Ermutigung sozialer Aktivitäten gesellschaftliche Potenziale freisetzen und neue Ermöglichungsräume schaffen. Die Stadt Mannheim finanzierte über das Zuschusswesen des Fachbereichs Arbeit und Soziales die Arbeit vieler verschiedener Träger und Non-Profit-Körperschaften im Jahre 2020 mit fast vier Millionen Euro. Hinzu kamen weitere erhebliche Zuschüsse von anderen Fachbereichen. Bei Förderentscheidungen sollten wir stets das Verhältnis von begrenzten öffentlichen Finanzen, alternativen Konzeptideen und evidenten Erfolgen berücksichtigen. Wenn die Social Economy wirkungsvolle Methoden und effiziente Instrumente zur Stärkung der „Selbsthilfe“ bereitstellt, dann wird sie ihren Beitrag zur Verwirklichung des Leitbildes Mannheim 2030 leisten können.