Universität Mannheim

Mit der Wissenschaft ins Gespräch kommen

Philipp Müller (r.) spricht in der Odeon-Bar mit Fabio Kratzmeier (l.) über Filterblasen und Algorithmen.
Foto: Catharina Zelt

Die WISSENsdurst-Reihe der Universität Mannheim bringt die Wissenschaft dorthin, wo Menschen ins Gespräch kommen – in die Bars der Stadt.

Von Catharina Zelt

Kräftig schüttelt ein Barkeeper den Cocktail-Shaker im gedämpften Licht der Odeon-Bar. Mit fließenden Bewegungen gießt er den Drink in ein Glas und garniert ihn mit drei aufgespießten Oliven. Gäste nippen an ihren Getränken. Die Bar folgt an diesem Sommerabend ihrem vertrauten Ritus – zunächst. Doch nach und nach kommen immer mehr Menschen herein — Studenten, Ehepaare und Freundinnen, die sich zusammen einen schönen Abend machen wollen. Innerhalb weniger Minuten hat sich die kleine Bar in den Mannheimer Quadraten fast bis auf den letzten Platz gefüllt.

In einer Ecke sitzt Philipp Müller, akademischer Rat am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Mannheim. Er ist an diesem Abend Teil der WISSENsdurst-Reihe, deren Anliegen es ist, Forschungsergebnisse und Wissen aus der Uni herauszutragen.

„Wissenstransfer ist eine der Kernaufgaben der Uni“, erklärt ­Moritz Klenk aus der Abteilung Kommunikation der Universität, der hier auch die europäische Hochschulallianz ENGAGE.EU betreut. ­Gemeinsam mit seinem Kollegen Fabio Kratzmaier stellt er das Format der Bargespräche auf die Beine. Dabei kommen verschiedene Professoren und Dozenten etwa alle ein bis zwei Monate in ­lockerer Atmosphäre ins Gespräch mit der Bevölkerung: „Wenn man die Menschen erreichen möchte, dann muss man vor Ort anfangen – in die Stadt hinein“, sagen die beiden Kollegen. Es sei wichtig, nicht in einem Elfenbeinturm zu forschen, sondern Ergebnisse über die Universität hinaus zu kommunizieren und als ­Mannheimer Einrichtung dabei vor allem die Menschen in der Quadratestadt zu adressieren.

„Gerade in Zeiten von zunehmender Wissenschaftsskepsis ist es uns ein Anliegen zu zeigen, wie wir empirisch forschen und vor allem auch woran“, betont Moritz Klenk. Im Vorhinein überlegen er und sein Kollege sich, welche Themen für eine breite Öffentlichkeit interessant sein könnten. Dabei ist ihnen eine Mischung aus verschiedenen Fachbereichen wichtig. „Die Bargespräche sind ein offenes Format: Man braucht kein Vorwissen und Fragen zu stellen ist explizit erwünscht“, sagt Klenk. Der Austausch stehe im Vordergrund.

Ausgangspunkt ist bei jeder Ausgabe zunächst ein kurzer Impulsvortrag. Weil er selbst viel zum Thema Medienwandel forscht, dreht sich an diesem Abend bei Philipp Müller alles um die sogenannte Filterblase. Suchmaschinen und soziale Medien, so erzählt er, beeinflussten unsere Sicht auf die Welt. „Aber wer entscheidet, was wir auf den Bildschirmen angezeigt bekommen? Liegt die ganze Macht allein bei Algorithmen, die uns vor allem Inhalte ausspielen, die unsere Meinung bestätigen?”

Müller und sein Team forschen seit mehreren Jahren zu Filterblasen, die in so einem Fall entstehen — oder auch nicht. Denn so einfach ist es dann doch nicht. Die Wissenschaft hat gezeigt: Algorithmen erzeugen entgegen der Annahme vieler Internetnutzer tatsächlich keine homogenen Meinungsfelder. „Wir sorgen uns also um Probleme, die gar nicht da sind, und sehen andere Herausforderungen wiederum nicht“, erklärt der Medien- und Kommunikationsforscher. An diesem Beispiel erklärt er, welchen Nutzen empirische Studien für die Gesellschaft haben können.

„Online gibt es aber dennoch geschlossene Räume, und zwar in Form von Echokammern“, berichtet Müller. „Sie entstehen, weil Menschen von sich aus nur das abonnieren, was sie interessant ­finden. Dafür sind allerdings nicht die Algorithmen verantwortlich;­ die Echokammern sind menschengemacht.“

Philipp Müller von der Universität Mannheim berichtet über eine aktuelle Studie.
Foto: Catharina Zelt

Bei den Besuchern stößt das Thema auf großes Interesse. Ob Echokammern auch positiv sein können, möchte eine Zuhörerin wissen. Ein Mann dagegen wirft die Frage in den Raum, ob soziale Medien sich so selbst abschaffen. Und eine Studentin hätte gerne Tipps für die eigene Bildschirmnutzung. Moderiert von Fabio Kratzmaier entsteht so eine Diskussionsrunde, die verschiedene Aspekte des Kurzvortrages aufgreift und zum Nachdenken anregt.

„Die erste Bilanz zu unserer WISSENsdurst-Reihe fällt auf jeden Fall sehr ­positiv aus“, resümiert Moritz Klenk. Alle Bargespräche seien sehr gut besucht gewesen – etwa jenes mit Professorin Carmela Aprea zu Neo-Brokern und Aktienhandel oder das von Professorin Jutta Mata, die Essgewohnheiten auf den Prüfstand gestellt hat. Viele der Besucher hätten einen akademischen Hintergrund — hier wolle man noch mehr die breite Bevölkerung ansprechen. Deshalb verlangen die Organisatoren auch weder Anmeldung noch Eintrittsgeld. Das ist möglich, weil die Reihe vom Programm „Wissen bewegen“ der Universität Mannheim gefördert wird. So können Barmiete und Werbemittel finanziert werden.

„Wir möchten die Bargespräche gerne als festes Format in der Innenstadt etablieren“, blickt Klenk in die Zukunft. Perspektivisch soll es dann auch in andere Stadtteile gehen. Denn was mit einem Cocktail in lockerer Atmosphäre beginne, werde mit der WISSENsdurst-Reihe zu einem Abend mit guten Gesprächen und Denkanstößen. Dafür braucht die Wissenschaft keinen Elfenbeinturm, sondern eine öffentliche Bühne – und manchmal eben auch eine Bar.

Die Besucher diskutieren fleißig mit.
Foto: Catharina Zelt