Verein „Geschichte Alt-Neckarau“

Eine Heimat für Schildkrötpuppen

Über 800 Schildkröt­puppen umfasst die Sammlung des Vereins „Geschichte Alt-­Neckarau“.
Foto: Elsa Hennseler-Etté,­ entnommen aus dem
Buch „Puppensammlung Neckarau“, Verlag Waldkirch, 2012

Vom Mannheimer Stadtteil Neckarau aus gingen sie in die ganze Welt: die Schildkrötpuppen. Beim Verein „Geschichte Alt-Neckarau“ haben sie eine Heimat gefunden.

Von Ulla Cramer

Es war im Jahr 1945, als sich die fünfjährige Ursula gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in Danzig auf die Flucht vor der Roten Armee in Richtung Westen vorbereitete.­ Mehrere Rucksäcke mit dem Nötigsten standen fertig gepackt ­bereit. Doch auf eines wollte die Kleine auf keinen Fall verzichten – ihre Puppe Erika. Heimlich packte sie einen Rucksack wieder aus, um Platz für ihr Lieblingsspielzeug zu schaffen, das sie auf ihrem gesamten Weg bis in ihre neue Heimat in Baden-­Württemberg begleiten sollte.

Dort baute sie ein neues Leben auf, heiratete, gründete eine Familie – und Erika war stets an ihrer Seite. Als Ursula 88 Jahre alt war, machte sie sich jedoch Gedanken um die Zukunft ihrer Puppe, suchte nach einem sicheren Platz – und ihr Mann brachte Erika an ihren Produktionsort nach Mannheim, wo er ihre Geschichte Marga Steiner und Irene Gärtner vom Verein „Geschichte Alt-Neckarau“ erzählte. „Der alten Dame war es wichtig, die Puppe, die ihr so sehr am Herzen lag, wieder an den Ort zurückzubringen, wo sie ihren Ursprung hatte“, erinnern sich die beiden Frauen. „Nun hat sie einen Ehrenplatz in unserer Puppen-Ausstellung gefunden.“

Rund 200 Schildkrötpuppen haben sie im Ratssaal des Neckarauer Rathauses in Vitrinen zu einer attraktiven Ausstellung zusammengestellt. Etwa 600 weitere Schildkrötpuppen sowie vielfältiges Zubehör lagern in weiteren Räumen unter dem Dach des Rathauses. Zahlreiche zu Herzen gehende Geschichten haben Marga Steiner und Irene Gärtner von Puppenmüttern erfahren und in einem 2012 erschienenen Buch veröffentlicht.

„Gerade in den letzten Jahren kommen verstärkt Frauen zu uns, um uns ihre Schildkrötpuppen anzuvertrauen“, wissen die gebürtigen Neckarauerinnen. „Sie möchten die Puppen, die ihnen so viel bedeuten, in sichere Hände geben.“ In Neckarau stand die Wiege der Schildkrötpuppen. Im Jahre 1873 wurde dort die Firma „Rheinische Hartgummiwarenfabrik“ gegründet, die 1883 in „Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik“ umbenannt wurde und in der viele Bewohner des Stadtteils ihren Arbeitsplatz hatten. 26 Jahre nach der Gründung wurden dort die ersten Puppen aus dem neuen Material Celluloid hergestellt, eine absolute Neuerung, durfte man doch mit ihnen spielen und konnte sie abwaschen. Und im Gegensatz zu Porzellan waren sie zudem bruchsicher, wenn sie denn einmal aus der Hand fielen.

Wurden erst einmal nur die Köpfe der Puppen aus Celluloid ­hergestellt, fertigte man nach und nach auch die Ellbogen, Hände und Unterschenkel aus Celluloid, endlich dann auch den gesamten Korpus. Und die Puppen aus Neckarau waren ein Verkaufsschlager. Zur Hochzeit des Schildkrötpuppen-Booms in den 1930er-Jahren rissen sich die kleinen Mädchen um die Modelle mit den Namen Inge, Hans, Bärbel, Christel und das Puppenbaby Strampelchen. Marga Steiner und Irene Gärtner können diese auch heute noch gut auseinanderhalten: „Erkennen kann man die unter­schiedlichen Modelle in erster Linie an ihren Frisuren – ­Bärbel hatte beispielsweise eine Schneckenfrisur, die damals sehr beliebt war, und Inges Haare waren unten eingerollt.“

1975 war es dann allerdings vorbei mit der Produktion der Schildkrötpuppen in Mannheim. Heute werden sie nur noch in Thüringen hergestellt – als Replica für Sammler.