Vom ersten Automobil bis zum Bulldog
Die Erben der Pioniere
von Ulla Cramer

Im Jahr 1908 eröffnete Carl Benz seine neue Fabrik im Mannheimer Stadtteil Waldhof, wo heute Motoren und Busse für Daimler gefertigt werden. Fotos: Daimler

Seit den Geburtsstunden von Automobil und Traktor zählen Daimler, seine hundertprozentige Tochter EvoBus und John Deere zu den größten Arbeitgebern in Mannheim. Die Unternehmen stehen für die wegweisenden Erfindungen der großen Mannheimer Industriepioniere.Es war ein warmer Abend im August des Jahres 1888, als eine 39-jährige Dame mit zwei Jungen im Alter von 13 und 15 Jahren mit viel Geratter auf einem dreirädrigen Gefährt in Pforzheim einfuhr und auf dem Leopoldplatz vor dem Hotel Post zum Stehen kam. Damals konnten weder die Beteiligten noch die erstaunten Zuschauer ahnen, dass in diesem Moment Geschichte geschrieben worden war.

Es war die erste Fernfahrt der Welt mit einer pferdelosen Kutsche, die an diesem lauen Sommertag nach vielen Abenteuern zu Ende ging. Sie hatte einen ganzen Tag gedauert und von Mannheim nach Pforzheim geführt – eine Strecke von weniger als 100 Kilometern, die wir heute in einer knappen Stunde zurücklegen. Die erste Frau am Steuer hieß Bertha Benz. Zwei Jahre, nachdem ihr Mann Carl Benz sich seine Erfindung hatte patentieren lassen, hatte sie die Generalprobe für die Mobilität der Zukunft erfolgreich absolviert.

Carl Benz und Mannheim – das ist eine lange Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen. Gerne wird der Erfinder in einem Atemzug mit Gottlieb Daimler genannt, der gleichfalls ein Vorreiter im Motorenbau war. Doch die beiden Automobilpioniere gingen völlig unterschiedliche Wege. Während Daimler die vielfältige Verwendbarkeit seines schnell laufenden Verbrennungsmotors unter Beweis stellen wollte, verfolgte Benz von Anfang an die Vision eines pferdelosen Wagens. Benz wollte also zielgerichtet ein sich selbst bewegendes „Automobil“ auf die Straße bringen.

Doch bis es soweit war, musste der besessene Techniker Benz gewaltige Probleme lösen. Zunächst galt es, einen völlig neuen Motor zu konstruieren, der die Leistung der gängigen Gasmaschinen bei Weitem übertraf. Ein volles Jahr lang beschäftigte sich Benz mit dem neuen Motor, war genervt durch Rückschläge. Erst im Frühjahr 1885 war es dann soweit, der erste Motorwagen stand betriebsbereit auf dem Hof der kleinen Werkstatt im Quadrat T6,11.

Schon 1887 zog die aufstrebende Aktiengesellschaft Benz & Cie. dann auf ein größeres Areal um, baute allerdings zunächst vor allem stationäre Motoren. Doch schnell entwickelte sich das Auto zum Erfolgsschlager und avancierte zum Kerngeschäft. Bereits 1897 wurde der 1.000. Benz-Pkw gebaut, anno 1900 verließen innerhalb Jahresfrist 603 Karossen die Werkshallen. Benz & Cie. war damit die größte Automobilfirma der Welt.

1908 wurde das heutige Mercedes-Benz Werk Mannheim in Mannheim-Waldhof auf dem Luzenberg gegründet. Über 5.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter produzieren heute an diesem Standort Motoren und zugehörige Komponenten für alle Nutzfahrzeug-Sparten von Daimler weltweit. Die Gießerei im Werk gehört zu den global führenden Herstellern von Fahrzeuggusselementen aus Eisen. Im sogenannten Europazentrum für die Tauschmotorenfertigung werden darüber hinaus Motoren für Nutzfahrzeuge und Personenkraftwagen aufbereitet. Und die Weichen für die Zukunft sind gestellt. In den nächsten Jahren investiert Daimler am Lkw-Standort einen zweistelligen Millionenbetrag in den Ausbau der Produktion sowie in die technologische Weiterentwicklung im Bereich der emissionsfreien Mobilität für die Kapazitätserweiterung bestehender Produktionsgewerke (Gießerei und Motorenfertigung) sowie für neue Produkte. Insgesamt belaufen sich die Investitionen zwischen den Jahren 2014 und 2020 in Mannheim auf rund eine Milliarde Euro.

Durch sein Kompetenzcenter für emissionsfreie Mobilität (KEM), das inzwischen mit Unterstützung der Mannheimer Wirtschaftsförderung auf dem Konversionsareal Taylor angesiedelt wurde, ist der Standort für die Entwicklung und Produktion von alternativen Antrieben prädes­tiniert. Seit 1994 entwickeln und arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort unter anderem an Hochvolttechnologien.

Rund 3.500 Mitarbeiter sind zudem im Omnibuswerk der Bus-Sparte von Daimler beschäftigt, in dem Zukunftstechnologien ebenfalls ganz oben auf der Agenda stehen. Der vollelektrisch angetriebene eCitaro aus dem Mannheimer Werk rollt jetzt schon auf einigen Strecken der Metropolregion Rhein-Neckar, vor allem in Mannheim und Heidelberg. Ein weiterer Schritt wird für 2022 erwartet, wenn der schnittige Bus mit einer Brennstoffzelle als „Range Extender“ ausgerüstet wird. Zwischenladungen und die dafür notwendige Infrastruktur sind dann weitgehend überflüssig (siehe auch Seite 20). „In unserem Werk in Mannheim sind die Weichen für die Zukunft gestellt. Hier produzieren wir den lokal emissionsfreien Stadtbus eCitaro und leisten damit einen wichtigen Beitrag für die Luftreinhaltung in Städten und Ballungsräumen. Gleichzeitig übernehmen wir Verantwortung für unseren Produktionsstandort in Mannheim“, betont Till Oberwörder, Leiter Daimler Buses.

Doch auch in der Landwirtschaft brachte eine Mannheimer Erfindung die Mobilität signifikant voran. Schon 1909 schloss die Firma Heinrich Lanz mit Johann Schütte einen Vertrag zum Bau von Luftschiffen, doch es war ein anderes Fahrzeug, mit dem das Unternehmen durchstartete. „Bulldog“ sagen noch heute viele, wenn sie vom Traktor sprechen. Den Prototyp dieses Schleppers aus Mannheim präsentierte Lanz 1921 auf der Landwirtschaftsausstellung in Leipzig. Konstruiert hatte den Kleintraktor mit dem gedrungenen Aussehen der Ingenieur Fritz Huber (1881 – 1942), seit 1916 beim „Lanz“ in Diensten. Sein 12-PS-Rohölschlepper hatte einen Einzylinder-Zweitakt-Motor mit Glühkopf-Zündung und nur einen Gang, getreu Hubers Überzeugung, dass eine Landmaschine einfach und robust zu sein hatte.

Der Erfolg gab ihm Recht: Bis Ende der 1950er Jahre verkauften die Mannheimer zahlreiche Leistungsvarianten des Bulldogs in alle Welt. Dann lösten Traktoren mit Viertakt-Dieselmotor das alte Bauprinzip ab, die Lanz AG wurde 1956 vom US-amerikanischen Landmaschinenbauer John Deere übernommen. Rund 3.700 Mitarbeiter beschäftigt John Deere heute in Mannheim und produzierte in seinem größten Werk außerhalb der USA 2018 über 27.100 Traktoren. 

Auch in der Landwirtschaft gewinnt die Elektrifizierung an Bedeutung. Unter der Motorhaube des Traktors „SESAM“ sitzt ein großer Lithium-Ionen-Akku. Anstelle der üblichen Sechszylinder treiben den SESAM-Trecker zwei Elektromotoren an, die in der Summe bis zu 400 PS leisten. Und auch ein selbstfahrender elektrischer Traktor ohne Batterie ist bei John Deere am Start. Seinen Strom erhält der GridCon über ein Kabel. Ein intelligentes Wickelsystem verhindert die Beschädigung des Kabels. 

Doch die Karriere von Mannheim als Mobilitätsstadt begann schon viel früher. Mit der Erfindung der zweirädrigen Laufmaschine durch Karl Drais startete in der Quadratestadt die Erfolgsgeschichte des Fahrrads. Am 12. Juni 1817 brach Drais zu seiner ersten dokumentierten Zweiradfahrt auf, die vermutlich vom Mannheimer Schloss aus über die einzige befestigte Straße zum Schwetzinger Relaishaus führte. Diese rund sieben Kilometer entfernte Poststation zum Pferdewechsel lag an der damals besten „Chaussee“ in Baden. Karl Drais benötigte für die Hin- und Rückfahrt nur eine knappe Stunde. Er erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h und fuhr damit aus eigener Kraft schneller als eine Postkutsche.

Aber Drais profitierte nicht von seiner Erfindung. Er starb im Dezember 1851 – mittellos. Danach verschwand der ideenreiche Erfinder erst einmal aus der Erinnerung – sogar sein 150. Todestag verging, ohne dass Drais‘ Schaffen gedacht wurde. Der 200. Geburtstag der Jungfernfahrt wurde 2017 in Mannheim jedoch groß gefeiert. Und seitdem verwandelt sich jeden Juni unter dem Motto „Monnem Bike“ die Stadt zu einem Paradies für Radfahrer mit Mitmach- und Vorführflächen und einer großen Radparade.