Wettbewerb um Mitarbeiter

Mannheim hat die Nase vorn

Erfahrene Fachkräfte wie hier bei der Qualitätskontrolle werden in Unternehmen sehr geschätzt. Foto: stock.adobe.com

Auch oder vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gehört das Finden und Halten qualifizierter Mitarbeiter zu den wichtigsten Herausforderungen für Unternehmen. Das gilt insbesondere in einer alternden Gesellschaft. Betriebe in Mannheim haben hier einen Vorteil.

Von Dieter Keller
Für Mannheim als Standort spricht aus Sicht von Unternehmen ein zentraler Vorteil: Mitarbeiter seien hier leichter zu finden als in anderen Großstädten. „Mannheim steht im Wettbewerb um Fachkräfte deutlich besser da als viele andere Regionen“, sagt Eduard Brüll, Arbeitsmarktexperte am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Für das Mannheimer Stadtmarketing hat er eine Studie verfasst und kommt zum Ergebnis: „Der Arbeitsmarkt ist gut vernetzt, dynamisch und profitiert von der Nähe zu Hochschulstandorten und zu den Arbeitsmärkten in Frankfurt und Stuttgart.“­ ­Besonders im mittleren und ­höheren Qualifi­kationssegment zeige sich, dass Mannheim im Vergleich zur gesamten Bundesrepublik noch deutlich mehr R­ekrutierungsspielräume habe.

Das Humankapital ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg von Unternehmen. Der Begriff klingt sehr theoretisch-wissenschaftlich. Doch dahinter steckt nichts anderes als die Summe der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, ihrer Fähigkeiten und Motivation.

Begeben wir uns auf eine kleine Reise durch die Arbeitswelt in Deutschland. Der Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt zeigt immer wieder erstaunliche Entwicklungen und Widersprüche, gerade auch angesichts der anhaltenden Wirtschaftsschwäche. So kletterte die Zahl der Erwerbstätigen Jahr für Jahr auf ein neues Rekordniveau. 2024 erreichte sie 46,1 Millionen Personen, 120.000 mehr als im Jahr zuvor. Ende des Jahres lebten fast 83,6 Millionen Menschen in Deutschland, schätzt das Statistische Bundesamt, knapp 100.000 mehr als ein Jahr zuvor. Allerdings hatte die Nettozuwanderung im Jahr zuvor noch 340.000 Personen erreicht.

Mannheim steht im Wettbewerb
um Fachkräfte deutlich besser da als
viele andere Regionen.

Eduard Brüll,
Arbeitsmarktexperte am ZEW – Leibniz-Zentrum
für Europäische Wirtschaftsforschung

Dagegen hat sich der Fachkräftemangel in Deutschland wegen der bereits seit einiger Zeit schwachen Konjunktur aktuell deutlich ­abgeschwächt. So gaben laut ifo Institut im Januar 2025 noch 28,3 Prozent der befragten Unternehmen an, von einem Mangel an qualifizierten Fachkräften behindert zu werden. Im Jahr 2022 lag diese Zahl bei knapp 50 Prozent.

Die aktuelle Wachstumsschwäche wirkt sich auch auf die Beschäftigung aus. Zwar rechnet das wissenschaftliche Institut der Bundesagentur für Arbeit weiter mit einem Beschäftigungsaufbau oder wenigstens einer Stagnation. Allerdings ist dafür inzwischen vor allem der Staat verantwortlich. Insbesondere in den Bereichen Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit wird weiter Beschäftigung aufgebaut.

Dagegen bauen wichtige Industriezweige wie Chemie- und Autoindustrie Stellen ab. Einige Unternehmen verlagern ihre Produktion ins Ausland – im Jahr 2025 waren es fast ein Viertel der von ihrem Branchenverband befragten Chemieunternehmen. Laut einer DIHK-Umfrage aus 2025 planten 43 Prozent der Unternehmen in Deutschland, in naher Zukunft Stellen zu streichen. Besonders betroffen: energieintensive Branchen, Automobil- und Chemieindustrie und der Einzelhandel.

Diese Entwicklung spiegelt sich in den Arbeitsmarkt-Zahlen der Bundesagentur für Arbeit wider: Die Arbeitslosigkeit steigt, die Zahl der offenen Stellen geht zurück. Im August 2025 stieg die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit Februar 2015 über drei Millionen. Schon die demografische Entwicklung spricht nach Analyse der Förderbank KfW allerdings dafür, dass der Fachkräftebedarf wieder zunimmt, wenn sich die konjunkturelle Lage verbessert.

Langfristig ist klar: Der Arbeitsmarkt schrumpft. Die Zahl der Menschen im Erwerbsalter zwischen 20 und 66 Jahren sinkt, ­so die Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamts. Die große Unbekannte ist dabei die Entwicklung der Zuwanderung, denn ­zumindest zum Teil füllen bereits heute ausländische Arbeitnehmer­ die demografische Lücke: Laut Statistik der ­Bundesagentur für ­Arbeit hatten in 2024 immerhin 16 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten keinen deutschen Pass, gegenüber ­sieben Prozent im Jahr 1999.

Kehren wir zurück in die Betriebe, und das auf Bundesebene. Immer mehr Frauen sind erwerbstätig: 2024 waren es 74 Prozent der 15- bis 64-Jährigen, so das Ergebnis des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts. 2005 waren es erst knapp 60 Prozent. Bei den Männern stieg der Anteil in dieser Zeit von 72 auf 81 Prozent. Allerdings arbeiten Frauen immer noch sehr viel häufiger in Teilzeit: Bei ihnen liegt der Anteil aktuell bei fast 49 Prozent und damit fünf Prozentpunkte höher als 2005, bei den Männern sind es zwölf Prozent, ebenfalls ein Anstieg um rund fünf Prozentpunkte. Unter Müttern liegt die Teilzeitquote bei 68 Prozent, unter Vätern nur bei acht Prozent.

Dass der Fachkräftemangel ein immer größeres Problem wird, zeigt das Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der BA (IAB), für das jährlich 15.000 Betriebe befragt werden: 2024 klagten 64 Prozent über Schwierigkeiten, Fachkräfte zu bekommen. 2014 waren es nur 30 Prozent – innerhalb von zehn Jahren mehr als eine Verdoppelung. Aber auch die Suche nach Arbeitskräften für einfache Tätigkeiten wird schwieriger: Aktuell sehen hier 36 Prozent Probleme; vor zehn Jahren waren es nur halb so viele.

Eine Kehrseite des Mitarbeitermangels sind steigende Gehälter: Die Unternehmen müssen ihren Beschäftigten mehr zahlen, um sie zu sich zu holen und im Betrieb zu halten. Aktuell sprechen davon 55 Prozent; vor zehn Jahren waren es erst 18 Prozent.

Aktuell liegt die Teilzeitquote
unter Müttern bei

68 %,

unter Vätern bei nur

8 %.

Quelle: Statistisches Bundesamt

Die Arbeitsproduktivität in Deutschland nimmt langfristig gesehen deutlich zu: Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde lag 2024 um 46 Prozent höher als 1991. Bezieht man dies auf die Zahl der Erwerbstätigen, erreichte das Plus nur 25 Prozent. Das zeigt: Die Deutschen arbeiten weniger Stunden, sie haben also mehr Freizeit. In den letzten Jahren stagnierte die Produktivität pro Stunde, 2023 ging sie sogar leicht zurück. Ein Grund dafür war, dass die Betriebe wegen des zunehmenden Fachkräftemangels auch in wirtschaftlich ungünstigen Zeiten Mitarbeiter halten.

Obwohl sich Deutschland seit Ende 2022 in einer Rezession befindet, hat die Fluktuation in den Betrieben nicht zugenommen. 2024 verzeichneten 29 Prozent der Betriebe Personalabgänge. Im Jahr 2022 waren es 31 Prozent, ergab das IAB-Betriebspanel. Der Anteil der Betriebe mit Zugängen lag etwas höher. Nach der Analyse der Forscher wurde in den konjunkturstarken Jahren 2013 bis 2019 verstärkt Personal eingestellt, und Beschäftigte haben den Arbeitgeber häufiger gewechselt. In den Corona-Jahren 2020 und 2021 ging diese Fluktuation jedoch deutlich zurück, bevor sie sich wieder auf Vorcorona-Niveau einpendelte.

Zum Faktor Mensch gehört auch der Krankenstand: 2023 war er mit 6,1 Prozent besonders hoch. Jeder Arbeitnehmer fehlte in diesem Jahr im Schnitt 15,2 Tage. Vor ­Corona waren es deutlich weniger, 2019 beispielsweise 10,9 Tage.

Zurück nach Mannheim: Hier registrierte­ das Statistische Landesamt im Jahr 2023 insgesamt 198.600 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, fast ein Viertel mehr als 1999. Seither gab es einen weitgehend kontinuierlichen Aufbau – und eine ­erhebliche Altersverschiebung: Die Zahl der Beschäftigten unter 25 stieg nur leicht auf 18.600. Auch bei den 25- bis 45-Jährigen gab es nur eine kleine Zunahme auf 92.600.

Ganz anders sah es bei den Älteren über 45 aus: Ihre Zahl stieg um über 60 Prozent auf 87.500. Das zeigt die Alterung der Belegschaften. An den Zahlen ist auch eine zunehmende Akademisierung abzulesen: 26 Prozent hatten 2023 einen akademischen Berufsabschluss, mehr als doppelt so viele wie 1999. Dagegen blieb die Zahl der Arbeitnehmer mit einem anerkannten Berufsabschluss mit rund 105.400 weitgehend konstant, ihr Anteil ging aber um zehn Prozentpunkte auf 58 Prozent zurück.

Die Zahlen deuten auch an, dass Berufspendler – wie in Großstädten üblich – eine wichtige Rolle spielen: 121.200 Frauen und Männer kommen von außerhalb zur Arbeit nach Mannheim. Umgekehrt arbeiten 58.300 der Einwohner der Quadratestadt jenseits ihrer Grenzen.

Diesen Aspekt streicht auch der ZEW-­Experte Eduard Brüll in ­seiner Standortanalyse heraus: Mannheim profitiere von einem „Nettoeinpendlerüberschuss“, was die Attraktivität als Arbeitsstandort erhöhe. Nach Corona habe sich insbesondere der Anteil von Pendlern erhöht, die über zwei Stunden Fahrzeit pro Strecke in Kauf nehmen.

Beim Anteil von Hochschulabsolventen an der gesamten ­Beschäftigtenzahl belegt ­Mannheim Platz 30 unter den 91 deutschen ­Universitätsstädten. Das hat sich im Vergleich zu lokalen Konkurrenten in den letzten Jahren nicht verändert. Unter anderem profitiert die Quadratestadt davon, dass das nur 20 Kilometer entfernte Heidelberg viele hochqualifizierte Auspendler hat. Auch aus ­Karlsruhe und weiteren Hochschulstandorten gebe es ­einen starken Zustrom qualifizierter Bewerberinnen und Bewerber,­ sagt Brüll. Die Stadt profitiere zudem von der guten Anbindung an ­andere Regionen, und die Unternehmenslandschaft sei vielfältig und aufnahmefähig.

Das Fazit: In Sachen Arbeitsmarkt profitiert Mannheim von den Hochschulen in der Stadt und der Umgebung und von ­seiner zentralen­ Lage zu Ballungszentren wie Frankfurt und Stuttgart. Die Quadratestadt kämpft aber wie andere Städte auch mit einer­ deutlichen Überalterung der Belegschaften. Eine signifikante Kennzahl für die im Vergleich günstige­ Lage in Mannheim ist die Arbeitsmarktanspannung. Sie steigt mit der Schwierigkeit, ­offene ­Stellen zu besetzen, was verbunden ist mit höheren Kosten für eine ­intensive Personal­suche. Hier, das ergibt die Studie des ZEW, steht Mannheim deutlich besser da als der Bundesdurchschnitt.

Besonders im Bereich „Experte“ bietet der Arbeitsmarkt in Mannheim für die ­Unternehmen gute Möglichkeiten.