Wirtschaftspolitische Strategie der Stadt Mannheim
Neue Ziele zum 10. Geburtstag

Bringen den Wirtschaftsstandort Mannheim voran: Wirtschaftsbürger-
meister Michael Grötsch und Christiane Ram, Leiterin der Wirtschaftsförderung Foto: Tröster/Stadt Mannheim

Im März 2010 hat der Mannheimer Gemeinderat die Wirtschaftspolitische Strategie der Stadt Mannheim einstimmig verabschiedet. Zum 10. Geburtstag ziehen Wirtschaftsbürgermeister Michael Grötsch und Christiane Ram, Leiterin der Mannheimer Wirtschaftsförderung, ein erstes Fazit und blicken in die Zukunft. 

Was war vor zehn Jahren die Motivation für die Stadt Mannheim, eine eigene wirtschaftspolitische Strategie auf den Weg zu bringen? 

Michael Grötsch: Schon damals hatte sich der Wirtschaftsstandort Mannheim in vielen Bereichen eine gute Ausgangsposition erarbeitet und lag in aktuellen Rankings – von Wirtschaftskraft über Beschäftigungsentwicklung, Lebensqualität, Immobilienmarkt bis zu Einzelhandel – auf vorderen Plätzen. Doch uns war klar, dass wir weiter voran-kommen wollen, und so entwickelten wir eine Strategie, um Mannheim als führenden Wirtschafts- und Industriestandort besser zu positionieren. Im Übrigen war dieses eines der wichtigsten und am breitesten aufgestellten Projekte im Rahmen von CHANGE2, dem Masterplan der Stadt zur grundlegenden Modernisierung und Neuausrichtung der Verwaltung. Mit im Boot waren zwei große Wirtschaftsberatungsunternehmen sowie eine Projektgruppe mit bis zu 70 Entscheidern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, den Kammern, Verbänden, Gewerkschaften, der Region sowie der Stadtverwaltung Mannheim. 

Christiane Ram: Bei meiner Bewerbung um die Stelle der Leiterin der Wirtschaftsförderung, die ich im März 2012 antrat, hat mich dieser Ansatz gleich motiviert und begeistert, weil er für eine städtische Verwaltung sehr ungewöhnlich ist. Die vorgegebenen acht Managementziele zur operativen Steuerung der Arbeit, denen Budgets und Kennzahlen zugeordnet sind, sowie die Einführung einer Matrixorganisation, bei der Funktionen und Projekte zusammengeführt werden – das ist nahe an den Strukturen der Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten und allein schon deshalb sinnvoll für eine Wirtschaftsförderung. Diese Organisationsform hat zu einem sehr lebhaften und offenen Austausch innerhalb der Wirtschaftsförderung geführt. 

Und wie sahen im Wesentlichen die Inhalte aus? 

Grötsch: Erklärtes Ziel war und ist es, die Zahl der Unternehmen und der qualifizierten Arbeitsplätze in Mannheim zu steigern – durch die Förderung und Unterstützung der Bestandsunternehmen sowie von Existenzgründungen und durch die Ansiedlung neuer Firmen. Die Schaffung und Vermarktung neuer Gewerbeflächen steht dabei ebenso im Fokus wie regelmäßige Firmenbesuche und Gespräche. Ergänzend wurde der Aufbau und die Weiterentwicklung bestimmter Kompetenzfelder mit großem wirtschaftlichem Potenzial und einer hohen Innovationskraft auf die Agenda gesetzt. Einen Schwerpunkt haben wir vor allem bei den Bereichen Medizintechnologie und Kultur- und Kreativwirtschaften gelegt. Ebenfalls verstärkt gefördert werden die regionalen Kompetenzfelder Energie(effizienz) und Umwelt sowie Prozess- und Produktionstechnologie. Neu etabliert wurde der Bereich „Menschen und Kompetenzen“, der die Wirtschaft beispielsweise durch eine enge Kooperation mit den Hochschulen im Wettbewerb um die besten Köpfe und Talente unterstützt. Dass wir bei den Zahlen von 2018 ein Allzeithoch von über 190.000 bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erreichen, betrachten wir als eine Bestätigung unserer erfolgreichen Arbeit. 

Ram: Inzwischen ist Mannheim eine echte Spitzenadresse für Start-ups aus diesen Branchen geworden. Es gibt kaum eine Stadt, in der es allein durch die zahlreichen Existenzgründungszentren eine derart perfekte Infrastruktur für junge Unternehmen gibt – und wir haben noch viel vor. Um nur zwei aktuelle Beispiele zu nennen: das „CUBEX ONE“ auf dem neuen Mannheim Medical Technology (MMT-) Campus, dessen Gesamtentwicklung federführend und projektleitend durch die Mannheimer Wirtschaftsförderung erfolgt. Der Campus wird in einer ersten Phase gleich vier Gebäude für Ansiedlungen aus der MedTech-Branche bieten. Über einen eigens eingestellten Projektmanager schaffen wir derzeit zusätzlich die Voraussetzungen für ein neues Gründungs­zentrum Umwelt- & Energietechnologien. Eine echte Erfolgsstory ist zudem unser Netzwerk Smart Production, bei dem wir die Digitalisierung der Wirtschaft vor Ort fördern. Die Plattform zählt inzwischen rund 50 Mitglieder. 

Haben Sie nun all Ihre Ziele erreicht?

Grötsch: Natürlich sind wir stolz, dass wir so weit vorangekommen sind. Doch in den letzten Jahren sind neue Herausforderungen auf uns zugekommen. Deshalb haben wir unsere Strategie weiterentwickelt. Leistungen, die auch im Rahmen unserer regelmäßigen Unternehmensbefragungen von den Firmen positiv bewertet werden, wie Service- und Kundenorientierung sowie eine schnelle Erreichbarkeit und gleichbleibende Ansprechpartner, werden wir natürlich beibehalten und optimieren. Doch neue Themen wie Nachhaltigkeit sollen eine wichtigere Rolle spielen. 

Ram: Ein Beispiel für neue Themen, mit denen wir uns mehr beschäftigen möchten, ist die Social Economy, deren Player wir zu einem lokalen Netzwerk verknüpft haben. Im November 2020 wird Mannheim Gastgeber des European Social Economy Summit 2020 sein. Die Wirtschaftsförderung ist bereits Mitglied im Netzwerk „European Social Economy Regions“ und stimmt mit einer ganzen Reihe regionaler Veranstaltungen auf dieses große Event ein.

Im Rahmen einer „strategischen Frühaufklärung“ treffen sich die Experten unserer Wirtschaftsförderung zudem mehrmals im Jahr, um für den Wirtschaftsstandort wichtige Themen und Trends zu identifizieren. Daraus sollen neue Projekte resultieren, die Mannheimer Unternehmen proaktiv unterstützen und unserer „Treiberrolle“ gerecht werden. Bei diesen Themen würde ich mich über einen noch stärkeren Austausch mit unseren Unternehmen am Standort freuen. 

Die Fragen stellte Ulla Cramer.