Wissenschaft

Starke Stimme in der europäischen Wirtschaftsforschung

Das ZEW festigt seinen Ruf auch mit prominent besetzten eigenen Veranstaltungen.
Foto: ZEW/Anna Logue

Fundierte Denkanstöße für Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – damit hat sich das ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim einen exzellenten Ruf erarbeitet. In gut drei Jahrzehnten haben die Forscherinnen und Forscher des ZEW, wie es kurz heißt, einen Spitzenplatz unter den führenden europäischen Wirtschaftsforschungsinstituten erreicht.

Von Dieter Keller

Unser Anspruch ist es, Wissenschaft zum Nutzen der Gesellschaft zu betreiben“, heißt es dazu im Jahresbericht. Rund 110 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben allein 2024 fast 170 Forschungsprojekte bearbeitet und weit über 500 Vorträge auf Konferenzen gehalten. Dabei wurden sie von rund 70 weiteren Beschäftigten unterstützt. Im Zentrum stehen anwendungsbezogene Fragestellungen.

„Deutsche Wirtschaft verlor 2024 fast 200.000 Unternehmen“, „Unternehmen versichern sich gegen Cyberattacken“, „Umweltfreundliche Standards bei Ausschreibungen nicht nur positiv“ – die Überschriften einiger Veröffentlichungen des ZEW aus den vergangenen Monaten zeigen das große Themenspektrum und den Praxisbezug der Arbeiten. Die Gründung des ZEW 1990 ging auf eine Initiative der Universität­ Mannheim, der Wirtschaft und der Landesregierung­ Baden-­Württemberg zurück. Hier war der damalige Minister­präsident ­Lothar Späth die entscheidende Kraft.

Heute ist das ZEW in neun Forschungsbereichen und -gruppen ­aktiv, von der Altersvorsorge und nachhaltigen Finanzmärkten über Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen bis zu Ungleichheit und Verteilungspolitik. Die Unternehmensbesteuerung steht ebenso im Fokus wie Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik. Eines allerdings fehlt bewusst: die klassische Konjunkturforschung. Der langjährige Präsident Prof. Wolfgang Franz begründete das einmal damit, dass sich mit dieser bereits die anderen großen Wirtschaftsforschungsinstitute beschäftigten: „Da braucht es nicht auch noch eine Konjunkturprognose vom ZEW.“

Dafür liefern die Mannheimer jeden Monat einen viel beachteten Frühindikator für die wirtschaftliche Lage in Deutschland: Schon seit 1991 befragt das ZEW im Rahmen seines Finanzmarkttests monatlich bis zu 300 Expertinnen und Experten von Banken, Versicherungen und Finanzabteilungen von Großunternehmen nach ihren Einschätzungen und Prognosen wichtiger internationaler ­Finanzmarktdaten. Aus den Ergebnissen errechnet es einen Indikator über die Konjunkturerwartungen, der auch in den Wirtschaftsmedien viel beachtet wird. Egal ob sich die Erwartungen aufhellen oder eintrüben, in jedem Fall zeigt der Wert gerade im langfristigen Trend, wie sich die Konjunkturerwartungen entwickeln.

Dieser erfolgreiche Indikator wurde bereits unter dem Gründungsdirektor Prof. Heinz König entwickelt. Für noch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit wie in der Forschungswelt sorgten seine Nachfolger: Von 1997 bis 2013 prägte Franz das ZEW als Präsident. Er machte sich und damit auch dem Institut einen Namen in der breiten Öffentlichkeit als Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. 15 Jahre lang war er einer der „fünf Wirtschaftsweisen“, davon vier Jahre Vorsitzender des Gremiums. Seine Nachfolge beim ZEW übernahm 2013 Prof. Clemens Fuest, der nach drei Jahren zum Münchner ifo ­Institut wechselte.

Wir können Impulse geben und die Datenbasis für Entscheidungen liefern.

ZEW-Präsident Prof. Achim Wambach

Seither hat Prof. Achim Wambach den Präsidenten-Posten in Mannheim inne. Er wurde insbesondere als Mitglied der Monopol­kommission bekannt, der er von 2014 bis 2022 angehörte, lange Jahre als Vorsitzender. Im Oktober 2024 wurde er Mitglied des Deutschen Ethikrats, der sich mit ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen beschäftigt.

Bald nach seiner Gründung bezog das ZEW 1996 ein eigenes­ Gebäude, verkehrsgünstig gelegen zwischen Hauptbahnhof und Mannheimer Schloss, wo die Universität angesiedelt ist. An ihrer­ Abteilung Volkswirtschaft hat der jeweilige ZEW-Präsident einen Lehrstuhl inne. So etwas wie der Ritterschlag für die wissenschaftlichen Leistungen war 2005 die Aufnahme in die Leibniz-­Gemeinschaft, einen der großen Zusammenschlüsse außer­universitärer Forschungsinstitute Deutschlands. Bei ihren Evaluie­rungen schnitt das ZEW danach regelmäßig exzellent ab, zuletzt 2023.

„Unsere Forschungsbereiche haben alle ihre eigenen Alleinstellungsmerkmale“, erklärt Wambach. Deshalb bekomme das ZEW viele Forschungsgelder und Aufträge von Ministerien. Es könne der Politik Anregungen mit Erkenntnissen aus der Forschung geben. So untersuchte das ZEW 2024 beispielsweise in einer Pilotstudie für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales den Zusammenhang von Innovation und Arbeit. Für das Bundesbildungsministerium­ nahm es mit dem Projekt „MetaFin“ die Wirkung von Finanz­bildung unter die Lupe. Drittmittel steuern gut ein Drittel zum Jahresetat von rund 21 Millionen Euro bei. Der Rest kommt vom Land Baden-Württemberg sowie aus der Bund-Länder-Finanzierung.

Nach der Corona-Pandemie konnte das Institut aufzeigen, warum Deutschland so schnell aus der Krise herauskam: Das Kurzarbeitergeld wirkte ebenso wie die Mehrwertsteuersenkung. Seine Untersuchungen zeigten, dass die Unternehmen die Senkung großenteils an die Verbraucher weitergaben, was den privaten Konsum anregte.

Darüber hinaus profiliert sich das ZEW immer wieder mit eigenen Veranstaltungen. Schon König rief die Vortragsreihe „Wirtschaftspolitik aus erster Hand“ mit Prominenten aus Wirtschaft und Politik ins Leben.­ Ob Bundesbankpräsident­ ­Joachim Nagel­ oder Nobelpreisträger Prof. Joshua Angrist – viele prominente Namen kommen zum ZEW nach Mannheim oder auch zu Veranstaltungen in Stuttgart oder Brüssel.­ Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete hier im Rahmen eines Vortrags ihr erstes Konjunkturprogramm.  ν

 

Foto: ZEW/Anna Logue

Zur Person

Achim Wambach ist Professor für VWL an der Universität Mannheim. Von 2014 bis 2022 war er Mitglied der Monopolkommission, 2016 bis 2020 ihr Vorsitzender. 2024 wurde er in den Deutschen Ethikrat berufen. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz.