
Mit dem Alter sinkt die körperliche Belastbarkeit. Gefragt sind arbeits- und unternehmensorganisatorische Strategien, um ältere Arbeitskräfte im Unternehmen zu halten. Denn der Nachwuchs fehlt, und das Wissen der Älteren soll nicht verloren gehen.
Von Jörg Runde
Sie erinnern an Science-Fiction-Filme oder Superhelden-Outfits: Exoskelette, also tragbare Stützstrukturen, die versprechen, die Arbeit zu erleichtern, körperliche Belastungen zu verringern und den Menschen in der Arbeitswelt zu unterstützen. In der Industrie, der Pflege und sogar am Bau werden sie erprobt. „Exoskelette sind ein spannender technischer Ansatz, um Muskel-Skelett-Erkrankungen vorzubeugen“, glaubt Klaus Westhoff, Experte für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) aus Lengerich in Nordrhein-Westfalen. Tatsächlich versprechen die künstlichen Stützsysteme, Rücken und Gelenke zu entlasten.
Hilfreich wäre das vor allem für Menschen, die ständig schwere Lasten heben oder monotone Bewegungen ausführen. Doch die Nutzung in Werkshallen und Lagerhäusern stößt bislang noch an Grenzen. In Industrie und Logistik hätten sich Exoskelette vereinzelt etabliert, sagen Fachleute für Arbeitsorganisation. Im Arbeitsalltag seien sie aber kaum angekommen. „In der Praxis ist die Integration von Exoskeletten nicht so leicht. Entscheidend für den dauerhaften Einsatz sind Akzeptanz, Tragekomfort und einfache Handhabung – und da gibt es noch Nachholbedarf“, sagt Klaus Westhoff.
Es gibt unterschiedliche Modelle und Funktionsweisen. Manche Exoskelette unterstützen einzelne Körperregionen wie Beine, Rumpf oder Arme, manche den ganzen Körper. Das Problem: Exoskelette helfen bisher bei bestimmten Arbeiten, etwa dem Anheben und Versetzen von Lasten, Arbeiten überkopf oder in vorgebeugter Haltung – etwa beim Pflastern und Fliesenlegen. Doch kein Exoskelett unterstütze alle Tätigkeiten gleichzeitig, moniert etwa das Handwerk. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) empfiehlt sie nur in Ausnahmefällen.
Bei Roche in Mannheim hat man von einem Einsatz mittlerweile Abstand genommen: „In der Vergangenheit kamen bei Roche passive Exoskelette in der Logistik zum Einsatz, um die körperliche Belastung der Mitarbeiter zu verringern“, sagt ein Unternehmenssprecher. „Die Akzeptanz war jedoch gering, die Mitarbeiter fanden die Skelette unkomfortabel und im Arbeitsalltag wenig praktikabel.“
Daher baut das Unternehmen auf andere Lösungen und setzt stattdessen gezielt an der Ursache an, durch eine ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze: „Unser Ziel ist es, durch gezielte Maßnahmen wie die Optimierung von Arbeitsprozessen eine nachhaltige und ganzheitliche Lösung zu schaffen.“
Eine Untersuchung der Personalstruktur schärft den Blick für die wichtigen Positionen im Betrieb, für Fachleute, Spezialisten und erfahrene, gut qualifizierte Mitarbeiter, die nicht so leicht zu ersetzen sind.
Bundesagentur für Arbeit
Experte Westhoff mahnt, die Erwartungen an Exoskelette realistisch zu halten: „Man sollte die Exoskelette als Baustein im Arbeitsschutz betrachten, nicht als Patentlösung.“ Entscheidend bleibe ein ganzheitliches Präventionskonzept. Dazu gehören seiner Meinung nach vor allem ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze, gezielte Bewegungspausen und Schulungen für die richtige Körperhaltung. Dennoch könnten technische Hilfsmittel ein wichtiger Baustein sein, insbesondere wenn sie weiterentwickelt werden. Moderne Exoskelette werden immer leichter, flexibler und intelligenter. Sensoren und smarte Steuerungen könnten künftig die Akzeptanz verbessern, so Westhoff: „Die Technik ist rasant in Entwicklung – aber am Ende muss sie zum Menschen passen, nicht umgekehrt.“
„Wichtig sind arbeits- und unternehmensorganisatorische Strategien, um ältere Menschen im Berufsfeld zu unterstützen“, sagt Bettina-Johanna Krings vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Produkte zur Unterstützung von älteren Beschäftigten müssten eingebettet werden in eine Unternehmenskultur, in der ältere Menschen wertgeschätzt werden. „Aus unseren Projekten haben wir gelernt, dass das Thema alternde Belegschaften in der Industrie angekommen ist“, sagt sie, insbesondere, wenn Arbeitsbedingungen sehr anstrengend und körperlich fordernd sind.
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) spricht von einem „Aha-Effekt“, wenn Unternehmen erstmals über die Analyse von Altersstrukturen und Qualifikationen im Betrieb herausfinden, wo ihre Personalrisiken liegen. „Dann kommen unter anderem Rekrutierungsprobleme, der Verlust von Erfahrungswissen und dadurch mögliche Qualitätseinbußen ans Tageslicht“, schreibt die BA. Eine Untersuchung der Personalstruktur schärfe den Blick für die wichtigen Positionen im Betrieb, für Fachleute, Spezialisten und erfahrene, gut qualifizierte Mitarbeiter, die nicht so leicht zu ersetzen sind.
Schichtplangestaltung für Ältere, weniger Wochenenddienste und flexible Zeitgestaltung hält Krings für wichtige Maßnahmen, um ältere Mitarbeiter in ihren Arbeitsplätzen zu halten. Grundsätzlich sei die Arbeitskultur in Deutschland – im Gegensatz zu skandinavischen Ländern – relativ altersdiskriminierend. „Die Vorstellung, dass ältere Beschäftigte nicht mehr leistungsfähig sind, hält sich hartnäckig. Dabei wäre es wichtig, Arbeitsräume so zu gestalten, dass sich junge Menschen, Menschen mittleren Alters und ältere Beschäftigte in ihren Fähigkeiten und Erfahrungen gut ergänzen können.“

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